Veronika beschließt zu sterben

Mit der bereits zweiten Verfilmung seines beliebten Romans bekommt Paulo Coelho genau das, was er verdient. Wo angesichts esoterisch-kitschiger Monologe nur eine Flucht ins Visuelle angebracht wäre, beschränkt sich Nancy Young auf das bloße Übersetzen.

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Das Prädikat „unverfilmbar“ kann für einen Roman durchaus eine Auszeichnung sein. Mal ist ein Werk so stark Ausdruck von Literatur, dass eine Übersetzung in ein anderes Medium unmöglich erscheint, mal so reich an Handlung und Figurenzeichnung, dass sich kein Produzent zutraut, diesen Reichtum auf zwei Stunden Filmzeit zu verkürzen. Dass die meisten Werke des Brasilianers Paulo Coelho, immerhin eines der populärsten und kommerziell erfolgreichsten Romanautoren weltweit, bislang unverfilmt geblieben sind, muss andere Gründe haben. Seine Romane sind eher reichlich überfrachtet als reich an Substanz, was gleichfalls ein Problem für die filmische Übersetzung darstellt. Vor allem aber schafft Coelho nur in den seltensten Fällen lebensechte Charaktere. Die Figuren seiner Bücher sind in der Regel persönliche Avatare des Autors, die dem Leser seine Sicht der Dinge zu vermitteln suchen oder diese Sicht im Laufe des Romans erlangen.

Dass Emily Youngs Veronika beschließt zu sterben dagegen schon die zweite Verfilmung des gleichnamigen Coelho-Romans ist, erscheint bemerkenswert, weil dieses Buch keineswegs eine Ausnahme im Oeuvre des Brasilianers darstellt. Vielmehr ist es ein sehr typisches Coelho-Werk, gespickt mit seitenlangen Weisheiten über Sinn oder Unsinn des Lebens und oberschlauen Nebenfiguren, konstruiert um eine fehlgeleitete junge Frau, die ihren Lebensmut und den Glauben an die Liebe wiedererlangt – ein „Lebensratgeber in Romanform“, wie ein Rezensent treffend bemerkte. Und doch gibt es einen wichtigen Unterschied: Im Gegensatz zu den Handlungen anderer Coelho-Bücher ist diese in einer sehr realen Gegenwart verankert und entbehrt der für den Brasilianer so typischen mystischen Elemente. Veronika beschließt zu sterben widerspricht einer filmischen Bearbeitung also nicht grundsätzlich und bietet zudem einen Aufhänger, der sich für eine prägnante Bewerbung des Streifens bestens eignet: Der Film beginnt mit dem Selbstmordversuch einer jungen Frau.

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Regisseurin Emily Young weiß natürlich um den Imperativ des klassischen Erzählkinos, dem Zuschauer die Motivation der Protagonisten für eine bestimmte Handlung zu vermitteln. Deshalb zieht sie einen der unzähligen Monologe aus dem Roman in die Exposition vor, um Veronikas Lebensmüdigkeit zumindest ansatzweise zu erklären. Die junge Frau will sterben, und zwar nicht, weil sie verlassen wurde oder einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen musste, sondern allein deshalb, weil sie Einsicht in die unendliche Sinnlosigkeit des Daseins gewonnen hat, weil sie bemerkt hat, wie wenig Einfluss sie auf ihr scheinbar vorgezeichnetes Leben hat.

So sentimental dieser Einstiegsmonolog ist, so wenig bringt er uns die Protagonistin als Mensch näher. Und mit einer Unbekannten können wir nicht mitfühlen, selbst wenn Veronika gleich in der Szene nach ihrem gescheiterten Selbstmord erfährt, dass sie durch einen irreparablen Herzschaden nur noch wenige Tage bis Wochen zu leben hat. Vielleicht baute man im Vorfeld auf eine Identifikation des Zielpublikums mit Sarah Michelle Gellar, Darstellerin der Veronika und vor etwa einem Jahrzehnt Heldin der Buffy-Serie, deren Zuschauer mittlerweile im Coelho-Alter angelangt sein dürften. Gellar selbst ist deutlich gereift. Sie spielt die Hauptrolle angemessen subtil, ohne sich jedoch für Höheres zu empfehlen. Tiefer im Gedächtnis bleibt der Brite David Thewlis als Chefarzt der Psychiatrie. Hier ist die schwach ausgeprägte Charakterzeichnung der undurchschaubaren Rolle angemessen und trägt zusammen mit Thewlis’ Spiel zur mysteriösen Aura des Arztes bei.

