Victoria

Aus der Afterhour wird ein Albtraum, und in Berlin wird’s langsam hell.

Victoria 01

Dröhnender Minimaltechno donnert über die Titel zu Sebastian Schippers wahnhaftem Kraftakt-Film. Abgelöst wird der schwarze Hintergrund durch grelles Flickerlicht, das den Kinoraum zittern lässt. Amorphe Formen zucken über die Leinwand; die Kamera bewegt sich hinein ins Licht, findet das Gesicht einer jungen Frau, sie hat sich zu ihr durchgewühlt. Victoria (Laia Costa) heißt dieses junge Mädchen, sie kam aus Madrid nach Berlin, vor drei Wochen ist sie angekommen; sie tanzt in einem Berliner Club, auf der Suche nach Anschluss. Von nun an und für die nächsten 140 Minuten wird die Kamera sie nicht mehr aus ihrem Einzugsgebiet freigeben: Ein einziger Take wird sie nach über einer Stunde wieder an diesen Ort zurückführen, wird sie ein zweites Mal aus dem Club begleiten, bis Victoria sie nach über einer weiteren Stunde nicht unweit dieser Stelle hinter sich lassen wird. Angelpunkt und Zentrum des Films wird ein Banküberfall sein, Victoria wird vor der Filiale im Auto warten, auf drei maskierte Kumpels, mit denen sie eigentlich nur die klassische Berliner Afterhour verbringen wollte: Spätibier, Verkehrsinseltanz und Rooftop-Romantik.

Langsam wird es hell

Victoria 06

Was sich zunächst anhört wie ein blasiertes formalistisches Experiment, das nach dem Guinness- Buch giert, bevor es gemäß einer eigenen Logik an das Medium appelliert (Russian Ark (Russkiy kovcheg, 2002), der wahrscheinlich bekannteste One-Take-Film der letzten Jahre, hat gerade mal eine Dauer von 99 Minuten), stellt sich aber schon sehr früh als ein großartig verdichtetes Echtzeitereignis heraus. Das hat vermutlich auch damit zu tun, dass Schippers Methode gerade nicht darin besteht, diese gigantische Plansequenz im Sinne einer produktionsästhetischen Selbstbezüglichkeit als eben etwas derart Gigantisches zu exponieren. Vielmehr will er tatsächlich ungebrochen seinen rastlosen Figuren folgen, hinein in den Albtraum, den sie sukzessive erschließen werden, nach allen Regeln einer auf Spannung und Atemlosigkeit abzielenden Thrillerdramaturgie. Dass es in Berlin allmählich hell wird, während fünf junge Menschen vom Vollrauschflirt in den Mafiakeller, vom Banküberfall in die Lebensgefahr taumeln, ist vielleicht der eigentliche ästhetische Kern des Films. Hier steht gewissermaßen der geruhsame, kontinuierliche, neutrale Weltlauf quer zum exzessiven Tempo, durch das die Figuren vom einen ins andere getrieben werden. Eine Zeit, die sichtbar in sich zerrinnt, aus der Nacht in die Dämmerung, aus der Dämmerung ins Tageslicht, kollidiert mit der Zeit des angespannten Wartens vor der Bankfiliale, des hektischen Rangierens mit dem Fluchtauto, oder auch mit der Zeit, die sich einzustellen scheint, wenn sich die Liebenden zum ersten Mal näherkommen wollen.

