Vertraute Fremde

Nach seinem erfolgreichen Sex-Shop-Märchen Irina Palm (2006) erzählt Regisseur Sam Garbarski diesmal ein psychotherapeutisches Zeitreise-Märchen, in dem ein Comic-Zeichner seine Vergangenheit retouchieren will.

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Marty McFly düste einst mit einem DeLorean-Sportwagen ins Jahr 1955 und dann wieder Zurück in die Zukunft (Back to the Future, 1985). Der Protagonist von Vertraute Fremde (Quartier Lontain) nimmt aus Versehen den falschen Zug und steigt in den 1960er Jahren im Ort seiner Kindheit wieder aus. Die unterschiedliche Schnelligkeit der Zeitmaschinen entspricht den Erzählrhythmen der inhaltlich verwandten, stilistisch aber sehr konträren Inszenierungen: Während Robert Zemeckis’ Science-Fiction-Komödie vor allem auf Tempo setzte, bewegt sich Sam Garbarskis Coming-of-Age- und Familiengeschichte ganz entspannt von einer Station zur nächsten.

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McFly gefährdete mit seinem Trip in die Vergangenheit die eigene Geburt, weil die Mutter ihn in seiner Calvin-Klein-Unterwäsche eigentlich viel attraktiver fand als den nerdigen Vater. Der Comic-Zeichner Thomas (Pascal Greggory, Diese Nacht, Nuit de Chien, 2008) versucht mit seiner Bahnfahrt in die Vertraute Fremde, seinen Vater (Jonathan Zaccaï) davon abzuhalten, die Familie für immer und ohne Erklärung zu verlassen, oder wenigstens dessen Motive zu verstehen. Das traumatische Ereignis prägt das Leben des 50-jährigen Künstlers bis in die Gegenwart: Seine Kreativität ist blockiert, Frau und Kinder wirken distanziert.

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Die Rückfahrt von einer Comic-Buch-Messe in der französischen Provinz endet für Thomas anders als geplant nicht in Paris, sondern in seinem zunächst leblosen und später reanimierten Heimatdorf in den Bergen. Hier besucht er das Grab seiner Mutter, wo er nach einer Art Ohnmacht in seinem 14-jährigen Körper wieder aufwacht, mit dem Bewusstsein des Erwachsenen. Mit seiner ungewöhnlichen Reife überrascht der Teenager (Léo Legrand) seine Mutter (Alexandra Maria Lara, Hinter Kaifeck, 2009), umsorgt seine kleine Schwester (Laura Moisson) und beeindruckt endlich seine hübsche Schulfreundin Sylvie (Laura Martin), für die er in seiner „ersten Jugend“ noch zu schüchtern und reizlos war.

Marty McFly schockierte seine Umgebung mit der Prophezeiung, der Schauspieler Ronald Reagan würde in der Zukunft US-Präsident werden, Thomas sorgt mit der Voraussage vom Fall der Berliner Mauer für Verwirrung. Ansonsten tritt der altkluge Pubertierende unter Gleichaltrigen im Gegensatz zu seinem filmischen Vorgänger eher als Spaßbremse auf: Gruppenonanieren ist ihm zu kindisch, Rauchen zu gesundheitsschädigend. Er sucht das Gespräch mit seinem verschlossenen Vater, begleitet ihn zum Angeln und verfolgt ihn heimlich, um den Lauf der Dinge vielleicht in eine neue Richtung zu lenken.

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Die Adaption des gleichnamigen preisgekrönten Mangas des Japaners Jiro Taniguchi ist trotz ihrer surrealen Elemente ein weitgehend konventionell umgesetzter Familienfilm, wie es im Kern schon Garbarskis Tragikomödie von der wichsenden Witwe Irina Palm war. Die finanzierte ihrem todkranken Enkel mit „Handarbeit“ in einem Sex-Shop die teure medizinische Behandlung und nahm dafür das Berufsrisiko des „Penisarms“ in Kauf, bevor sie für ihre Selbstlosigkeit mit Anerkennung und Liebe belohnt wurde. Zusammen mit Garbarskis Kinodebüt Der Tango der Rashevskis (Le tango des Rashevski, 2003) über die Auseinandersetzung einer Familie mit ihrer jüdischen Identität erzählen alle drei Werke moderne Selbstfindungsmärchen. Der Blick des Regisseurs auf seine Figuren ist ein uneingeschränkt verständnis- und liebevoller, seine Inszenierungen sind zurückhaltend und detailliert, tendieren aber auch zum Glatten und Gefälligen und enden stets optimistisch oder utopisch.

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War es in Irina Palm eine nuanciert spielende Marianne Faithfull, die über manche Formelhaftigkeit des Drehbuchs hinwegtröstete, gelingt dies hier dem erst 14-jährigen französischen Hauptdarsteller Léo Legrand, gegen den seine Filmeltern in vielen Szenen blass aussehen. Gar nicht farblos wirken dagegen die Schauplätze, die einen stimmungsvoll in die 1960er Jahre versetzen, während die Band „Air“ einen realitätsentrückten Soundtrack beisteuert. Der Anschluss an die Gegenwart und Wirklichkeit glückt in Vertraute Fremde allerdings weniger. Zum Schluss verfährt sich Garbarskis dritter Langfilm in einem allzu knappen therapeutischen Resümee, und seine bis dahin so geduldige Zeitreise steigt doch noch auf den abkürzenden Schnellzug um.

Trailer zu „Vertraute Fremde“


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Kommentare


Martin Zopick

Den deutschen Titel kann man auch umdrehen zu ‘Fremde Vertraute‘. Beides ist gleich nichtssagend. Der des Originals beschreibt den Tatbestand schon eher. Der junge Thomas (Léo Legrand) ist plötzlich wieder 14 und will den Verlauf seiner Familiengeschichte ändern. Hier: der Vater verlässt die Familie. Am Anfang und am Ende steht einen Ohnmacht. Dazwischen balanciert der Film auf einem schmalen Grat zwischen Heute und Damals. Nur der junge Thomas hat das Wissen von heute und verhält sich entsprechend. Er scheitert am Unverständnis der anderen Personen, die verunsichert reagieren – wie auch sonst. So gelingt kein echtes Fußfassen in der einen oder anderen Welt. Der Film bewegt sich in einem imaginären Zwischenbereich, der letztlich doch farblos bleibt. Die subtile Vorgehensweise vermag nicht das Offensichtliche sichtbar zu machen. Das artifizielle verdeckt die Wirklichkeit. Alles bleibt vordergründig, mangamäßig eben. Viele kleine Szenen sind schmückendes Beiwerk, das nichts erklärt, sind ebenso kryptisch wie die winkenden Äste der Bäume im Wind. Alexandra Maria Lara versucht als Mutter in ihrem limitierten Rahmen Emotionen rüberzubringen. Da passt die reglose Mimik von Pascal Greggory als älterer Thomas schon eher zum Plakativen.
Garbarski hat einen sehr persönlichen Film gemacht (siehe auch Widmung!). Hat sich aber inhaltlich daran verhoben. Den Comic Charakter abgestreift und durch nichts substantiell ersetzt. Simply Arthouse?! Oder was? Zu wenig.






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