Vergebung

Die Verfilmung des dritten Romans aus Stieg Larssons Millennium-Trilogie setzt den Fall Lisbeth Salander fort und wechselt dabei das Genre vom Krimi zum politischen Agenten- und Justizthriller.

Vergebung

Stieg Larsson war bekanntlich vor allem ein sozial engagierter, politikkritischer Journalist. Sein posthumer Erfolg als nebenberuflicher Kriminalschriftsteller gründet sich aus seiner episch detailverliebten und spannenden Art, Vorgänge zu beschreiben und die im Kern eigentlich banale Handlung geschickt mit einer Vielzahl von Subplots, Hintergrundgeschichten und vielschichtigen Handlungssträngen anzureichern und zu verweben. Gerne nutzte Larsson gesellschaftliche Kontroversen als Aufhänger oder Hintergrund seiner Romane, in denen er sein Alter Ego, den Journalisten Mikael Blomkvist, auf kriminalistische Enthüllungstour schickte.

Wie die beiden Vorgänger Verblendung (Män som hattar kvinnor, 2009) und Verdammnis (Flickan som lekte med elden, 2009) ist auch der letzte Film der sogenannten Millennium-Trilogie ein Thriller, in dem reihenweise mehr oder minder unverstellt Politik und Gesellschaft, Doppelmoral und Sexismus angeprangert werden: Waren pathologisch-männliche Gewaltfantasien und mörderischer Sadismus das Thema des Kriminalfalls in Verblendung, rückte die neben Blomkvist ermittelnde Hackerin Lisbeth Salander mit Verdammnis in das Zentrum der Handlung, und ihr Leidensweg wurde zum zentralen Fall. Zudem thematisierte der Film den organisierten Menschenhandel mit osteuropäischen Frauen, Drogengeschäfte und Zwangsprostitution, deren mafiose Strukturen bis in staatstragende Ämter reichten.

Vergebung

Vergebung (Luftslottet som sprängdes, 2009; zu deutsch: Das Luftschloss, das gesprengt wurde) bildet mit Verdammnis eine inhaltliche Einheit und setzt dort ein, wo Teil 2 endet: Lisbeth hat den Kampf mit ihrem Antagonisten, dem Mafioso und außer Kontrolle geratenen Geheimagenten Zalachenko, schwer verletzt überlebt und liegt nun quasi Tür an Tür mit ihrem Erzfeind in einem Krankenhaus. Sie ringt um ihr Leben, in physischer wie auch in juristischer Sicht, denn öffentlich wird sie nun des Mordversuches an Zalachenko bezichtigt. Mikael Blomkvists Bemühungen, Lisbeth zu entlasten – und zugleich Material für eine Sonderausgabe seines Millennium-Magazins zusammenzutragen – werden zunehmend organisiert behindert.

Vergebung

Der Fall Salander ist nämlich zu einem Politikum geworden, und bestimmte Kreise der schwedischen Sicherheitspolizei fürchten um die Enttarnung ihrer – schon dreißig Jahre zurückliegenden – Methoden und Aktivitäten. So verschiebt sich der Fokus des Films hin zum Polit- und Agententhriller und zum Ende hin sogar zum Gerichtsfilm: Denn die Sprengung des Luftschlosses aus kriminell-verselbstständigtem, vorauseilendem Beamtengehorsam, vermeintlicher Staatstreue und begangenen Verbrechen im Namen eines höheren Wohls erfolgt im Gerichtssaal. Anders als in den Vorgängern agiert Lisbeth Salander nicht mehr. Ihre rabiaten Methoden zur Konfliktlösung versagen angesichts eines militärisch organisierten Geheimdienstapparates und einer blinden Justizmaschinerie. So hat in Vergebung vor allem Blomkvist (Michael Nyqvist) den aktiven Part, unter größter Gefahr Fakten zu Lisbeths Rettung zu recherchieren und gerichtstauglich vorzutragen.

Vergebung

Auch formal und ästhetisch setzt der Film seinen Vorgänger fort, bauen Regisseur Alfredson und die Drehbuchautoren Frykberg und Ryberg in bewährter Weise weniger auf visuelle Narration denn auf die Dialoge und auf bereits eingeführte Figuren. Noch einmal steigert sich die Handlungs- und Faktendichte um ein Vielfaches, was zum Verständnis des Plots die genaue inhaltliche Kenntnis des Vorgängerfilms erfordert. Und obwohl die eigentliche Zentralfigur Lisbeth Salander zur Passivität gezwungen ist, gelingt Vergebung überaus spannend, zumindest für den Zuschauer, der an dialoglastigen Großpuzzles seine Freude hat.

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Kommentare


Uwe

Natürlich hat man einen anderen background, wenn man das Buch gelesen hat...aber auch für die es nicht lesen wollen, ist der Film spannend! Lisbeth Salander möchte man gerne immer wieder sehen- so als kleine James Bond Persiflage vielleicht!
Ich kann nur allen Krimifans empfehlen alle drei Bücher zu lesen - denn naturgemäß werden die Figuren im Film nicht so detailliert beschrieben, und einige wichtige Handlungen gekürzt.Im Buch hatte Blomkvist eine Affaire mit der Polizistin, das kommt z.B. gar nicht vor, gibt dem Ganzen aber eine gewisse Würze- ebenso die pädophilen Gestalten, die ja gerade aktuell von sich reden machen, und in gehobenen Kreisen reichlich vertreten sind,fehlen im Film.
Trotzdem eine gute Umsetzung, und absolut empfehlenswert!






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