Versailles

Versailles, so gar nicht barock. Eine reduzierte, stille Erzählung von Außenseitern am dunklen Waldrand des Schlosses.

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Der Titel Versailles schürt Erwartungen an ein Historiendrama, eine Kostümorgie, opulentes, üppiges Kino. Wie wenig barock Versailles tatsächlich ist, lässt sich am ausgemergelten Gesicht von Guillaume Depardieu ablesen. Der 2008 verstorbene Sohn des Schauspielvulkans Gérard Depardieu widmete sich im Gegensatz zu seinem Vater meist asketischen Rollen und bewegte sich in der Haut von Außenseitern. So auch in Versailles.

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Depardieu lebt als der verwilderte Aussteiger Damien in einer Holzhütte im Wald nahe dem Schloss von Versailles. Die obdachlose Nina (Judith Chemla) und ihr 5-jähriger Sohn Enzo (Max Baissette de Malglaive), die in Paris auf der Straße leben, verirren sich auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch in Versailles und begegnen Damien. Nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht verlässt Nina Damien und ihren Sohn heimlich, um auf eigene Faust ein würdigeres Leben aufzubauen. Damien und Enzo sind in der Folge gezwungen, sich anzunähern. Der ruppige, gesellschaftsscheue Damien beginnt, in eine Vaterrolle hinein zu wachsen.

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„Chronique sociale“, „film engagé“. Die französische Kritik ist voll von Etiketten, die in Versailles einen engagierten Film sehen wollen, ein Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben am Rande einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft. Sie nehmen eine Frage auf, die den Regie-Debütanten Pierre Schoeller offensichtlich intensiv beschäftigt hat: Inwieweit ist Frankreich noch immer von einer Gesellschaft der Klassen und sozialen Privilegien bestimmt, wie zu den Hochzeiten von Versailles?

So gewagt der Versuch ist, eine dunkle Fabel über sozial Ausgegrenzte vor den prachtvollen Kulissen des einstigen französischen Macht- und Kulturzentrums zu erzählen – das Ergebnis wirkt unscharf, gekünstelt und aufgesetzt. Das liegt vor allem an der Schauspielführung: Da ist der kleine Junge, der mit puppenhaft engelsgleicher Miene und beharrlichem Overacting wie ein unfreiwillig komischer Stummfilmdarsteller wirkt. Genauso theatral agiert seine Filmmutter, der man selbst in Rückenansichten ihre Rolle nicht wirklich abnimmt. Einzig wenn sich das Kameraauge dem fiebrigen Blick und dem Körper von Guillaume Depardieu nähert, beginnt der Film für einige Momente zu atmen. Der versehrte, von Narben gezeichnete Leib und das Gesicht des Schauspielers Depardieu sind das Gedächtnis eines Lebens abseits der Norm und erzählen mehr als jeder Dialog.

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Wenn sich die Kamera von Depardieu abwendet, verliert der Film schlagartig seine Energie und sein Konzept. Die durch Handkamera, natürliches Licht und ausgeblichene Farben immer wieder heraufbeschworene Aura des Authentischen verpufft. Versailles leidet unter den typischen Schwächen eines Debütfilms, wie einem unausgewogenen, überladenen Drehbuch, ohne aber die rohe, unmittelbare Energie eines solchen in sich zu tragen. Pierre Schoeller inszeniert schon in seinem Erstlingswerk wie ein in die Jahre gekommener, prätentiöser Autorenfilmer, etwa wenn das sparsam eingesetzte, aber umso betulichere Piano nichtssagenden Blicken und Gesten Bedeutung aufdrängt. Versailles ist im Kern kein „film engagé“, sondern ein biederes Melodram. So relevant die aufgeworfenen Themen sind – niemals werden sie filmisch durchdrungen. Der Regisseur touchiert die soziale Realität mit Samthandschuhen. 

Stilistisch verwandt aber ungleich beißender ist das Kino von Bertrand Bonello, das in Deutschland bisher nur ein Festivalpublikum zu sehen bekam. Bonello drehte im gleichen Jahr ebenfalls mit Guillaume Depardieu De la guerre (2008). Wenn sich Versailles Depardieus Narben annähert, hinterlässt Bonellos Film offene Wunden.

Kommentare


Rominka

Lieber Daniel,
ich habe den Film schon vor sehr langer Zeit gesehen, als er in Frankreich raus kam. Ich kann mich also nicht an alle Details erinnern aber als ich Deine Kritik las, war ich doch nicht sehr einverstanden, mit Deiner Einschätzung, Ich glaube nicht, dass es dem Regisseur unbedingt darum ging, ein Sozialdrama abzuliefern und die Misere der französischen Gesellschaft. Vielmehr zeigt es die Schwierigkeit, die ein Mensch hat, der Soziopath für lange Zeit war, ein Outkast, der alle Verantwortung für andere Menschen zurückweist und der sich auf einmal konfrontiert sieht, sich um ein Kind kümmern zu müssen. Der an zunächst an dieser Verantwortung wächst, am Ende aber nicht gänzlich über seinen Schatten springen kann. Insofern habe ich den Film ganz anders gesehen und er hat für mich funktioniert, auch mit den cineastischen Mitteln - ob Sie nun klassisch sind oder nicht. Aber ohne Zweifel ist es in diesem Fall eine sehr subjektive Wahrnehmung, ob die Geschichte einen berührt oder nicht und daher auch, ob die filmische Umsetzung gelungen und passend erscheint oder nicht. - nein ?






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