Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern

Himmel oder Hölle: Wenn sich Eltern und Kinder nicht ausstehen können.

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Als der Erzähler in Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit einmal unangemeldet bei seiner Großmutter zu Besuch erscheint, erfährt er „das wenig dauerhafte Privileg, das uns erlaubt, während des kurzen Augenblicks unseres Heimkommens überraschend unserer eigenen Abwesenheit beizuwohnen“. Mit Mantel und Hut angetan, ist er für einen Augenblick nicht Enkel, nicht Familie, sondern neutraler Körper in einer nicht für ihn bestimmten Situation. Proust hat auch eine Ausdeutung parat für das, was in diesem Sekundenbruchteil geschieht: „Was auf ganz mechanische Weise in diesem Moment in meinen Augen zustande kam, als ich meine Großmutter bemerkte, war wirklich eine Photographie.“

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Mit einem ganz ähnlichen Moment setzt Peter Liechtis Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern ein: Da erzählt der Regisseur aus dem Off, wie er den Vater eines Tages unverhofft auf der Straße gesehen habe. Der herrische Patriarch, der die Kleinfamilie jahrzehntelang unter der Fuchtel gehabt hatte, wirkte gänzlich wie ausgewechselt. Unsicher, verloren, wie irgendein alter Mann. Als erblickte ihn nicht der Sohn, sondern eine Videokamera. Wo sich allerdings Prousts Marcel im Anschluss an sein Entfremdungserlebnis in die Introspektion stürzt, weckt die Observation des sich unbeobachtet wähnenden Vaters Liechtis Neugierde. Die Fragen richten sich weniger nach innen denn nach außen: Wer ist dieser Mann, mein Erzeuger, der mir abseits der von ihm kontrollierten Verhältnisse so fremd ist?

Und so zieht der über sechzigjährige Sohn samt Kamera zu seinen dem Greisenalter nahen Eltern in die kleine Hochhauswohnung. Doch bereits in der Exposition wird klar, dass die Generationen sich schon lange fremd sind. Weltenweit entfernt vollzog sich das Künstler- und Revoluzzerleben des Sohnes von der Spießbürger-Existenz der Eltern, die ausgestaltet ist mit penibel gebügelten Hemden, getrennten Betten, allmorgendlichen Ritualen und dem titelgebenden, akkurat parzellierten und gehegten väterlichen Schrebergarten. Jedoch, und das macht Vaters Garten zu einem einzigartigen Film: Liechti wählt nicht den naheliegenden und oftmals schon gesehenen Weg der Konfrontationen. Dies hier ist kein Selbstfindungstrip, hier klagen nicht die Jungen die Alten dafür an, dass ihr Leben von vornherein verkorkst war.

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Liechti wählt bei seiner Erforschung des elterlichen Alltags einen semi-parzipativen Zugang. Mal verbittet er sich Blicke in die Kamera, richtet aber trotzdem immer wieder aus dem Off das Wort nach innen. Die auch Unwohlsein stiftende Kamera bleibt stets präsent. So ganz stellt sich also für den spät zurückgekehrten Sohn die eigene Abwesenheit nicht ein. Dafür liegen auch zu viele Leichen im Keller der gemeinsamen Geschichte. Onkel und Tante haben Selbstmord begangen, früh ist der Sohn abgehauen, die lange Zeit unerwähnte und dem Bruder ganz offensichtlich verhasste Schwester war einmal für Jahre weg, „weil sie gesponnen hat". Und dann sitzt sie auf einmal am Tisch und droht mit ihrer bibelfesten Weltenthobenheit, das Filmprojekt zu zerstören.

