V/H/S – Kritik

VHS-Tapes sind die Hölle: In diesem ambitionierten, verstörenden Anthologiefilm wird der Horror aus dem Medium selbst geboren.

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Eins war ja ohnehin schon immer klar: Videokassetten sind der Horror. Verwaschene Farben, unscharfe, verschmierte Bilder, hässliche Vollbildfassungen. Vielleicht ist die Rolle, die die VHS-Tapes im Niedergang der internationalen Kinokultur seit ihrer flächendeckenden Verbreitung am Ende der 1970er Jahre spielten, kaum hoch genug einzuschätzen. Auch das Horrorkino hat das bedrohliche Potenzial des Mediums, das ja immer auch ein bisschen dazu da war, die Gespenster des Kinos in die eigenen vier Wände zu holen, immer wieder erkannt und auf seine eigene Art reflektiert: als ultrabrutales Gore-Inferno in Lamberto Bavas Dämonen (Demoni 2), als trashige Splatterkomödie in Robert Scotts The Video Dead (1987), oder als technophobe Haunted-House-Schauergeschichte in Hideo Nakatas Ring (Ringu, 1998). Ganz zu schweigen von der noch immer ungebrochenen Flut von Found-Footage-Mockumentaries in der verspäteten Nachfolge des stilprägenden The Blair Witch Project (1999), die heute mehr denn je das Erscheinungsbild des Horrorgenres bestimmen.

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So konsequent wie in V/H/S, dem Anthologiefilmprojekt von fünf interessanten Filmemachern – sowie dem YouTube-Künstlerkollektiv Radio Silence – aus dem weiteren Umfeld des Mumblecore, des zeitgenössischen, lowbudgetierten amerikanischen Independent-Kinos also, diente das Medium Video bis dato wohl noch nicht als Ausgangspunkt horribler Visionen. Dabei ist die Folie hier durchaus die des Found-Footage-Horrorfilms: eine Einbrecherbande steigt des Nachts in ein Haus ein, wo sie eine Leiche in einem Armsessel und stapelweise VHS-Tapes vorfinden. Um nach belastendem Material für irgendeine (nicht weiter wichtige) Erpressung zu suchen, schauen sie nach und nach in die Kassetten hinein – und werden mit allerlei verstörenden Geschichten konfrontiert. Ach, und: den toten alten Herrn im Sessel vor dem Fernsehgerät sollte man auch nicht aus den Augen lassen.

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Wenn V/H/S eine wirklich ins Gewicht fallende Schwäche hat, dann besteht die wohl in seiner Länge. Dem fast zweistündigen Episodenfilm hätte sicherlich eine Kürzung um 20 bis 30 Minuten gut zu Gesicht gestanden – um eine Episode also, oder, um genauer zu sein: ausgerechnet um die Episode von Ti West. Der ist zwar derjenige unter den hier versammelten Jungregisseuren, der mit post-postmodernen Wunderwerken wie The House of the Devil (2009) oder The Innkeepers (2011) bereits am meisten Meriten im Horrorgenre verdient hat – sein Beitrag zu V/H/S aber fällt leider besonders in formaler Hinsicht deutlich ab gegenüber den oftmals experimentelleren und bedeutend verstörenderen Arbeiten der anderen Beiträger.

Hervorzuheben ist aus V/H/S vor allem die brillante Episode von Glenn McQuaid, die die Laufstreifen des VHS-Mediums und – die Grenzen zwischen Digitalvideo und dem tatsächlichen, historischen Medium VHS werden immer wieder ins Fließen gebracht – die digitalen Artefakte der digitalen Low-Resolution-Videos selbst einsetzt, um eine hochinteressante und reichlich unheimliche ästhetische Hebelwirkung zu provozieren: die durch den gezielten Einsatz der Charakteristika der Video-Medien aufgerissenen Zwischenräume der filmischen Form selbst sind es, aus denen hier die Ungeheuer geboren werden. Horriblere Bilder für das Grauen, das dem Medium selbst innewohnt und aus ihm heraus geboren wird, hat vielleicht noch niemand gefunden.

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Andere Beiträge sind durchaus konventioneller strukturiert, bemühen sich aber ebenfalls durchweg um die Kreation von Terror aus den Bedingungen und Begrenzungen der medialen Mittel selbst, deren sie sich bedienen und die die Folie bilden, durch die jeder der versammelten Kurzfilme betrachtet werden sollte. Flackern, Bildrauschen, Geisterbilder aus alten, nicht vollständig gelöschten Aufnahmen, die Artefakte und abrupten Zeitsprünge digitaler Kompression: All dies dringt hier immer wieder in den Ablauf des Geschehens ein und attackiert direkt unsere Wahrnehmung desselben.

Beim Berliner Fantasy-Filmfest-Publikum ist V/H/S, ebenso wie das andere große Meisterwerk des Festivaljahrgangs, John Hyams’ Universal Soldier: Day of Reckoning (2012), fast einhellig durchgefallen. Nervig, unerträglich, zusammenhanglos fand man eigentlich beide und vor allem V/H/S, und diese harsche Ablehnungshaltung wirft vor allem grundsätzliche Fragen auf nach Funktion und Rolle von Horrorkino. Möglicherweise steht der so entschieden vorgetragene und unhinterfragte Drang nach ungehinderter und auf keinen Fall allzu herausfordernder oder verstörender Konsumierbarkeit ja gar für eine generelle kontemporäre Misere des Genrekinos – und, vielleicht noch mehr, dessen Publikums.

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Der Horrorfilm, das war einmal ein Genre der Konfrontation ethischer wie ästhetischer Standards, und er mochte wohl einmal auch ein Publikum gehabt haben, das auf der stetigen Suche nach der eigenen Verrückung und Verstörung, der ästhetischen Grenzerfahrung, der Konfrontation gar mit den eigenen Abgründen war. Diese Form des Horrorkinos ist keineswegs tot, das demonstrieren ambitionierte und originelle Werke wie V/H/S jedenfalls von Zeit zu Zeit immer einmal wieder. Den Teil des Publikums jedoch, der nur noch Häme übrig hat für jeden Versuch, die ästhetischen Grenzen des Horrorkinos über die familientauglichen Pseudo-Exzesse der ubiquitären Splatterkomödien mit Sicherheitsnetz heraus zu erweitern, den mag man mit Fug und Recht als mausetot betrachten.

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