Venus im Pelz

Was heißt es, eine Rolle zu spielen?

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Analogien von Theater und Welt sind so alt wie das Theater selbst. Doch die Frage des Rollenspiels hat mit den (de-)konstruktivistischen Theorien der letzten Jahrzehnte noch einmal einen neuen Kniff bekommen. Denn wenn selbst unsere scheinbar innersten und authentischsten Regungen nur „performativ“ sind, also selbst nichts als Schauspielerei, was macht den Akt des Rollenspiels dann noch aus? Wird er nicht reduziert auf eine Frage der äußeren Umstände, auf den Unterschied zwischen einer Situation des „wahren Lebens“ und Performance-Räumen wie dem Filmset oder der Theaterbühne? Doch selbst dort, das macht Roman Polanskis Venus im Pelz (La Vénus à la fourrure) deutlich, ist es mit der Trennung zwischen Spiel und Realität eine komplizierte Angelegenheit, entspringen doch wiederum alle Aussagen, die wir innerhalb einer Rolle zu tätigen glauben, unserer eigenen Stimme, alle Handlungen auf der Bühne unserem Körper – und im extremsten Fall verschwimmt die Grenze zwischen Sein und Schein zu einem diffusen Werden.

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Venus im Pelz ist die Geschichte eines solchen Werdens, verdichtet auf zwei Menschen und einen Raum, in der Thomas (Mathieu Amalric) irgendwann nicht mehr sicher ist, wer hier was mit wem verwechselt. In seiner Begegnung mit Vanda (Emmanuelle Seigner) ist er vor allem deshalb der Geplagte, weil es in Polanskis Film ums Schauspielern geht und Thomas Theater-Regisseur ist. Sein Beruf verlangt von ihm eine Distanz, er muss den Überblick und die Kontrolle behalten, darf sich nicht so verlieren, wie er es von seinen Darstellern verlangen muss. Und für sein neuestes Stück braucht er eine ganz besondere Darstellerin, denn Thomas will den Roman Venus im Pelz des Österreichers Leopold von Sacher-Masoch auf die Bühnen bringen, eines jener Bücher, durch die der Schriftsteller zum Namensgeber für die berüchtigte „sexuelle Perversion“ geworden ist. Das Casting ist eigentlich schon erfolglos abgeschlossen, Thomas’ frustrierender Arbeitstag beendet, doch dann stürmt diese Frau hinein, die zufällig in Wirklichkeit genauso heißt wie jene Figur im Roman, der sich der Protagonist Severin so willig unterwirft. Thomas lässt sich überreden, ihr ein spontanes Vorsprechen zu gewähren – und damit ist die Rollenspiel-Maschine angeworfen.

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Dieser Film hat nicht mehr viel zu tun mit Sacher-Masochs Roman, denn Polanskis Perspektive auf den Originalstoff von 1870 ist eine gefilterte. Er hat nach Der Gott des Gemetzels (Carnage, 2011) wieder Theater verfilmt, nämlich das gleichnamige Broadway-Stück von David Ives, und diese Filterung wird auch zwischen Thomas und Vanda thematisiert. Immer wieder pocht Thomas darauf, dass er den Stoff nicht geschrieben hat, sondern nur adaptiert, dass er nichts zu tun hat mit der Lust auf Schmerz, dass diese für ihn nur Chiffre ist. Doch Vanda zwingt ihn dazu, ihr nicht nur Stichwörter fürs Vorspielen zuzurufen, sondern die Rolle des masochistischen Severin tatsächlich mit aller Leidenschaft zu übernehmen.

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Venus im Pelz ist damit in erster Linie die Geschichte des Schauspieler-Werdens eines Regisseurs, und dieses läuft von Anfang an nach den Regeln der immer geheimnisvolleren Frau ab, die sich von einem Moment zum anderen von der trampeligen und Kaugummi kauenden Bewerberin, die den in Thomas’ Augen großen Roman der Weltliteratur schon mal als SM-Porno abwatscht, in die „gespielte“ Herrin Vanda verwandelt, die den Regisseur mit den Dialogen des Stücks langsam in ein psychologisches Duell verwickelt. Das Thema der sexuellen Unterwerfung tritt so immer stärker in den Vordergrund, bis Thomas nicht mehr sicher ist, welche Vanda eigentlich gespielt und welche „echt“ ist.

