Vicky Cristina Barcelona

Auf nach Barcelona! Woody Allen verlässt London und wendet sich wärmeren Gefilden zu. Herausgekommen ist dabei eine leichtfüßige romantische Komödie mit einer unaufdringlich analytischen Schlagseite.

Vicky Cristina Barcelona

Der Film beginnt mit einer farbig bemalten Steinmauer. Von der folgt ein Schwenk auf den Flughafen von Barcelona. Einen Sommer in Spanien umfasst Woody Allens neuer Film, in der ersten Einstellung die Ankunft, in der letzten die Abreise. Das Spanien dazwischen ist wie die Steinmauer: adrett, bunt gescheckt und völlig platt, aber mit Absicht, nicht aus Versehen.

Die Reisenden sind zwei amerikanische Freundinnen: Vicky (Rebecca All) und Cristina (Scarlett Johansson). Erstere hat ihren langweiligen Verlobten Doug (Chris Messina) zu Hause gelassen, um vor der Hochzeit ihre wissenschaftliche Karriere voran zu treiben, letztere sucht das große Abenteuer und immer wieder aufs Neue die wahre Liebe.

Kaum am Flughafen angekommen, beginnen die Freundinnen gleich in den ersten Filmminuten, begleitet von einem Off-Kommentar, der den ganzen Film als distanzierter und distanzierender, allwissender Erzähler begleiten wird, einen Crashkurs in Sachen Spanienklischee: Knallbunte Bilder in warmen Farben schauen sie sich an, sie lauschen dezent verkitschter Gitarrenmusik, die der Film bald darauf nur allzu gern zu seinem eigenen Soundtrack auch dann macht, wenn weit und breit keine Gitarre in Sicht ist; sie essen leckere Tapas, trinken fruchtigen Rotwein und genießen die ausgelassenen spanischen Feste. Immerhin lassen sie die Stierkämpfe aus.

Vicky Christina Barcelona

Bald tauchen auch echte Spanier auf. Deren erster und wichtigster ist Juan Antonio (Javier Bardem). Ein Maler, der gerne in seinem farbbeklecksten T-Shirt Fahrrad fährt und wildfremden Amerikanerinnen, die zwar nicht unbedingt prüde sind, aber dafür hoffnungslos verkopft, aus dem Bauch heraus eindeutige Avancen macht. Genauer gesagt ist nur Vicky verkopft, Cristina findet schnell Gefallen an dem spanischen Bohemien, im Bett mit ihm landet dennoch zunächst – schuld ist primär der fruchtige Rotwein – Vicky. Und so nimmt eine rasante romantische Komödie ihren Lauf, freilich weitab der wertkonservativen Pfade, die das Genre ansonsten nur allzu oft einschlägt. Mit von der Partie ist neben Juan Antonios Vater (Josep Maria Domènech), einem alten Dichter mit rauschendem weißen Bart, vor allem noch Penélope Cruz als seine Exfrau Maria Elena. Die ist ebenfalls Malerin – ausnahmslos alle Spanier in Vicky Cristina Barcelona sind Künstler – und außerdem das Paradebeispiel für eine heißblütige Südländerin.

Schnell merkt man, dass es Woody Allen in Vicky Cristina Barcelona genauso wenig darum geht, das real existierende Spanien zu zeigen, wie er sich in seinen drei vorherigen Filmen Match Point (2005), Scoop – Der Knüller (Scoop, 2006) und Cassandras Traum (Cassandra’s Dream, 2007) für das reale England interessiert hat. Das hat jedoch nichts mit Eskapismus und Exotismus zu tun. Allens Barcelona ist, wie davor Allens London, nicht Projektion, sondern Konstruktion, eine aus einer Handvoll Bilderbuchklischees zusammengebaute Fantasiestadt.

Vicky Cristina Barcelona

Woody Allens Europafilme entwerfen Europa als Laboratorium, nicht als Lebenswelt. Wenn Maria Elena anfängt, in ihrer Muttersprache zu reden, wird sie von Juan Antonio zurechtgewiesen: In Gegenwart von Scarlett Johansson und also in einem Woody-Allen-Film redet man Englisch. In diesem Laboratorium platziert der Altmeister Figuren, die genauso eindeutig Konstruktionen sind wie die Länder und Städte, in denen sie sich bewegen.

Anders als in seinen Vorgängern geht es in Vicky Cristina Barcelona nicht um Klassenschranken und die Versuche, sie zu überwinden. Stattdessen verhandelt Allen schwerer fassbare Differenzen, solche des Habitus vor allem. Und den Unterschied zwischen dem naiven Freigeist Cristina und der rationalen Vicky bringt er nicht immer ebenso genau auf den Punkt wie den in Cassandras Traum zwischen Ewan McGregors aalglattem Aufsteiger Ian und Colin Farrells archetypischem Proletarier Terry.

Vicky Cristina Barcelona

Der besondere Charme des Films, wie bereits seiner Vorgänger, liegt darin, dass bei aller Distanzierung am Ende keine modernistische Abstraktion à la Lars von Trier herauskommt, sondern wunderbar altmodisches Genrekino, dessen analytisches, selbstreflexives Potenzial nie in den Vordergrund gerückt, sondern nur nebenbei verhandelt wird. Woody Allen, der sich selbst gerne in einer ganz anderen Tradition, nämlich der des klassischen Autorenkinos eines Ingmar Bergman verortet, dreht inzwischen Filme, die nahe dran sind am auf ähnliche Weise anachronistischen Spätwerk Alain Resnais’. In der Tat sieht Vicky Cristina Barcelona bisweilen aus wie eine weniger ambitionierte, aber auch noch ein bisschen weniger aufdringliche Variation auf dessen bislang letztes Meisterstück Herzen (Coeurs, 2006). Wie Herzen ist Vicky Cristina Barcelona mindestens auch strukturelles Kino, das den abstrakten Kern des populären Films präpariert und als analytisches Instrument nutzbar macht, ohne dabei den spezifischen Reiz des Ausgangsmaterials aufzugeben. Denn zunächst ist Vicky Cristina Barcelona nichts weiter als eine technisch perfekte Romcom mit tollen Schaupielerleistungen, wie sie Hollywood so schön nur noch selten zustande bekommt.

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Kommentare


Mini

Entschuldigung, aber welchen Film hast du denn da gesehen? Das ist das Kitschigste, Klischeehafteste, was mir seit langem untergekommen ist - wie ein David Hamilton, der seinen Weichzeichner zu Hause vergessen hat ... Grässlich!






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