Valley of Love

Ein toter Sohn schickt seine Eltern in die Wüste: Guillaume Nicloux hat seinen wundervollen Film der Vergangenheit gewidmet, und zwar uneingeschränkt und absolut.

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Irgendwann fließen dann doch noch die Tränen; die Stimme kracht; der Körper entgleist seiner Beherrschbarkeit, er bricht aus der Bahn und erbricht sich. Isabelle (Isabelle Huppert) liest den Abschiedsbrief vor, den ihr der Sohn hinterlassen hatte, bevor er sich selbst tötete. Diese Szene steht weder im Zeichen melodramatischer Entladung noch in dem psychologistischer oder psychosomatischer Säuerlichkeit; diese Szene ist vor allem eines, nämlich selbstverständlich. Sie ist es ebenso, wie alles in Valley of Love selbstverständlich ist, ohne dass auch nur eine dieser Selbstverständlichkeiten auf Verständlichkeit setzen würde. Isabelle und Gérard (Gérard Depardieu), die beiden Eltern des toten Sohnes, finden sich im Grunde genau in diesem Dilemma wieder. Der Sohn schickt sie mit seinem Brief in die Wüste, ins Death Valley, und verspricht, ihnen dort irgendwo zu begegnen, und zwar physisch. Isabelle und Gérard, die schon seit einer Ewigkeit getrennt leben, verstehen diesen Brief ebenso wenig wie die Gründe für die Selbsttötung; sie treten diese Reise an, weil es selbstverständlich ist, dieser letzten Botschaft des Sohnes zu folgen, und nicht, weil sie durch diese Reise irgendetwas zu begreifen, zu verstehen hoffen.

Eine Nicht-Reise

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Das ist ganz grundsätzlich schon wunderbar, dass Guillaume Nicloux hier keine Reise inszeniert, die in therapeutischem Erfolg oder Misserfolg zu münden hat, keine, durch die sich die Wunde verarzten, die Lücke schließen ließe, sondern eine, die ganz und gar der Lücke gilt; keine Reise, die dem Impuls folgt, einzuholen, was abhanden gekommen ist, sondern eine, die sich durch das Vertrauen leiten lässt, eingeholt zu werden. „Reise“ ist deshalb eigentlich schon der falsche Begriff, weder nämlich ist sie intentional gesteuert, noch führt sie von Station zu Station. Jeden Tag endet sie wieder im selben Hotel, und jeden Tag startet sie von Neuem zu einer der Landmarken im Death Valley, an denen die beiden im Auto oder unter dem Sonnenschirm sitzen, ja, die Zeit absitzen und warten. Natürlich kreisen die Gespräche der beiden um den verlorenen Sohn, aber sie bleiben Einkreisung; weder wird der Riss vernäht, noch können sie in ihn hineinstürzen. Schon nach wenigen Minuten ist die Schuldfrage endgültig geklärt: „Selbstverständlich sind wir schuld“, sagt Gérard, „wir sind seine Eltern.“ Es hat keinen Sinn, sich gegenseitig Vorwürfe zuzuschieben. Beiden wird das sofort klar, wie eine kurze und prompt im Keim erstickte Diskussion zu Beginn des Films zeigt.

Depardieus schwulstige Finger

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Der Effekt, den dieses Selbstverständnis von der eigenen Schuld, über die man gar nicht mehr reden muss, auslöst, ist fantastisch, denn Isabelle und Gérard verbindet dadurch gerade keine zänkische und in einem heilenden Sinne konfrontative Beziehung, sondern eine bereits von Beginn an bedingungslose und vor allem liebevolle. Auch diese Beziehung ist Einkreisung eines leeren Zentrums, einer Lücke, eines Grabens, der schon von diesen denkbar gegensätzlichen Körperlichkeiten gerissen wird. Wenn Gérard mit seiner wuchtigen Hand und den schwulstigen Fingern über das grazile Gesicht Isabelles streicht, wenn sie in der Wüste nebeneinander hermarschieren, die eine hysterisch in ihr iPhone brüllend, der andere schnaufend, schnaubend und schwitzend, wird klar: Zwischen diesen beiden Menschen, die weniger Figuren (dass beide Schauspieler sind, und dass sie beide ihren tatsächlichen Vornamen tragen, deutet schon in diese Richtung) als reine Körper sind, liegt eine gemeinsame Vergangenheit eingespannt, die in einer gewissen Hinsicht absolut ist, die abgeschlossen ist, die hier als leeres Zentrum zwischen den Körpern lagert. Nicloux geht es aber nicht einfach darum, aus diesen disparaten Körpern bizarres Kapital zu schlagen, im Gegenteil: Es geht ihm darum, zwischen ihnen etwas zu aktivieren, was ganz und gar nicht bizarr ist, sondern was sich aus der Leere speist, die sich nicht mehr besetzen lässt; etwas, was im Grunde eigentlich noch der Vergangenheit angehört, die aber längst verabschiedet ist.

Warten, um gefunden zu werden

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In einer der schönsten Szenen von Valley of Love – in einer der schönsten Szenen dieser Art überhaupt – werden sich Isabelle und Gérard küssen, kurz, aber dafür zweimal; die Kamera ist auf Isabelles Gesicht gerichtet, das sehr schnell begriffen zu haben scheint, was gleich geschehen wird. Von links schiebt sich der wuchtige Köper Depardieus ins Bild; er ragt ins Bild, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinragt; auch hier holen Isabelle und Gérard nicht ein, was verloren gegangen ist, sondern sie sind es, die eingeholt werden, die in die Wüste fahren, nicht um dort, wie etwa die Figuren in den jüngsten Filmen von Terrence Malick, nach etwas zu suchen, sondern um dort gefunden zu werden. Valley of Love, das macht ihn so wunderbar, ist gerade keiner Zukunft gewidmet, keiner Souveränität oder Selbstverwaltung, durch die eine Zukunft garantiert werden könnte, keinem therapeutischen Programm, das die Vergangenheit zum Wohle der Zukunft einzuholen versucht wäre, keiner Findung des Selbst, durch die man wieder ins Gleichgewicht geriete, keiner Wiederbelebung der Vergangenheit, die dadurch Gegenwart würde. Valley of Love ist auch keine Reise in die Vergangenheit, keine Reise zurück zu den blinden Stellen, die die Gegenwart heimsuchen. Dieser Film ist der Vergangenheit gewidmet, aber auf eine absolute Weise; er zeigt uns zwei Menschen, die sich im Kreis bewegen, die sich um das herumbewegen, was nicht mehr existiert, und die sich auf dieser Bahn auf einen Klappstuhl setzen, mitten im Nirgendwo, und warten, bis die Vergangenheit von sich aus vorbeikommt, als sei das völlig selbstverständlich.

Trailer zu „Valley of Love“


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