Up In The Air

„Be Yourself“ singt Graham Nash – und er singt es vom Demoband.

Up in the Air

Wenn es darum ginge, den Begriff der Autorschaft zu problematisieren, wäre Up in the Air ein Paradebeispiel. Jason Reitman, der gefeierte Regisseur von Juno (2007), hat den fürs Oscarrennen hoch gehandelten Film geschrieben, inszeniert und produziert – unterstützt unter anderem von seinem Vater Ivan, dem ewigen Ghostbusters-Regisseur. Ein scheinbar klarer Fall also von Autorschaft, zumal es sich Reitman junior in der Juno-Nische gemütlich macht und Up in the Air mit allerlei Independent-Versatzstücken schmückt.

Zunächst wäre da ein Plot, der immer haarscharf an der RomCom vorbeistreift, ehe er ein verhältnismäßig überraschendes Ende findet. Dann gibt es eine kleine Spielerei mit Mockumentary-Elementen und Bilder, die sich bemühen, nicht allzu sehr im 35-Millimeter-Glanz zu erscheinen, dabei immer wieder die etwas andere Location suchen. So wie die Büros, Flughäfen und Hotels hier dezidiert einen Tick naturalistischer als in größeren Produktionen wirken und sich gleichzeitig stets bemühen, nicht zu reinen Spielräumen zu verkommen, sind auch die gewählten Handlungsorte fernab der sonst gern gesehenen Metropolen. Über Dallas und Des Moines bis nach Omaha führt uns Up in the Air. Zusätzlich verspricht Walter Kirn, der bereits die literarische Vorlage für Thumbsucker (2005) geliefert hatte, mit seinem Roman genau den richtigen Touch: erfolgreich, aber nicht populär, leicht linksintellektuell und moderat modern bis hip.

Up in the Air

Vor allem aber über den Soundtrack verschafft sich Up in the Air das Independent-Siegel. Dominiert wird der von Singer-Songwritern und Komponisten wie Rolfe Kent und Elliott Smith: mehr oder minder alternativ, einschlägig erfahren mit unabhängigen Low-Budget-Filmen. Versetzt ist dies mit Gute-Laune-Funk à la Sharon Jones, die den Zuschauer gleich zu Beginn in die richtige Stimmung bringt. Auch Graham Nash ist mit von der Partie. Ohne Crosby, Stills und Young, das wäre zu viel des Guten. Außerdem nicht vom Album, sondern als Demoband. Mit einem solchen schließt denn auch Up in the Air und landet den absoluten Coup. „Neuentdeckungen“ wie Dan Auerbach und Sad Brad Smith dürfen nämlich nicht fehlen, werden aber noch getoppt von Kevin Renick. Dessen Tape hören wir inklusive der einleitenden Worte: „Hi Jason, this is Kevin and I recently lost my job. I wrote this song as sort of a statement about uncertainty and having a certain amount of anxiety about the future. So maybe you can use it in your movie.“
Aber klar doch, vor allem, wenn es zwischendurch schön rauscht und man am Ende noch hört, wie das Aufnahmegerät klickend ausgeschaltet wird. Da sind wir ganz nah dran am Leben und an den echten Menschen.

Up in the Air

Ryan Bingham soll so einer sein, oder, nein, so einer werden. Noch ist er reichlich abgehoben – das verbildlicht der Film reichlich deutlich. Überhaupt scheint Reitman in seinem Drehbuch darauf geachtet zu haben, dass ihn nicht nur der klassische Independent-Zuschauer versteht, sondern auch wirklich jeder, der zumindest die Grundschule abgeschlossen hat. Da gibt es eine äußerst unglückliche junge Frau, die selber zugibt: „I’m married to my career“ und, weil sie von ihrem Freund verlassen wurde, „Time after Time“ als Karaokenummer gibt. Da kann der Zuschauer den perfekt sitzenden bedeutungsschweren Text gleich mitlesen.

Bingham hält Vorträge, bei denen ihm ein Rucksack als Anschauungsbeispiel dient. Der endet mit den Worten „imagine waking up tomorrow with nothing“. Das soll befreiend wirken, doch man ahnt: Das „nothing“ wird noch zum Problem Binghams. Später wird er den Vortrag nicht mehr halten können. Bis dahin muss er die wahren Werte – Familie vorneweg – wiedererkennen und wiedererlernen. Er steht ganz im Gegensatz zu seiner heiratenden Schwester, und überhaupt liebt Reitman Gegensatzpaare, beispielsweise „isolated“ und „surrounded“. Da wissen wir natürlich längst, welchem Typ Bingham angehört und dass ihm dies dauerhaft nicht so gut tun kann, wie er uns zu Beginn des Films noch via Voice-over glauben machen will.

Ryan Bingham beschäftigt sich professionell damit, Leute zu entlassen. Jasons Film holt uns inmitten der Wirtschaftskrise ab, aus der uns nur wärmende Gedanken und Geschichten retten. Das ist etwas altmodisch, und bei der Bingham-Figur muss man an literarische Erblinien wie Scrooge denken, in diesem Zuge auch an die guten alten Jimmy-Stewart-Filme.

Up in the Air

Der Jimmy Stewart unserer Zeit ist vermutlich George Clooney, rechtschaffen und Everybody’s Darling, ein wenig politischer, in Zeiten, wo das gefragt ist. Clooney versteht sich selbst als politischen Menschen, und er denkt vor allem nicht in erster Linie als Schauspieler. Clooney ist Regisseur und Produzent, ein mächtiger Filmmogul, dessen Pfund die Popularitätswerte sind. Clooney ist niemand, der ans Set kommt und spielt, er wählt die Stoffe genau, beteiligt sich in verschiedensten Funktionen an ihnen und arbeitet eng mit den anderen Verantwortlichen zusammen. Was alle Produktionen mit Ausnahme derer, die er selbst inszeniert, vereint: Er ist der Star. Selbst bei einem Staraufkommen wie in der Ocean-Reihe (2001-2007) ist Clooney, umgeben von Hollywood-Größen wie Brad Pitt, Matt Damon und Julia Roberts, der Titelheld, die Nummer Eins, der Star.

Die George-Clooney-Filme dieser Welt wollen uns immer darauf hinweisen, dass in ebensolcher etwas im Argen liegt. Ganz im Sinne Kevin Renicks wollen sie ein „statement“ abgeben. Clooney-Filme, das sind beispielsweise Syriana (2005) und Michael Clayton (2007). Es gibt sie auch im historischen Gewand, dann heißen sie Good Night, and Good Luck (2005) oder The Good German (2006).

In diese Reihe gehört nun auch Up in the Air, der so gerne wie ein Independent-Movie und wie ein Jason-Reitman-Film aussehen möchte, aber doch immer wohl kalkuliertes Starvehikel bleibt, das nach dem ganz breiten Publikum schielt und genau so weit unkorrekt ist, wie es noch genehm scheint.

Trailer zu „Up In The Air“


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