Villa Amalia

Wie viel Kraft das Vergessen kostet und welche Kräfte es frei setzt, danach fragt der französische Regisseur Benoît Jacquot in seiner Verfilmung Villa Amalia des gleichnamigen Romans von Pascal Quignard.

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Ob sie mit ihrer Familie in den Ferien sei? „Nein“, antwortet die erfolgreiche Komponistin Ann Hidden (Isabelle Huppert) der jungen Unbekannten freundlich. Und sie habe auch keine Familie. Die zierliche Musikerin mit den kurzen, rot schimmernden Haaren schluckt und schiebt beinahe beiläufig hinterher: „Es ist aber auch nicht schlimm, keine Familie zu haben.“ Dann lächelt sie. Zu dem Zeitpunkt, als Ann diese Erkenntnis äußert, hat sie bereits alles hinter sich gelassen – ihren Mann Thomas (Xavier Beauvois), ihre Mutter, ihr Haus, ihre Freunde.

Ein paar Tage zuvor sitzt Ann Hidden in einem ausgebuchten Pariser Konzertsaal am Flügel und spielt eine ihrer Kompositionen. Ganz plötzlich hält sie inne, steht auf und verlässt die Bühne. „Wohin gehen Sie?“, fragt der Immobilienmakler Ann, als sie kurz darauf ihr Haus verkauft. „Ich geh’ fort.“ Ein freundliches Nicken, stilles Einverständnis.

Das wichtigste in ihrem bisherigen Leben, die eigene Musik (komponiert von Bruno Coulais), wird in Villa Amalia von hier an nur noch als Erinnerung wie ein innerer musikalischer Monolog nachhallen. Um diese entscheidende Bruchstelle zu markieren, setzt Jacquot hier ein Stück ein, das nicht aus Anns Feder stammt: Purcells „O solitude my sweetest choice“, interpretiert von dem Countertenor Alfred Deller. Die Gefahr, durch diese musikalische Entscheidung in eine pathetische oder schwülstige Tonlage abzudriften, bannt Jacquot durch das nüchterne Zusammenspiel von Kamera und Montage, die Anns Reise in teilweise sehr schnellen Einstellungswechseln dokumentieren. Es scheint hier fast, als sei der Film selbst von den Handlungen der dünnen Frau mit dem resoluten Schritt überrascht oder gar überfordert.

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Anns überaus plötzlicher und unvermittelter Aufbruch gleicht einer Flucht. Es muss schnell gehen das Verschwinden. Und es geht Ann bei ihrer Flucht vor allem darum, immer mehr hinter sich zu lassen: Ihr Haus, ihr Bankkonto, ihr Mobiltelefon. Als die bislang gut situierte Musikerin schließlich sogar ihre Kleidung wegwirft und sich mit einer neuen, aufs Allernötigste reduzierten Garderobe eindeckt, scheint es, als müsse sie einen inneren Dämon besiegen. Stellenweise wirken Anns Handlungen nahezu selbstzerstörerisch, selbstauslöschend.

Wovor Ann flieht, wovon sie sich unbedingt befreien muss und was sie vergessen will, das lässt Benoît Jacquot erst vollständig ans Licht treten, als Ann es bereits hinter sich gelassen hat. Ihre Reise führt sie über Belgien, Deutschland und die Schweiz auf eine abgeschiedene Insel vor der neapolitanischen Küste. Sie bezieht die bescheidene „Villa Amalia“.

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Und mit einem Mal findet der Film eine gewisse Ruhe und sieht Ann dabei zu, wie sie auf einer sonnigen Terrasse Tintenfisch isst und ein Glas Weißwein trinkt. Wie nach einem Schock kommt Ann allmählich zu sich und beginnt über ihr bisheriges Leben zu sprechen – in drei Begegnungen. Ganz ähnlich wie die immer wieder auftauchenden Versatzstücke ihrer Kompositionen, kommen diese Begegnungen ganz unvermittelt daher und wirken beinahe wie Tagträume: Ann begegnet einer alten, vom salzigen Meereswind gegerbten Bäuerin, einer jungen Frau (Maya Sansa), welche die Nähe zu Anns Körper sucht, und ihrem alten Freund Georges (Jean-Hugues Anglade), der sie nach einiger Zeit in ihrem neuen Leben – „Auf meiner Insel“ – besucht. In jeder dieser Begegnungen erzählt die Musikerin von sich und ihrer Kindheit, sodass Regisseur Benoît Jacquot ganz allmählich die tiefer liegenden Schichten ihrer Psyche freilegt. Durch dieses therapeutisch anmutende Verfahren verkommt der Film nicht zu einem äußerlichen Selbstfindungstrip à la Eat, Pray, Love (2010), sondern verdichtet sich zu einem immer komplexeren Psychogramm der Hauptfigur.

Zufälligerweise steht die Figur der Ann Hidden in exakter Opposition zu jener Kaffeeplantagenbesitzerin Maria Vial, die Huppert jüngst in White Material (2010) von Claire Denis spielte. Es sind zwei absolute Grenzgänge für die Schauspielerin Isabelle Huppert: Bei Denis krallt sich Huppert an ihre Familie und die Kaffeeplantage, bei Jacquot nun scheint es gar keine andere Lösung für sie zu geben, als sich von allem – selbst der Musik – loszusagen. Ann Hidden trifft ihre Entscheidungen dermaßen resolut und entschieden, wie es nur ein Mensch tun kann, der im Grunde um sein Überleben bangt.

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Auch der Zuschauer bangt am Ende von Jacquots Film einen Moment lang um das Leben von Ann, wenn sie in einer Total-Einstellung als kleine Figur in ihrer „Villa Amalia“ verschwindet und die Kamera noch einige Augenblicke lang ihr Verschwundensein festhält. Musikalisch betrachtet gleicht dieser Moment einem Ritenuto, einem plötzlichen Innehalten. Nur die Zikaden sind an dieser Stelle noch zu hören. Der hierauf folgende Blick auf das blaue und ewige Meer verheißt nichts Gutes. Aber dies ist erst die vorletzte Einstellung des Films.

Trailer zu „Villa Amalia“


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