Untitled New York Review of Books Documentary

Eine verbotene Kritik zur Arbeitsfassung von Martin Scorseses und David Tedeschis Dokumentarfilm über eine freiheitsliebende Zeitschrift.

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„Ein Kritiker muss dem Mainstream widerstehen, er sollte die Seite stark machen, die in der öffentlichen Debatte gerade schwach ist. Ein Kritiker ist nur dann einer, wenn er sich als Anti-Establishment versteht.“ Susan Sontag, mal wieder, brachte die Sache am besten auf den Punkt. Solche funkelnden Zitate, kurze auratische Momente, die ganz für sich stehen, herausstechen aus dem ruhigen Fluss des Rückblicks, sie machen diesen Film zu einem lohnenswerten Erlebnis.

Auch ansonsten kann, wer will, einiges mitnehmen aus diesem Film, der von der Berlinale nicht ohne Grund eher halbherzig im Programm aufgeführt und als „work in progress“ angekündigt wurde: Schöne Fotografien und Filmaufnahmen, neben Susan Sontag auch von anderen Helden der Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts, von Robert Lovell, Derek Walcock, Joan Didion, Gore Vidal, Noam Chomsky und immer wieder Norman Mailer. Gerade Mailer scheint Scorsese zu faszinieren.

Untitled New York Review of Books Documentary ist ein Kino-Dokumentarfilm über eine der berühmtesten Zeitschriften Amerikas, eben die New York Review of Books, die im vergangenen Jahr ihr 50. Jubiläum feierte. Erstmals gezeigt wurden in Berlin die ersten 40 Minuten, die weitgehend fertig waren, und einen Eindruck des gesamten Films gaben, und zwei weitere, je knapp 15-minütige Ausschnitte.

Eine wirkliche Kritik ist also nicht möglich, zumal die Ausschnitte offensichtlich unfertig waren. Erkennbar ist aber, wie Scorsese mit dem Problem umgeht, hier einen Film über Texte und Wörter, vor allem über Gedanken zu drehen. Einerseits personalisiert er, dreht eine chronologische Nacherzählung der Geschichte der Zeitschrift von ihrer Gründung 1963 während des großen Zeitungsstreiks bis in die Gegenwart. Dies ist sehr „amerikanisch“, auch darin, dass das Leitmotiv – „Wir hatten eine tolle Idee, glaubten daran, und haben es einfach gemacht“ – sich durch den ganzen Film zu ziehen scheint. Aus der Gegenwart tritt da vor allem Gründer Robert Silvers hervor. Zu sehen sind aber auch sonst viele Talking Heads: 39 Personen hat Scorsese interviewt, die Interviewpassagen werden grundiert mit „großen“ Ereignissen der Zeitschrift, Bildern des Vietnamkriegs, der Bürgerrechtsbewegung, bis zu 9/11. Andererseits bricht er diese Konventionen des Dokumentarfilms mit abgefilmten Textpassagen oder legendären Covern der Zeitschrift.

Interessant oder außergewöhnlich ist das zwar weder stilistisch, noch visuell, hochspannend aber als Kultur- und Geistesgeschichte Scorseses eigener Generation, derjenigen Linksliberalen Amerikas, die in den 1960er Jahren jung waren und nun allmählich das intellektuelle und ästhetische Regiment aus der Hand geben. Und dies ist eine Geschichte von Scorseses Heimatstadt New York, ihrer intellektuellen und politischen Kulturkämpfe. Was dabei auch deutlich wird: Die NYRB ist weniger links als freiheitlich. Kommunistenfresser wie Isaiah Berlin und rechtsliberale Journalisten wie Timothy Garton Ash oder milde Konservative gehören genauso zu ihren Hausautoren wie Anarchisten à la Norman Mailer. Man sollte die Erwartungen also in keinerlei Hinsicht zu hoch stecken.

Trailer zu „Untitled New York Review of Books Documentary“


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