Verliebt, verlobt, verloren

Liebesgrüße aus Pjöngjang: Die südkoreanische Regisseurin Sung-Hyung Cho beleuchtet ein wenig bekanntes Kapitel deutsch-koreanischer Geschichte.

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Wie in Deutschland wurden auch in Korea nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Besatzungszonen errichtet; wie in Deutschland standen sich die Besatzer, im Norden die Sowjetunion und im Süden die USA, alsbald im Kalten Krieg gegenüber, der 1950 im Koreakrieg entbrannte. Nach Darstellung von Liane Kang-Schmitz, die in ihrer Dissertation die Beziehungen beider Länder erforscht, löste der Krieg eine Welle der Solidarität der ostdeutschen Regierung und Bevölkerung mit Nordkorea aus. Eine wichtige Maßnahme hierbei war die Aufnahme nordkoreanischer Studenten, deren Ausbildung im „sozialistischen Bruderstaat“ DDR den Fachkräftemangel in der Heimat beheben sollte. Verliebt, verlobt, verloren erzählt nicht von Staatsgesandten, deren Leben in den Dienst der Allgemeinheit gestellt wurde und die für Höheres bestimmt waren. Er erzählt von jungen, gutaussehenden Männern, die sich – zur großen Besorgnis der nordkoreanischen Botschaft – „dekadente“ Konsumprodukte leisteten, die hiesigen Tanzschritte erlernten und blonde DDR-Bürgerinnen zum Tanz aufforderten. 1956 wurde das erste Kind aus einer deutsch-koreanischen Beziehung geboren, weitere folgten. Doch die interkulturelle Verzahnung fand ein jähes Ende: Im Zuge des sich anbahnenden chinesisch-sowjetischen Zerwürfnisses wurden 1962 alle nordkoreanischen Studenten abgezogen.

Die Suche als Identität

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Mit der titelgebenden Alliteration, so könnte man meinen, ist der dramaturgische Bogen bereits gespannt: von der ersten, so unwahrscheinlichen Annäherung über den Versuch, die Verbindung zu besiegeln, bis hin zu ihrer unausweichlichen Auflösung. Doch Verliebt, verlobt, verloren ist keine chronologische Nacherzählung. Der Film ist Bestandsaufnahme und Spurensuche; beides setzt nach dem Wort verloren an. Er zeigt Menschen, deren Selbstbestimmung von weltgeschichtlichen Entwicklungen beschnitten wurde, Menschen, die mit einem immensen Verlust ringen. Einige der Protagonisten haben den Verlust zu verdrängen versucht, viele dagegen haben sich auf die Suche begeben. Der Gegenstand dieser Suche ist nicht eindeutig, und darin liegt die Faszination, die Verliebt, verlobt, verloren entfaltet. Die in Film und Literatur häufig bemühte Formel der Suche nach den eigenen Wurzeln greift hier deutlich zu kurz. Liegen sie in der Fremde, in Nordkorea, die Wurzeln der Kinder, die aus diesen Beziehungen hervorgegangen sind und die Sung-Hyung Cho vor die Kamera gebeten hat? Oder sind Ina, Thomas, Uwe und die anderen viel eher in der Verlusterfahrung verwurzelt, in der Erfahrung der Andersartigkeit, der zugeschriebenen Identität, sie, die die Züge des Vaters unverkennbar im Gesicht tragen?

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Verliebt, verlobt, verloren ist ein Film über Identität und Selbstbehauptung, über den Spielraum mit dem, was uns als Identitätsbausteine in die Wiege gelegt wird. Er zeigt Menschen, die sich ihre Geschichte zu eigen machen und sie gleichzeitig nicht ablegen können. Er liest sich als eine Absage an eindeutige Identitätszuschreibungen und zugleich als eine universelle Erfahrung: der Liebe, der Trennung, des Bangens, der Hilflosigkeit. Er verdeutlicht, wie sehr ein undemokratischer Staat in die Freiheit, die Selbstbestimmung des Einzelnen eingreifen kann, wie sehr er ihn einschränken kann. Die Liebesgeschichten zwischen den DDR-Bürgerinnen und den nordkoreanischen Studenten, die nicht in die BRD fliehen wollten oder konnten, durften sich nicht entfalten, sie verharrten, erstarrten zu einer Erinnerung; selbst der Briefkontakt wurde unterbunden. Eine der letzten Aufnahmen des Dokumentarfilms zeigt das Wiedersehen eines ehemaligen deutsch-nordkoreanischen Paars. Beide hätten sich nicht wiedererkannt.