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Überhaupt kann der Film einige der Schwächen des Romans überspielen. Roberta Hanley hat in ihrem Drehbuch monologische wie dialogische Weisheiten Coelhos so weit wie möglich reduziert, und Young bemüht sich zumindest, die erzählerischen mit visuellen Mitteln zu verknüpfen. Die Handlung schränkt ihre inszenatorischen Möglichkeiten jedoch ein, weil sie sich zu stark an der Vorlage orientiert und dementsprechend innerhalb der Psychiatrie verbleibt: Veronika wehrt sich gegen ihren geplanten Verbleib und ein passives Warten auf den baldigen Tod. Ihr Kampf für ein selbstbestimmtes Sterben geht dabei langsam über in eine Wiederentdeckung des Lebens.

So konsequent der Film mit dem Selbstmordversuch beginnt, so mechanisch führt er allmählich zum pathetisch lebensbejahenden Finale. Veronikas ultimative Rettung ist natürlich die Liebe, hier in Gestalt des scheinbar autistischen Edward (Jonathan Tucker), der sich erst in Veronikas Klavierspiel und schließlich auch in sie verliebt. Coelhos Pointe ist also, dass Veronikas Lebensgeister ausgerechnet in einer Irrenanstalt erwachen, weil ihr der Umgang mit den gesellschaftlich Ausgestoßenen die Möglichkeit des Ausbruchs aus der Routine vor Augen führt. So übernimmt Hanleys Drehbuch dann auch einige der Passagen, in denen Coelho über die Verrücktheit der Gesellschaft und die Kraft des Unangepassten philosophiert – freilich ohne die Gründe für das gesellschaftliche Leiden und den Anpassungszwang selbst zu thematisieren.

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Die Botschaft von Buch und Film ist letztlich nicht unsympathisch. In Coelhos Roman ist sie allerdings hoffnungslos spiritualisiert und jedes gegenwartskritischen Bezugs beraubt. Im Film dagegen verfehlt sie ihre Wirkung, weil die Figuren eindimensional sind, die Handlung wirr und lückenhaft erscheint und die ambitionierte Inszenierung ins Leere läuft. Kurz: weil Paulo Coelhos Romane wohl doch „unverfilmbar“ sind. Und das ist in diesem Fall alles andere als eine Auszeichnung.

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Kommentare


Vanessa Holters

Eine sehr unsachliche und subjektive Kritik - schade!
Das Buch ist wunderbar, sonst hätte es sich wohl kaum millionenfach weltweit verkauft. Der letzte Satz läuft demnach völlig ins Leere, auch wenn er darauf abzielt, potenzielle Kinobesucher völlig abzuschrecken.

Habe den Film bereits gesehen und kann ihn wärmstens empfehlen!!!


Sophia

Das Buch ist wunderschön und Balsam für die Seele. Man darf sich von negativen Kritiken nicht beeinflussen lassen. Können Millionen Leser wirklich so sehr irren?
Ich freue mich auf den Film und werde ihn mir nächste Woche ansehen.
Ich hoffe sehr, dass der Film sich zum größten Teil an die Vorlage hält.


Sophia

Ich habe den Film gestern gesehen und bin davon sehr angetan.
Trotz anfänglicher Bedenken bezüglich der Hauptdarstellerin Sarah Michelle Gellar, kann ich sagen: diese Rolle hätte von niemandem besser gespielt werden können.
Bin begeistert und empfehle diesem Film ebenfalls weiter.


Rina

Ich muss mich leider der Kritik Herrn Kadritzkes anschließen- war enttäuscht vom Film, habe mir nach einigen Bewertungen besseres erwartet (das Buch habe ich nicht gelesen).
Für mich sagt der Film nichts aus. Finde die Liebe deines Lebens und du wirst für immer glücklich und all deine Depressivität wird genommen?
Jeder muss sich selbst glücklich machen.
Jetzt und vlt die nächsten 2 Jahre ist sie in Edward verliebt aber die Leere wird wieder kommen...


