Vergiss dein Ende

Im Unglück vereint. Andreas Kannengießer erzählt in seinem zweiten Film eine Geschichte von Krankheit, Isolation und der mühsamen Suche zweier Nachbarn nach sich selbst.

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So grau und trübe das Bild der Berliner Plattenbauten ist, so lieblich erscheint das von der kleinen Insel, auf die sich die beiden Protagonisten in Vergiss dein Ende verirren. Die Sonne lacht, Vögel singen und Schilfgras tanzt im Wind. Ein idyllisches, nordisch-romantisches Postkarten-Fleckchen. Doch die Harmonie trügt. Schwerfällig und stöhnend kriecht eine Frau über den Boden. Sie ist erschöpft, körperlich und seelisch am Ende und weiß zu diesem Zeitpunkt nur einen Ausweg aus der Misere: ihr frühzeitiges Ableben.

Die Frau heißt Hannelore, ist Mittsechzigerin, liebevoll und engagiert, Ehefrau und Mutter. Der Grund, warum sich Hannelore (Renate Krößner, bekannt aus dem DEFA-Klassiker Solo Sunny, 1980) nicht in ihrer Heimat Berlin, sondern eben auf erwähnter Insel befindet, ist ihr demenzkranker Ehemann Klaus (Hermann Beyer). Noch in der Großstadt kümmert sich Hannelore inbrünstig um ihn. Keine leichte Aufgabe für sie, denn Klaus hat neben seinem Kurzzeitgedächtnis auch die Kontrolle über seinen Körper verloren und spuckt oder schlägt Hannelore schon mal unangekündigt ins Gesicht. Als er dann eines Morgens unverhofft die Wohnung verlässt und, als sei es das Normalste der Welt, im Schlafanzug eine U-Bahn-Station aufsucht, liegen Hannelores Nerven blank.

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Also beschließt sie zu flüchten und folgt, nur kurz nach Klaus’ Verschwinden, ihrem Nachbarn Günther (Dieter Mann) zu einem Bahnhof. Kurzentschlossen steigt sie in denselben Zug, mit dem der Nachbar zum Haus seines gerade erst verstorbenen Lebenspartners fährt. Günther entdeckt Hannelore an der Endhaltestelle. Er kann sich, introvertiert wie er ist, nur zögerlich dazu überwinden, sie mitzunehmen, sieht in ihr einen Störfaktor auf seiner Suche nach Ruhe – komme sie mit dem Tod. Doch vereint in ihrem schweren Schicksal und dem Wunsch nach seelischem Frieden gewinnen die beiden mehr und mehr Vertrauen zueinander. Aus einem mühsamen Stelldichein zweier entkräfteter Einsamer erwächst eine in den Tiefen der Psyche begründete Freundschaft.

Vergiss dein Ende zeichnet das Porträt einer Frau, die den Versuch unternimmt, ihre Freiheit, die ihr die degenerative Kraft der Demenz geraubt hat, zurückzugewinnen. Um dies zu erreichen, verlässt sie nicht nur Berlin, sondern auch Ehemann und Sohn. Das Auseinandergehen des Paares ist als ein radikal-kompromissloser Bruch und absichtsvoller Eingriff Hannelores inszeniert. Sie trägt damit eine persönliche Schuld (obwohl Resultat ihrer psychischen Verfassung), und gerade aus dieser Schuld gewinnt Vergiss dein Ende seine Spannung. Auf der abgelegenen Insel, einem für ein konventionelles Parallel-Dasein wie geschaffenen Ort, verschanzt sich Hannelore, ignoriert Anrufe ihres Sohnes und sucht ein pseudo-normales Leben. Außergewöhnlich ist die vollkommene Abkehr von Alltag und Verantwortung und die simultane, einer Gratwanderung gleichende Suche nach Stabilität. Dass die Sinnsuche in Verzweiflungstaten kulminiert, erscheint vorprogrammiert, nicht jedoch ihr finaler Ausgang.

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Der Film betrachtet die Annäherung der beiden Nachbarn aus einiger Distanz, auch indem er weitere Charaktere einführt. So Heiko (Eugen Krößner), den in Berlin zurückgelassenen Sohn, der sich nach Hannelores Verschwinden um seinen Vater kümmern muss. Das wäre auch machbar, wenn ihm nicht die aussichtslose Beziehung mit der schwangeren Steffi (Nadine Pasta) und die aufreibende Arbeit in der Autowerkstatt im Weg stünden. Es ist der Schwachpunkt von Vergiss dein Ende, dass er versucht, auch noch diese tristen Schicksale in die Geschichte einzubauen und auszumalen, und nicht mehr so recht zu wissen scheint, in welche Richtung er sich bewegen soll. Durch Perspektivwechsel und Rückblenden en masse verliert der Film leider an Nähe zu seinen Figuren und dramaturgisch an Fahrt.

Immerhin, mit der Story zweier Nachbarn, die aus unterschiedlichen Gründen Halt suchen und die Vergangenheit radikal ausblenden, begibt sich Andreas Kannengießer auf unkonventionelle Pfade. Er inszeniert kein Liebesdrama, keine kitschige, aus Schicksalsschlägen entspringende Ode an die Liebe, wie man sie schon oft gesehen hat. Wenn Hannelore und Günther am Strand herumtollen und sich zur Abkühlung nackt ins Meer werfen, scheint dieses Spiel weniger eine Turtelei als vielmehr eine Annäherung zum Zweck der inneren Selbstfindung zu sein. Eben eine Möglichkeit, die eigene Bestimmung zu reflektieren und zu akzeptieren.

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Findet man die Schwäche von Vergiss dein Ende also im Drehbuch, so liegt seine Stärke in der Annäherung an das Thema von Krankheit und Einsamkeit, dessen Umsetzung vielleicht nicht vollends ausgereift, aber von Grund auf originell und innovativ ist. Verpackt in einer Geschichte über zwei isolierte Seelen, ist der Film zudem ein zu würdigendes Plädoyer für Zusammenhalt und Toleranz.

Trailer zu „Vergiss dein Ende“


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