Der Zeichentrick als das ehrlichere Medium

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Puzzleteile sammele sie, sagt irgendwann Ina, die ohne Vater aufgewachsen ist und als Kind für eine Chinesin gehalten und gehänselt wurde. Das Gesamtbild sei unzugänglich. Aus ebensolchen Puzzleteilen – inhaltlich wie formal – flickt Sung-Hyung Cho ihren Film zusammen. Auf talking heads folgen Aufnahmen, in denen Chos Kamera die Protagonisten auf ihre Suche begleitet. Dabei dringt sie tief in das Leben der bereitwilligen Erzähler ein, in ihre Wohnräume, in ihre Familienalben, sie gewinnt ihr Vertrauen und fängt behutsam Momente des Preisgebens, des Bloßstellens ein. Manchmal wechselt die Kamera die Seite: Ina führt ein Videotagebuch, Thomas hat auf seiner Reise in Nordkorea gefilmt. Die Vielfalt der gezeigten Situationen scheint der Vielfalt der individuellen Zugänge zu dieser eigenartigen Geschichte zu entsprechen: Manche suchen sie im Archiv zu vervollständigen und zu begreifen, andere reisen nach Nordkorea, eine wiederum hat, wie eingangs erwähnt, über dieses Kapitel deutsch-koreanischer Geschichte promoviert. Eingeflochten in den Dokumentarfilm sind Animationssequenzen, die Schlüsselszenen rekonstruieren: den Abschied am Bahnhof vor der Rückkehr nach Nordkorea, das Wiedersehen nach mehr als einem halben Jahrzehnt. Tatsächlich aber wirkt es nicht so, als sollte die Animation der Vollständigkeit halber den Mangel an Originalaufnahmen ausgleichen, sondern als wollte die Regisseurin die Darstellung schwieriger Gefühle an den Zeichentrick delegieren: der Animationsfilm als bewusst eingesetztes Mittel, das trotz oder gerade wegen seiner Künstlichkeit ehrlicher ist als das Bild, das eine Kamera produziert.

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Kommentare


Miko

Diese Kritik muss von einem sehr jungen Menschen geschrieben worden sein, der noch nicht viel Ahnung vom "echten Leben" hat... Hat man wegen der Liebe Höllenqualen durchlebt, so fällt die Filmritik an diesen Film ganz anders aus als sie es hier tut...

Was noch (unter anderem) unbedingt in der Kritik erwähnt werden muss - und hierfür bedarf es vorher eigentlich doch einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema "Nordkorea" - ist, dass es einer der Personen im Film gelungen ist während der "Spurensuche" zu filmen, ohne dass das Material konfisziert wurde. Eine absolute Seltenheit in Nordkorea!


Jan

Wo wird in dieser Filmkritik über die Gefühle geschrieben, die bei der Sichtung des Dokumentarfilms unweigerlich jeden Zuschauer, der mal geliebt hat, überwältigen müsste? Darum geht es doch in erster Linie! Ohne diese Gefühle wäre der Film gar nicht zustande gekommen, bzw. hätte niemanden interessiert!
Ich konnte nicht ungerührt zusehen, wie, Jahre nach der Tragödie, Menschen emotional in Leid und Trauer versinken. Im Kinosaal stockten die Atem meiner Mitzuschauer, Tränen zurück zu halten war mir nicht möglich.
Die Traurigkeit einiger Betroffenen trifft einen direkt ins Herz. In mir hat der Film noch lange nachgewirkt. Und viele Fragen über Liebe und Traumata nach einer politisch erzwungenen Trennung aufgeworfen.
Emotional sehr aufwühlend, als sei dies gerade passiert...


Frédéric Jaeger

Die unerträgliche Arroganz der Gefühlsversteher, von anderen einzufordern, auf die gleiche Weise wie sie zu empfinden. Offenbar haben sie das Patent darauf, was es heißen muss, gelebt und geliebt zu haben.


Jan

Nicht auf gleiche Weise. Aber Gefühle regieren die Welt. Ob die Liebe zum Geld, der Hass anderen Menschen gegenüber...
Deswegen sollten sie niemals außer Acht gelassen werden. Und da ohne sie dieser Film nicht ansatzweise so interessant geworden wäre, sollten sie doch erwähnt werden... Einen wunderschönen Tag noch :-).






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