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Bei einem Regisseur, der so häufig mit Geschlechterfragen in Verbindung gebracht worden ist, im privaten Leben wie in seinem Werk, liegt es natürlich nahe, auch hier wieder nach seinem Frauenbild zu fragen, nach in irgendeiner Form abstrahierbarem Material zu fischen. Doch reflektiert Polanski mit seiner Regisseur-Hauptfigur durchaus den eigenen, schöpferischen Blick und nimmt Venus im Pelz damit ein wenig den Zwang zur Verallgemeinerung, den ähnlich sexuell aufgeladene Filme wie Bitter Moon (1992) oder sein Debütfilm Das Messer im Wasser (Knife in the Water, 1962) noch herausforderten.

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Während diese Filme eher Drei- oder Vierecke waren, existiert das Dritte hier nur noch in Form von Alexandre Desplats gelungener Filmmusik, die besonders intensive Werdensmomente untermalt. Ansonsten sind der hier für seine Verhältnisse etwas zurückhaltender spielende Mathieu Amalric und Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner allein im Theater und tragen dieses Kammerspiel mühelos. Venus im Pelz unterhält dabei mehr, als in irgendeiner Form herauszufordern, die Highlights sind weniger die Spannungsmomente als die respektlosen Kommentare der prolligen Off-Stage-Vanda. Hintergründig aber wird der Film, wenn Polanski innerhalb seines statischen Settings allmählich Brüche einbaut, wenn er das Leben ins Theater fließen lässt et vice versa und aus dem Theater-Auditorium einen Raum macht, in dem Begriffe wie Off- und On-Stage keinen Sinn mehr haben, in dem Schein und Sein verschwimmen.

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Kommentare


Klaus Lelek

Geschlechterkampf 1871 und 2013

Weniger Worte hätten dem Film gut getan. An manchen Stellen verliert sich Polanskis Alterswerk in Geschwätzigkeit. Aber das ist halt typisch französisch und macht auch nicht vor einem Deutschen Erotik-Roman aus der K. und K-Zeit halt: nämlich "Venus im Pelz" von Sacher-Masoch. Mathieus Amarics Ähnlichkeit mit dem ein wenig dekadenten Sprössling einer alten polnisch-österreichischen Landadelsfamilie ist verblüffend. Autor Tomas erscheint beinah wie ein Wiedergänger des seinerzeit gefeierten Schriftstellers, der wie viele andere Künstler seiner Zeit (Fin de siecle) für den Niedergang einer ganzen Epoche steht.
Der echten Sacher-Masoch nötigte ein biederes, gutherziges Grazer Mädchen dazu die Romanfigur seiner masochistischen Phantasien nachzuspielen. Zehn Jahre spielte sie widerwillig die grausame Herrin (das Paar hatte sogar drei Kinder), bis sie die Faxen dick hatte und mit dem Geschäftspartner ihres Mannes durchbrannte. Die moderne Wanda des Castings dagegen (Emmanuel Seigner) nimmt dem schwachen Mann des 21. Jahrhunderts bereits nach zehn Minuten das Heft aus der Hand. Roman Polanski erzählt die Geschichte also weiter. Überträgt sie nach einer guten Bühnenvorlage in unsere Zeit. Die bittere Bilanz: Im 19. Jahrhundert war "Geschlechterkampf" eine Inspirationsquelle, die Künstlern wie Ibsen, Strindberg, Tschechov, Munch usw. und eben auch Sacher-Masoch zu wahren Höhenflügen verhalf. Heute dagegen endet ein moderner Sacher-Masoch von der modernen Power-Frau durchschaut und demaskiert bereits nach ein paar Stunden im Mülleimer. So könnte Polanskis politisch unkorrekte Botschaft lauten.






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