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Aber Liechti durchkreuzt auch hier ziemlich konsequent Erwartungen. Die dunklen Geschichten werden geradezu aggressiv ausgespart, bleiben in Nebensätzen und Verweisen nur schemenhaft zu erahnen. Es ist die Gestalt des jetzigen elterlichen Zusammenlebens, an der ihm gelegen ist, nicht die Kausalerklärung seiner Genese. Wenn Liechti in die Tiefenstrukturen der beizeiten perfiden Dynamiken zwischen Vater und Mutter vorstößt, dann vor allem über zuerst marginal und unbedeutend erscheinende Details. Wenn die Mutter beispielsweise zum bereits zweiten Mal in der Badewanne gestürzt ist und den Vater bittet, einen Haltegriff anzubringen, dann verschließt sich der überkorrekte und verstockte Mann mit dem Hinweis, dass „die paar Jahre“ es nicht wert seien, zwei Löcher in eine neue „Plättliwand“ zu bohren.

Mit dieser Strategie des Angriffs auf den Nebenkriegsschauplätzen, mit denen Liechti den Panzer aus Plattitüden und Allerweltsweisheiten der Eltern immer wieder durchstößt, öffnet er durchaus Abgründe; die Qualen einer abgestellten und alleingelassenen Hausfrauenexistenz etwa, die mit einem tumben Gottesglauben betäubt werden. Oder die erschreckende Ereignisleere eines pflichtversessenen Arbeiterlebens, dessen schönste Erinnerung diejenige an einen im Technokratendeutsch verfassten Abschiedsbrief des Bosses ist.

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Überhaupt die Sprache: Liechti transponiert die Interviewsequenzen mit den tiefstes Schwitzerdütsch parlierenden Eltern oftmals in ein Puppentheater-Setting. Da sprechen dann zwei Hasenfiguren reinstes Hochdeutsch, während im Off ein teufelsähnlicher, glatzköpfiger Sohn umherschwirrt. Die Wirksamkeit dieser inszenatorischen Entscheidung ist streitbar. Einerseits gibt sie Liechti die faszinierende Möglichkeit, die vom Dialekt bereinigte Sprache zu verräumlichen und zu dramatisieren. Die emotionalen und metaphorischen Bewegungen der Sätze verwandeln sich in Bewegungen der Puppen im Raum, sie ziehen sich in die Schatten zurück, verstecken sich hinter Säulen, treten bedrohlich nahe. Andererseits sind die Puppenszenen auch immer etwas zu arty, zu Inland Empire (2009), um ihre konzeptuellen Stärken ganz ausspielen zu können.

Auch ansonsten krankt Vaters Garten an einer etwas fahrigen Handschrift. Mit zunehmender Dauer wird der Film eher flach als breit, die protofaschistische Existenz der Spießbürgereltern wird zwar in vielen Facetten ausgeforscht, aber die festgefahrenen postpubertären Aufschreie des Sohnes, die sich vor allem in zwei mit harschem Freejazz unterfütterten Montagesequenzen entladen, nerven trotz ihrer augenfälligen Ehrlichkeit.

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Mit diesem Eindruck entlässt Liechti seine Zuschauer denn auch: mit dem ehrlichen Dokument eines gescheiterten Versuchs. Und das ist eigentlich gut so. Entgegen jeder auch bei autobiografischen Dokumentararbeiten vorherrschenden Konfliktdramaturgie, nach der sich durch das Filmemachen kathartische Momente ergeben, vorher unmögliche Erkenntnisse eintreten und am Ende die Versöhnung stehen muss, schließt Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern mit einer vollkommen unerlösten Konstellation. Hier haben wir, trotz einiger durchaus zärtlicher Begegnungen, Eltern, die ihren Sohn ganz offenbar nicht sonderlich leiden können, ebenso wie er das philisterhafte, gottesfürchtige Gebete der Mama wie das herrische Rechthaberdenken des Papa einfach nicht begreift. Der Untertitel des Filmes spielt nicht auf die Liebe der Eltern zu ihrem Sohn an, sondern zueinander. Sie bleibt Liechti ein Enigma. Ob er wohl in den Himmel oder die Hölle komme, fragt er gen Ende Schwester und Mutter. Betretenes Schweigen ist die Antwort.

Trailer zu „Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern“


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