Der Teufel tanzt schon

Victoria 03

Dass sich die äußere Zeit derart ungebrochen und kompromisslos von Gegenwart zu Gegenwart staut – und natürlich gibt es für deren Bildwerdung keine besseren Stunden als die frühe Dämmerung –, macht die eigentliche Irreversibilität, deren sich allesamt noch schmerzlich bewusst werden müssen, schon deutlich. Je heller es draußen wird, desto düsterer, brutaler, unumkehrbarer gestaltet sich das Szenario für Victoria und ihre neuen Freunde. Zu Beginn scheint noch alles harmlos auf die klassischen Adrenalinkicks im Vollrausch hinauszulaufen: eine halbe Schlägerei vor dem Späti, Hinunterbeugen vom Hausdach, selbst das halbgare Englisch, mit denen die vier Jungs um das Mädchen buhlen. Sonne (Frederick Lau) hat es geschafft, sich mit Victoria von der Gruppe loszueisen, er begleitet sie in das Café, in dem sie arbeitet und das sie bald aufsperren muss, Victoria setzt sich dort an ein Klavier, spielt den Mephisto-Walzer; der Teufel macht sich schon geltend. Im Konservatorium sagte man ihr, dass sie ihre Zeit vergeude; ein Leben lang habe sie sieben Stunden am Tag geübt, eine Vergangenheit intensivster Arbeit, die in keine Zukunft münden wird: Das ist Victorias Drama; und vielleicht wird sie später, wenn sie das gestohlene Auto in eine Tiefgarage voller Gangster lenkt, deshalb nur kurz feststellen: „They have guns“, bevor sie sich mit seltsamer Bereitschaft auf den Deal zwischen den Jungs und einem schleimigen Killer (André Hennicke) einlässt.

Zunehmende Instabilität

Victoria 02

Beeindruckend ist nicht der technische und organisatorische Irrsinn, nicht das abstrakte Wissen darüber, dass jeder Fehler nicht korrigierbar das Ganze zertrümmert, oder zumindest nicht an erster Stelle (dass Kameramann Strula Brandth Grøvlen im Abspann als Erster genannt wird, hat durchaus seine Berechtigung); einzigartig ist vielmehr die (Zuschauer-)Erfahrung, die sich mit und in der Zeit einstellt und die zunehmend selbst in den Modus des Ausgeliefertseins einschlägt. Dabei geht es nicht um ein realistisches Prinzip, nicht darum, dass die Bewegung vom Club über die Straße in den Aufzug auf das Hausdach und so weiter ihre reale Dauer enthält, nicht um einen Wirklichkeitssinn, der der realen Zeit die Treue schwört und uns dadurch etwa zu Komplizen verdammt. Im Gegenteil, genau das ist das hochgradig Künstliche an Victoria, dass sich schrittweise eine Ahnung erhärtet, nicht darüber, was als Nächstes geschehen wird, sondern darüber, dass es keine Außenperspektive geben wird, die außerhalb der Zeit stünde und von dort aus eine letztgültige Stabilität verspräche. Es scheint paradox, aber eben genau das ist das Künstliche, dass sich dort, wo die Zeit unangetastet scheint, eine zunehmende Instabilität erfahrbar macht, die alleine dadurch schon verursacht wird, dass sich die sukzessive Zeit der Dämmerung nicht mit der Zeit des Wartens, des Zuhörens, der Hektik, des Luftholens, des Technos identisch machen will. Es waltet ein unruhiges, grätschendes, zerstörerisches Prinzip zwischen diesen Zeiten und in unsrer Erfahrung, die genau in diesem Dazwischen anschwillt. Vielleicht – und das ist fraglos die konkrete Leistung von Victoria, die Bahnen, die die Figuren einschlagen, die Orte, in denen sie zirkulieren, die äußere und die innere Zeit, die miteinander dissonieren, nicht schlicht der Effekt, den die Plansequenz im technischen Sinne schon in sich hat – kommt man aus dem Kino und bleibt für einen Moment in dem kapitalen Irrglauben, dass dieser Film nicht noch einmal von vorne laufen wird.