Anonym

Diese Kritik sagt nichts über den inhalt des buches und des Filmes aus. Beides ist wunderschön...


lalale

habe das buch zwar nicht gelesen, die qualität eines solchen an der verkaufszahlen festzumachen ist schon recht weit hergeholt... sarrazin verkauft sich ja auch großartig...
auch der generelle ansatz: finde die liebe und das leben lohnt sich, widerspricht völlig der realität... so auf diese weise landet man nur in einer abhängikeit die die eigentlichen probleme einer person nicht löst sondern nur verdrängt


nathatilie

Habe den FIlm gesehen, das Buch leider nicht gelesen, werde es aber spätestens jetzt tun. Ich finde es ist kein seichter FIlm, man muss auch ein wenig denken, um die "lücken" zu füllen. Sicherlich wäre noch der ein oder andere Punkt verbesserungswürdig, aber ich als Laie kann sagen, dass der Film im Großen und Gnazen sehr gelungen ist. SMG hat ihrer Rolle die richtige Richtung gegeben und glaubhaft rübergebracht. Das ist natürlich nur meine Meinung, aber wer sich auf die Thematik einlässt, und keine Anleitung zum Glücklichsein sucht, der ist finde ich genau richtig bei dem Film. =)


A. M. P.

Es gibt leider nur zu wenige von dieser Art von Filmen. Ich würde mir sehr viel mehr davon wünschen, denn manch ein Mensch wacht wirklich nur dann auf, wenn er durch Schicksalschläge dazu "genötigt" wird. Dass das Leben lebenswert ist und man jeden Tag geniessen sollte, entgleitet uns Menschen durch den Alltag leider immer heufiger und vieles sehen wir verwöhnten Kreaturen als Selbstverständlichkeit an. Es ist wiederlich wie egoistisch und egozentrisch die Menschheit ist, um so schöner ist es durch Filme und Bücher wie diese zu sehen und zu lesen dass die kleinen Dinge das Leben lebenswert machen und man nicht auf das Schicksal warten darf um es zu erkennen!


Lara

"Finde die Liebe deines Lebens und alles wird gut" ist eine eindeutig zu kurz gegriffene Deutung des Buches ... (zugegeben, wenn man nur den Film sieht, könnte man das als Fazit annehmen)
aber im Buch wird auf viel tiefsinnigere Art und Weise deutlich, wie Veronika den Sinn und die Schönheit des Lebens wiederentdeckt. Die Liebe zu Edward ist da sozusagen nur noch das i-Tüpfelchen.

Dass Liebe allein keine Depression zu heilen vermag durfte ich am eigenen Leib erfahren und mir hat dieses Buch aber trotzdem geholfen, mit dem Schmerz fertig zu werden, weil es eben sowohl die Sinnlosigkeit als auch die SinnHAFTIGkeit des Lebens thematisiert und zeigt, dass beides seinen Platz hat.

Das Buch ist seitdem ich es gelesen habe mein absolutes Lieblingsbuch.
Der Film hat mich leicht enttäuscht, aber die intelektuelle und philosophische Tiefe Coelhos ist denke ich filmerisch auch kaum darstellbar.

Sarah Michelle Gellar überzeugt in ihrer sarkastischen Rolle, aber insgesamt wirkt alles etwas gekürzt und unzusammenhängend.


greeenday

ich hab diesen film gesehen und ich fand ihn gut für einen drama film aba der film ist auch traurig an ein paar stellen aba dass ende ist immer noch am geilsten und sahra michellle gellar ist ein fach die beste für diese rolle


Paula

Du schreibst es wäre schon die zweite Verfilmung zu dem Roman von Paulo Coelho. Welches ist denn die erste? Ich bin leider nicht fündig geworden... Wäre dankbar für eine Antwort.


Till Kadritzke

Die erste Verfilmung war eine japanische Produktion des Regisseurs Kei Horie: http://en.wikipedia.org/wiki/Kei_Horie
Wenn du nach dem Originaltitel suchst (Veronika wa shinu koto ni shita) findest du auch ein paar englischsprachige Informationen zu dem Film, der Film selbst ist wahrscheinlich nicht so leicht zu bekommen ;)






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