Vanishing Waves

Mindfuck einmal wörtlich genommen: Ein Wissenschaftler schläft mit seiner komatösen Probandin – im Geiste jedenfalls.

Vanishing Waves 01

Selten schmerzt der morgendliche Einbruch der Realität in die Traumwelt mehr, als wenn man sich im Schlaf verliebt hat. Und das kann manchmal schnell gehen: Ein paar Minuten REM-Phase und man schwebt auf Wolke Sieben – bis der Wecker klingelt und einen aus den Armen der schönen Fremden reißt. Schon ein paar Sekunden später verblassen die Erinnerungen an ihr Gesicht, doch das Gefühl des Verliebtseins bleibt noch einige Minuten. Schade, dass es sich nicht auf einem Datenträger speichern und bei Bedarf wieder abrufen lässt.

Lukas (Marius Jampolskis) hat diese Möglichkeit. Er kann seiner Traum-Frau immer wieder begegnen, kann in sie eindringen – in ihren Geist zumindest. Das Labor-Team des jungen Wissenschaftlers erforscht per EEG die Hirnaktivitäten der komatösen Aurora (Jurga Jutaite). Allerdings werden die bildgebenden Verfahren in Vanishing Waves (Aurora) von einer Elektroden-Verbindung ergänzt, die Lukas Einlass in Auroras Unterbewusstsein gewährt. Beim ersten Login gibt es noch gewisse Kompatibilitätsprobleme, die für eine schöne, abstrakte Experimentalfilm-Reise in die Welt der Neuronen sorgen. Doch schon beim zweiten Versuch begegnet Lukas der Probandin, die in ihrem bewusstlosen Körper gefangen sein mag, im Geist jedoch weiterhin quicklebendig ist. Auch hormonell scheint ihr Innenleben bestens zu funktionieren – so gut, dass Lukas bald jegliche wissenschaftliche Distanz fahren lässt und eine zerebrale Affäre mit Aurora beginnt, die mit jedem Besuch in ihrem Geist intensiver wird. Den Kollegen erzählt er nichts von seinen erotischen Erlebnissen, Lukas’ eigentliche Freundin Lina (Martina Jablonskyte) spürt jedoch, dass er sich verändert, immer öfter abwesend wirkt und von unberechenbaren Aggressionen heimgesucht wird.

Vanishing Waves 03

Mit ihrem dritten Film hat sich die junge litauische Regisseurin Kristina Buozyte der immensen Herausforderung gestellt, Geisteszustände zu visualisieren, den nie verlustfrei realisierbaren Transfer von Gedanken mit Bildern zu kommunizieren. Stilistisch gelingt ihr dieses Wagnis größtenteils. Erstaunlich ist dabei, mit wie wenig CGI-Elementen Buozyte in einem Science-Fiction-Film auskommt und es trotzdem schafft, die mentalen Fantasiewelten als surreal zu markieren.

Vanishing Waves arbeitet mit spärlichen Dialogen und setzt ganz auf die Ausdruckskraft seiner aufwändigen Bildsprache. Der kalt, aber doch elegant inszenierten Hightech-Laborwelt aus der realistischen Erzählebene stellt Buozyte in den Fantasieszenen natürliche Elemente gegenüber: Wälder, ein Holzhaus und immer wieder Wasser, das nicht nur das Motiv der Wellen aus den EEG-Messungen aufnimmt, sondern mit einer Kombination aus Nebel, Perspektivwechseln und Weichzeichner-Einsatz auch Lukas’ Desorientierung in Auroras Geist auf den Zuschauer überträgt.

Vanishing Waves 07

Die vielleicht schönste, atmosphärisch stärkste Sequenz des Films verdeutlicht diese Reduktion auf das Ursprüngliche, das Natürliche: Zwei nackte Körper inmitten der Landschaft, nichts weiter – fast wie in Philippe Grandrieux’ White Epilepsy (2012) oder den stilistisch verwandten Kurzfilmen Devin Horans. Minutenlang rennen Lukas und Aurora in völliger Dunkelheit durch die Stranddünen, ringen miteinander, ohne ein Wort zu sprechen – es sind wunderbar reine, einprägsame Bilder.

So hat Vanishing Waves kaum etwas mit den actionlastigen Sci-Fi-Blockbustern zu tun, die einem im regulären Kinoprogramm oft begegnen. Der Film spielt nicht nur in den Köpfen der Protagonisten, sondern auch mit den Köpfen der Zuschauer. Buozyte geht es – wie Damir Lukacevic in Transfer (2010) – um die Vermischung von Identitäten, die interpersonelle Übertragung menschlichen Innenlebens, die Penetrierbarkeit des Geistes. Die Salutschüsse einiger Rezensenten nutzen dann aber doch ein deutlich zu großes Kaliber, wenn sie Vanishing Waves mit den Werken Andrej Tarkovskijs und Stanley Kubricks vergleichen (und mitunter gleich noch David Lynch, Salvador Dalí und David Cronenberg gratis dazu geben).

Vanishing Waves 04

Denn narrativ hat der Film zahlreiche Schwächen. Obwohl die Laufzeit von mehr als zwei Stunden etwas überdehnt wirkt, gerät die Exposition sehr knapp. Dadurch entfällt jede Möglichkeit, Lukas als eine Figur zu etablieren, die der Empathie des Zuschauers würdig wäre. Auch das Eindringen in Auroras Innenwelt verläuft allzu rasch und glatt. Kaum hat der Zuschauer die beiden Protagonisten kennengelernt, rollen sie schon nackt auf dem Fußboden herum, beschmieren sich in einer deplatzierten Fressorgien-Szene gegenseitig mit Essen und werden wenig später Teil eines Berges miteinander kopulierender Körper. Obwohl diese Erlebnisse eigentlich in Auroras Unterbewusstsein stattfinden sollen, befriedigen die meisten Szenarien eher Lukas’ Begierden. Und dessen Wissenschaftler-Hirn scheint recht simpel strukturiert zu sein, denn außer (mit großem Kunstwillen inszeniertem) Softsex kennt es kaum weitere Bedürfnisse.

Vanishing Waves 05

Mitunter wirkt Vanishing Waves wie eine recht zusammenhanglose Abfolge ästhetisch hochwertiger, aber handlungsarmer Traumsequenzen. Dem Vorwurf der erzählerischen Diskontinuität lässt sich natürlich mit dem Totschlagargument der „Traumlogik“ begegnen. Doch der Film ist nicht nur narrativ, sondern auch konzeptuell voller Brüche. Die Reduktion des Wortanteils zugunsten der Bildsprache wird ganz am Anfang und ganz zum Schluss durch eine vollständige Konzentration auf die Kraft der Worte untergraben – zudem vertraut Buozyte ihren Bildern anscheinend doch nicht so recht, schließlich unterlegt sie große Teile des Films mit einem recht penetranten Musikteppich. Das entwertet nicht nur die optische Brillanz des Films, sondern verhindert auch eine wirklich konsequente Visualisierung von Geisteszuständen. Denn im Traum fehlt die dramatische Musik.

Trailer zu „Vanishing Waves“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.