Violet

Bas Devos’ Charakterstudie erzählt von Trauma und Heilung eines jugendlichen Mordzeugen und streift dabei die Ränder des Experimentalfilms.

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Die ersten Minuten von Violet zeigen Jesse noch als unbeschwerten Jugendlichen – auf dem stummen Screen einer Überwachungskamera in einem Einkaufszentrum. Auf zwei von insgesamt drei aktiven Bildschirmen sehen wir je zwei Jungs vor einem Schaufenster, auf dem vierten, abgeschalteten Monitor das Spiegelbild eines gelangweilten Wächters. Als der aufsteht und rausgeht, kommt Leben in die anderen Bilder und kurz darauf der Tod. Ein scheinbar typisches pubertäres Gerangel zwischen den Teenagern entpuppt sich als ein aus dem Nichts kommender brutaler Angriff.

Kühle und Distanz

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Als Jesses niedergestochener Freund Jonas am Boden liegt, überwindet der Film die räumliche Distanz und akustische Abschottung und springt direkt an den Tatort. In hörbare Nähe des Protagonisten kommen wir also erst, als er aus jeder äußeren und inneren Sicherheit geworfen ist, und begleiten ihn nun beim Versuch, einen Rückweg zu finden. Wobei „Nähe“ hier – wie im gesamten Film – sehr relativ ist. Am unteren Kaderrand sehen wir verschwommen den Lenker eines umgestürzten Rades und eine sich schwach hebende Hand, dahinter, scharfgestellt, den versteinerten Jonas. Auf der Tonspur ist ein Röcheln zu hören. Die Kamera fährt langsam zurück, Schwarzblende, Polizeisirenen im Off.

Diese Anfangssequenz ist in ihrer Kühle und Strenge konstitutiv für den ganzen Film, der sich den üblichen Mitteln der Einbindung oder gar Überwältigung des Zuschauers verweigert. Der flämische Regisseur Bas Devos versucht, den Bewusstseinszustand des jugendlichen Mordzeugen nicht über Plot, Dialog und Dramatik, sondern beinah ausschließlich über Bild- und Tongestaltung zu evozieren. Die Handlung jedenfalls lässt sich schnell umreißen: Unfähig, über das Erlebnis zu reden, erfährt Jesse innerhalb seiner BMX-Fahrrad-Clique nicht etwa Trost und Unterstützung, sondern Abweisung und Misstrauen. Er versucht den Schock mit einer Art Konfrontationstherapie zu verarbeiten, indem er sich mit Jonas’ Familie trifft, dessen Rad an sich nimmt und schließlich erneut den Tatort aufsucht.

Ein Beobachtungsfilm

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Auch wenn dieser Plot an keinem Punkt unverständlich ist, setzt Violet einen Zuschauer voraus, der bereit ist, sich ganz auf seine Gestaltung zu konzentrieren. Das erleichtert Devos aber auch insofern, als er die Aufmerksamkeit permanent und offensiv auf die filmischen Mittel lenkt. Gleich auf den ersten Blick fällt das klassische, heute kaum noch eingesetzte 1.37:1-Bildformat auf, das für unseren Breitwand- und CinemaScope-geschulten Blick im Kino sehr ungewöhnlich und fast quadratisch wirkt. Unter anderem demonstriert der Film, wie vorzüglich es zum Studium einzelner Gesichter geeignet ist. Innerhalb seiner langen, kunstvoll kadrierten Einstellungen arbeitet Violet durchgängig mit starken Kontrasten: scharf gegen unscharf, nah gegen fern, und entsprechend auf der Tonspur: laut gegen leise. Über diese Kombinatorik entstehen zahlreiche Bilder, die schon ganz für sich reizvoll sind: fliegende Fahrräder vor dichtem Wald auf dem BMX-Übungsgelände, ein Auto, das auf einer stark befahrenen Straße zum einzigen Fahrzeug wird, mit einem in seiner Gruppe isolierten Insassen.

Manchmal ist die Illustration von Jesses Seelenleben evident – etwa in der berückend schönen Einstellung, die aus der Sicht des versteckten nächtlichen Beobachters das Leben hinter den beleuchteten Fenstern des Hauses von Jonas’ Familie zeigt. Oder wenn die vorangegangene Stille jäh von brachialem Lärm zerrissen und wir auf ein Konzert der Black-Metal-Band Deafheaven geworfen werden – und die Kamera aus den wie gleichförmig angeordneten bläulich-schwarzen Silhouetten des Publikums allmählich Jesses Gesicht herausschält. Eine Sequenz, die nicht nur wegen des gleichnamigen Songtitels „Violet“ wie das Herzstück des Films wirkt. In anderen Szenen scheint die Kopplung an die Hauptfigur nicht unmittelbar gegeben und der Film in ein Gruppenporträt oder ein Stimmungsgemälde zu mäandern – die in verschiedenen Formationen radelnde Clique, Stillleben einer Einfamilienhaussiedlung bei Tag und bei Nacht. Und gelegentlich geht Violet auch ganz in ein experimentalfilmartiges Studium von Farben, Formen und Fliegengittern über.

Weißer Dampf in stillen Straßen

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Manchmal also scheinen sich die Darstellungsmittel ganz von einem Darzustellenden zu lösen, bewegen sich hart am Rande des Manierismus und diesseits der Grenze, an der aus Gestaltung Form wird. Damit macht es einem dieser in seine Ausdrucksmöglichkeiten regelrecht vernarrte Film nicht immer leicht. Doch wenn man sich darauf einlässt, dann entfaltet Violet über den Umweg der Formalisierung und Distanzierung doch eine stille emotionale Kraft, die Erfahrung einer Abgeschiedenheit und der Sehnsucht nach ihrer Überwindung. Die sich unterschwellig aufbauende Stimmung findet einen enigmatischen Höhepunkt, wenn bei einer langsamen Kamerafahrt durch die frühmorgendliche Siedlung, hinweg über Jonas’ auf den Asphalt geworfenes Rad, schließlich ein dichter weißer Dampf durch die stillen Straßen quillt und alles verhüllt.

Eine sympathische Note ist übrigens der interessant gestaltete Abspann, der nahelegt, den Film als Arbeit eines durchweg gleichberechtigten Teams zu verstehen.

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