Unterwegs mit Mum

Die Maske der Freundlichkeit. Ein Road Movie mit angezogener Handbremse.

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Zwangsgemeinschaften bilden die Grundlage vieler Komödien. Zu Recht, bereitet es doch zweifellos Schadenfreude, zwei Menschen, die sich eigentlich nicht riechen können, dabei zuzusehen, wie sie miteinander auskommen müssen. Da prallen unterschiedliche Mentalitäten und Lebensentwürfe aufeinander, wenn nicht sogar ein gemeinsames, zumindest teilweise als traumatisch empfundenes Leben Ursache des Konflikts ist. Wenn es sich bei den Protagonisten nun um ein explosives Mutter-Sohn-Gespann handelt, das mit dem Komiker Seth Rogen und der Sängerin Barbra Streisand vielversprechend besetzt ist, sollte man meinen, der Film befinde sich bereits auf der sicheren Seite. Allerdings vergisst Regisseurin Anne Fletcher bei ihrem komödiantischen Road Movie die Handbremse zu lösen.

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Unterwegs mit Mum (The Guilt Trip) erzählt gleichzeitig von einem Annäherungs- und einem Abnabelungsprozess. Andrew (Rogen), ein Wissenschaftler ohne Liebesleben und Verkaufstalent, muss auf einer Amerikareise diversen Großhändlern ein Putzmittel aus rein biologischen Inhaltsstoffen verkaufen. Um seine verwitwete Mutter (Streisand), die ihren Sohn gerne mit Lebensweisheiten und ungefragten Ratschlägen drangsaliert, mit ihrer Jugendliebe zusammenzubringen, fasst sich Andrew ein Herz und nimmt sie mit auf eine achttägige Geschäftsreise. Dabei müssen die beiden im Laufe dieses nervenaufreibenden Roadtrips lernen, einander zu schätzen, aber auch begreifen, dass sie ein eigenständiges Leben führen müssen.

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So didaktisch, wie das klingt, setzt das der Film dann auch um. Schon mit ihrem letzten Film Selbst ist die Braut (The Proposal, 2008) hat Fletcher gezeigt, dass ihre Vorstellung einer Komödie frei von der dem Genre eigentlich innewohnenden Anarchie ist. Es ist nichts Neues, dass Komödien aus Hollywood mitunter dramaturgisch und ideologisch konservativ sind, bei Fletcher ist alles aber noch eine Spur biederer und spießiger. Vor allem scheint sich der Film etwas darauf einzubilden, keine Karikaturen, sondern liebenswürdige Menschen zu zeigen. Ganz Amerika sieht Fletcher durch die rosarote Brille. Nicht nur die beiden Protagonisten sind herzensgut, sondern auch jeder, der ihren Weg kreuzt, von der drolligen Stripperin bis zum texanischen Provinz-Casanova.

Wenn die gluckende Mutter ihren unbeholfen nerdigen Sohn immer wieder in der Öffentlichkeit demütigt, führt das durchaus zu witzigen Situationen, die vom komödiantischen Talent der Darsteller getragen werden. Doch man wird einfach das Gefühl nicht los, die Witze blieben auf Sparflamme und der Film hinter seinen Möglichkeiten zurück. Fletcher zeigt keine Abgründe, keinen Mut zur Hässlichkeit, nur ein eigentlich vielversprechendes Szenario, bis zur Familienkompatibilität weichgespült. Dass in dieser Welt fast alles, was zunächst schiefläuft, wieder gerade gebogen werden muss, versteht sich dabei von selbst.

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Gegen Ende gibt es dann aber sogar einen selbstreflexiven Moment, in dem Unterwegs mit Mum das penetrant Liebenswürdige seiner Figuren – wahrscheinlich unbeabsichtigt – als Maskerade entlarvt. Um Andrews mangelnde Entertainer-Fähigkeiten bei seinen Präsentationen zu verbessern, lehrt ihm seine Mutter, dass Freundlichkeit keinem aufrichtigen Interesse folgen muss, sondern auch eine Verkaufsstrategie sein kann. Und tatsächlich, es funktioniert. Sobald Andrew sich bei seiner Präsentation nach den Kindern seiner Gesprächspartnerin erkundet, wird er plötzlich auch sein Putzmittel los. Da passt es denn auch, dass der Film selbst ein ziemlich penetrantes Product Placement betreibt, wenn er es seinem Publikum als niedliche Eigenschaft verkaufen will, dass die schrullige Mutti jeden Morgen neben einer leeren Tüte M&M’s aufwacht.

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Kommentare


Sean

Was der Autor dieser Kritik schreibt stimmt. Es ist aber die Frage wie man das interpretiert. Hier ist gut also schlecht und hässlich wäre gut.
Ich für meinen Teil mag den Film und ganz besonders die Tatsache, dass er zur Abwechslung versucht mich auf freundliche Weise zu unterhalten.


Uwe Brameier

Ich habe den Film vor einigen Tagen im Original gesehen und er hat mich von der ersten bis zur letzten Minute unterhalten, weil er NICHT von einem Schenkelklopfer zum nächsten rennt, was offenbar für viele der Inbegriff einer Komödie zu sein scheint. Zeitweise hatte ich den Eindruck, dass hier ein reales Mutter-Sohn-Gespann von einer Kamara begleitet wurde und das wirkte sehr authentisch und unterhaltsam. Schön, dass es auch Menschen gibt, die Filme drehen, die auch mal durchgängig freundlich sind. Action, Horror und Mobbing gibt ers schon genug in der wahren Welt.






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