Vampire Hookers

Ein mit heißer Nadel gestrickter Vampirfilm erweist sich äußerst überraschend als kleine, flüchtige Liebeserklärung an den Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten. 

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Vampire Hookers: Dieser Titel verheißt Großes, sexploitative Sensationen, dabei spricht er doch eigentlich nur besonders explizit und ungeschönt aus, was dem Vampirmythos immer schon inhärent war: Es geht um Lust, Verführung, Penetration und Sex. Gebissen zu werden bedeutet ekstatische Unterwerfung und Selbstaufgabe, verbunden mit dem Versprechen, aus dem Akt als ein neues, lustgesteuertes Wesen hervorzugehen, das den Konventionen und dem Rhythmus des menschlichen Daseins enthoben ist.

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In Cirio H. Santiagos Film ist diese Erfahrung allerdings jedes subversiven oder transgressiven Elements beraubt, stattdessen wird die Triebgesteuertheit sowohl der Täter wie der Opfer als bemitleidenswert-komischer menschlicher Makel dargestellt. Die den „Vampirnutten“ erlegenen Protagonisten sind weniger vom Wunsch nach Selbstauflösung getrieben als hoffnungslos ihrer Libido ausgeliefert. Mit einer ungesunden Scheiß-drauf-Einstellung stürzen sie sich ins gefährliche Vergnügen und schauen anschließend dumm aus der Wäsche. Doch auch das Vampirleben ist erschreckend banal: Nacht für Nacht die immer gleiche Hatz auf die immer gleichen eindimensionalen Trottel, bevor man sich wieder in seinen unbequemen Sarg bettet.

Landgang für Filmtouristen

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Vampire Hookers funktioniert gleichermaßen als humorige Warnfabel, als Märchen im Grunde genommen, das die Gefahren allzu ungehemmter Lust illustriert, wie auch als Einführung in die exotische Welt des philippinischen Kinos. Von amerikanischen Schauspielern (Bruce Fairbairn und Trey Wilson) – gewissermaßen als Fremdenführer – begleitet, geht der Zuschauer in einem philippinischen Hafen von Bord und staunt mit den beiden Matrosen Tom und Terry über die erotischen Verheißungen des dortigen Nachtlebens, in das die beiden sofort einzutauchen gedenken. Doch als Tourist zahlt man für gewöhnlich Lehrgeld, und so enden alle begonnenen „Abenteuer“ damit, dass den beiden das Geld aus der Tasche oder ihnen etwas über den Schädel gezogen wird. Ihr Vorgesetzter Taylor (Lex Winter) hat es da schon besser getroffen: Nicht nur erweist sich sein Taxifahrer als Kenner des Nachtlebens, Taylor wird auch noch von der atemberaubenden Cherish (Karen Stride) entführt. Die gehört jedoch einem Vampirclan an, dem der alternde Vampirzuhälter Richmond Reed (John Carradine) in einem alten Friedhof vorsteht. Taylor verschwindet, Tom und Terry begeben sich mit absehbaren Folgen auf die Suche nach ihm …

Zwischen Kommerz und Poesie

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Vampire Hookers ist vordergründig schon fast idealtypische Grindhouse-Kost: Der Titel zwingt den geneigten Konsumenten zum Kartenkauf, die Story ist so schmal, dass eine breit ausgewalzte, vollständig in Zeitlupe gehaltene explizite Sexszene nötig ist, um den Film überhaupt auf eine Spielzeit von 75 Minuten zu bringen. Doch von „Horror“ kann keine Rede sein, Santiago versucht gar nicht, seine Zuschauer zu erschrecken, liefert stattdessen eine erstaunlich liebenswerte kleine Komödie voller unschuldiger Zoten und treffsicherer One-Liner (auf den Einwurf, das, was sie vorhätten, sei Mord, antworten die Vampirdamen etwa einhellig: „It’s not murder … it’s dinner!“). John Carradine, der in jener Zeit wahrscheinlich gar nicht wusste, wo ein Engagement endete und das nächste begann, versieht seinen Part mit einer unnachahmlichen Mischung aus altväterlicher Würde und Augenzwinkern. Trey Wilson, den meisten wahrscheinlich als Möbelhändler aus dem Coen-Film Arizona Junior (Raising Arizona, 1987) bekannt, erklärt als Matrose Terry in einem Running Gag wieder und wieder, warum er panische Angst vor Friedhöfen hat. Und Vic Diaz, fester Bestandteil jedes philippinischen Exploiters, hat die Rolle des traurigen Halbvampirs Pavo abbekommen, der es wegen heftiger Blähungen in seinem Sarg kaum aushält und Tag für Tag heulend die klägliche Entwicklung seiner Beißerchen beobachtet. Vampire Hookers ist kein Stück nachhaltig oder nahrhaft, stattdessen ephemer, redundant, unbekümmert und von fast traumgleicher, wunderbarer Leichtigkeit. In seiner Haltung gegenüber seinen Protagonisten erkennt man eine tiefe Sympathie für den Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten, Nachsicht, Mitgefühl. Er zeugt vielleicht nicht von ausgesprochener formaler Meisterschaft, aber dafür von einer unerschütterlichen Gelassenheit, einem unverrückbaren Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und dem Mut, die Dinge laufen zu lassen. Eigenschaften, die ohne Zweifel das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung sind.

Vergessener Vielfilmer: Cirio H. Santiago

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Kein Wunder, dass Cirio H. Santiago (1936–2008), dessen IMDb-Profil ihm 82 Regiearbeiten zwischen 1957 und 2014 zuweist, in den letzten Jahren seines Lebens vom philippinischen Staatschef Fidel V. Ramos in das Amt des Präsidenten des „Philippine Film Development Fund“ berufen wurde, mit der Aufgabe, die Qualität des philippinischen Kinos zu verbessern und ausländische Produzenten ins Land zu locken. Schon in den 1970er Jahren hatte Santiago in seiner Heimat mehrere Filme für Roger Cormans New World Pictures gedreht und war bis in die 1980er Jahre immer wieder ein gefragter Mann für US-Produzenten, wenn es darum ging, preisgünstige, reißerisch betitelte Videothekenware zu fertigen. Zu seinen Verehrern gehört – kaum verwunderlich – Quentin Tarantino, der Santiagos She-Devils in Chains (1976) als wichtigen Einfluss (etwa für die beiden Kill Bill-Filme, 2003–2004) angibt. Santiagos Werk ist leider in der Breite zu wenig verfügbar, sein Name zudem nicht mit dem einen bahnbrechenden Titel verbunden, der ihn zur Marke gemacht hätte. So ist er bis heute nur einer von zahlreichen Regisseuren, die sich in den vergangenen vier Jahrzehnten um die Bestückung von Bahnhofskinos und Videotheken verdient gemacht haben. Ein Film wie Vampire Hookers macht aber Lust, auf Entdeckungsreise zu gehen und den ein oder anderen verborgen gebliebenen Schatz zu heben.

Trailer zu „Vampire Hookers“


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