Vergiss mein nicht

In einer sehr persönlichen Dokumentation beschreibt der Filmemacher David Sieveking eindrucks- und liebevoll die Demenzerkrankung seiner Mutter.

Vergiss mein nicht 01

David Sieveking ist vielleicht der persönlichste deutsche Dokumentarfilmer, den es zur Zeit gibt. Mit David Wants to Fly (2010) und mehr noch jetzt mit Vergiss mein nicht hat er den Blick auf sich selbst zum Stilmittel gemacht, ja fast zu einer Art Markenzeichen. Dieser Blick ist auch ganz wörtlich zu verstehen: Sieveking taucht ausführlich selbst vor der Kamera auf, was seinen Filmen eine gewisse Tagebuchartigkeit verleiht; die jungenhafte Stimme des 35-Jährigen aus dem Off trägt dazu einiges bei. Man könnte sich das auch als Twitterstream oder Facebook-Seite vorstellen, und das ist nicht im Geringsten despektierlich gemeint. (Sieveking ist, soweit ich das sehen kann, in sozialen Internet-Netzwerken nicht aktiv, abgesehen von der üblichen Filmverleih-Promotion natürlich.)

Wer will, kann das eitel nennen. Aber es ist auch eine Methode, die sich bei bestimmten Themen geradezu aufdrängt. Wenn man sich traut.

Vergiss mein nicht 05

David Wants to Fly begann in Sievekings privater Wohnung, wo er mit seiner beruflichen Zukunft als Filmemacher haderte und den Entschluss fasste, einen Film über sein Idol und Namensvetter David Lynch zu drehen. Mit der Emsigkeit eines Reporters, aber ohne dessen professionelle Kühle (selbst die Trennung von seiner Freundin ist Thema in dem Film) recherchierte Sieveking dem berühmten Kollegen hinterher, reiste um die halbe Welt, probierte die von Lynch propagierte Transzendentale Meditation am eigenen Leibe aus und traf ihn schließlich zu einem ernüchternden Interview. David Wants to Fly war die künstlerische Annäherung an ein weit entferntes Vorbild, eine Bewegung hinaus in die Welt, um das Staunen zu lernen.

Für seinen neuen Film vollführt er die entgegengesetzte Bewegung: eine Heimkehr. Vergiss mein nicht ist ein Film über Sievekings an Demenz erkrankte Mutter, eine Recherche über die Jugend seiner Eltern, ein Selbstversuch in Sachen Heimpflege. Vor allem ist es eine Liebeserklärung.

Vergiss mein nicht 06

Im ersten Teil des Films zieht David wieder bei seinen Eltern ein, um sich für einige Zeit um die Mutter Gretel zu kümmern, während Vater Malte, ein emeritierter Mathematikprofessor, sich in der Schweiz eben davon erholt. „Nach einer Woche bin ich völlig erschöpft“, stellt David fest. Die schwierige Kommunikation mit der Mutter, die stets wiederholten Versuche, sie zu motivieren, ihre Interesselosigkeit zu überwinden, nagen an der Kraft. Und doch stellen sich Erfolge ein. Einmal blickt die Kamera von der Küche den Flur entlang zur offen stehenden Tür von Gretels Zimmer, wo sie auf dem Bett liegt. David ruft immer wieder hinüber und preist die auf dem Tisch stehenden Leckereien an, und beim dritten Mal erhebt sie sich tatsächlich und schaut interessiert um die Ecke. Der Blick auf Gretel ist kein klinischer, an den Symptomen des Verfalls interessierter, sondern ein liebender, der in der demenzkranken Frau viel Charisma entdeckt.

Vergiss mein nicht 02

In diesem Teil ist der Regisseur fast ständig selbst im Bild. Die Reality-TV-Haltung, die in solchen Aufnahmen mitschwingt, verliert aber schnell ihre Unbehaglichkeit. Zwar kann man unmöglich einschätzen, ob etwas des Gezeigten inszeniert ist, aber schon nach kurzer Zeit vertraut man dem gefilmten Sohn.

Als der Vater zurückkommt, tritt David etwas in den Hintergrund, beginnt über die Studentenzeit seiner Eltern in der Schweiz zu recherchieren, dokumentiert die Diskussion innerhalb der Familie über Pflegerinnen und Heimunterbringung. Die Nähe von Filmemacher und Filmthema ist dennoch stets präsent, in einem Kameraschwenk etwa, der den Regisseur mit einem Tonaufnahmegerät abseits stehend sichtbar werden lässt. Und am schönsten in einer Szene im Garten, in einer familiären Umarmung zu dritt. Vater und Schwester stehen da in stillem Trost, und David kommt aus dem Bildrand dazu, die Tonangel noch in der einen Hand, während die andere eine Schulter sucht und findet.

Vergiss mein nicht 08

Während Vergiss mein nicht auf der einen Seite den langsamen Verfall eines Lebens dokumentiert, holt er zugleich eben dieses Leben aus dem Schleier des Vergessens zurück. Gretel erkennt oftmals ihren Mann Malte nicht mehr oder verwechselt ihn mit ihrem Sohn (nachdem sie zum x-ten Mal gefragt hat, wer Malte sei, sagt David nur noch: „Schauen wir mal“). Aber wie um der Krankheit zu trotzen, erzählt der Film die durchaus ungewöhnliche Liebesgeschichte des Paares. Gretel und Malte waren während der Zeit der Studentenbewegung in linken Kreisen aktiv, die Frauenrechtlerin Gretel wurde sogar vom Staatsschutz überwacht, weil sie zu einem kommunistischen Verband gehörte. Zur Recherche gehört auch ein Interview mit einem ehemaligen Liebhaber Gretels.

Vergiss mein nicht ist ein zarter Film, der von seinem deprimierenden Thema melancholisch gestimmt wird, sich aber nicht die Heiterkeit austreiben lässt. Und der bei der Gratwanderung, die es bedeutet, ein Filmteam so nah heranzulassen, stets die Balance hält.

Trailer zu „Vergiss mein nicht“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.