Trailer zu „Victoria“


Trailer ansehen (3)

Kommentare


m

Überrumpelt von der Zeit

Kino als erweiterte Fotografie: Die Bilder des Films sind nicht nur großartig wegen der städtischen Atmosphären, Perspektiven, Unschärfen, Nähe der Kamera zu den Figuren, sie sind es vor allem, weil die Kamera selbst den Stream der Zeit verkörpert. Wenngleich sie stets die Nähe zu Victoria behält, wühlt sie sich wie ein Ding durch das Geschehen und scheint ihre Perspektiven immer wieder dem Moment überlassen zu müssen. Man fühlt sich bisweilen an Gaspar Noes "Irreversibel" erinnert, der dieses Prinzip durch eine rückwärts erzählende Handlung und eine völlig bodenlose Kamera (Benoît Debie) mehrfach und auf gekünstelte Weise gedoppelt hat. Mit der Wirkung, dass man sich als Zuschauer nicht vor einer Kinoleinwand zurücklehnen kann, dass man die menschliche Beobachterperspektive vergessen muss, dass man viel mehr selbst zur Kamera wird. Diese suggestive Technik zusammen mit einer rasenden Handlung erlaubt es, sich umso mehr mit den Figuren des Films zu verschwören. Und sie lässt sogar die große Naivität, Unvernunft oder Einfalt der Figuren im Lauf der dramatischen Ereignisse kritiklos gelten (was nicht heißen soll dass der Film nicht dennoch durch eine unverkrampfte Dramaturgie und glaubwürdige Hauptdarsteller glänzen würde).

Außerdem erlaubt der Film sogar noch eine ganz andere Parallele: nämlich die eines ziemlich planlosen, unselbstbewussten aber irgendwie auch authentischen und herzlichen Berlins, das von dunklen geldfixierten Mächten erst in die Erpressung, dann in Flucht und schließlich in die Agonie getrieben wird. Sowohl für die eingeborenen Berliner, als auch für all die internationalen Gäste, die in der Stadt ein Seelenheil suchen, das sie woanders längst nicht mehr finden können, bleibt am Ende nur ein Versprechen, das sich nicht einlöst. Die Zeugenschaft für diese Tragik, die auf der Straße beginnt und in einer Luxussuite endet, gehört in diesem Fall Victoria. Ob sie ihrem Namen gemäß eine Siegerin ist oder eine Traumatisierte, das bleibt dann schließlich die abschließende Frage.

M.B.


ule

Wenn dieser Film mit den üblichen Schnitt Standards produziert worden wäre hätte er noch nicht einmal einen Verleih bekommen.

"Ohne Schnitt" ist das einzig (vermeintlich) interessante Element des Films. Der Rest, gefühlte hundertmal und mehr gesehen, mit deutlich besseren Schauspielern. Was für ein in die Länge gezogener Mainstream Bullshit auf ZDF SOKO Niveau. Schauspieler, die zum Fremdschämen "improvisieren", d.h nicht die geringste Reife, das Talent bzw. den dafür notwendigen IQ mitbringen.

Anhand dieser Referenz hat Til Schweiger 2016 einen Ehrenbären für sein Gesamtwerk verdient.

2.12 h Zeitverschwenung mit GEZ Teenager Kino.

An die FSK: Ich erhoffe mir demnächst Warnhinweise im Sinne "Für Erwachsene nicht zu empfehlen" .


fredo

Tja, anders produziert worden "wäre", ist er aber nicht. Und deshalb ist all das hübsche Geschimpfe überflüssig. Das ist wie ins Kino zu gehen und sich hinterher darüber zu beschweren, dass da keine Bibliothek war. Oder sich einen Bankräuberfilm auszuleihen und hinterher zu meckern, dass es kein philosophisches Kammerspiel war. Oder ein experimenteller Kunstfilm. Man kann dem Film die Story und die Charaktere vorwerfen, nicht aber, dass diese den Film in seiner Entfaltung behindern oder dass der Film langweilig wäre. Im Gegenteil, das Kino war kurz vorm Explodieren vor Spannung. Wenn eine einzige aber grundsätzliche Veränderung in der Herstellungsweise eines Films das schafft, dann ist es doch zumindest interessant, zu fragen, warum das so ist.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.