On the Road

Verloren in einem großen Land und in einem großen Buch.

Unterwegs

Jack Kerouacs On the Road, hierzulande bekannt als Unterwegs, erzählt von einem endlosen Raubzug. Seine jugendlichen Vagabunde streunen durch die Weiten Amerikas, immer auf der Suche nach Beute: Neuigkeiten, Landschaften, Gespräche, Gedanken, Erfahrungen, kurzum: „Kicks“. Sie stehlen mit ihren Körpern, ihren Stimmen und ihren Sinnen, entreißen der Welt ihre Landschaften, den Frauen ihre Selbstbeherrschung, der Musik die Vibrationen, der Straße ihre Geheimnisse. Und ihr Hunger ist unstillbar. „Dig this, dig that“, lautet das Mantra Dean Moriartys alias Neal Cassidys, des getriebenen Antreibers der Beat-Generation: Graben muss man in den sinnlichen Landschaften der Welt und den Gesichtern ihrer Menschen wie Archäologen des Moments. Zurück bleiben Trümmerhaufen.

„Everything was being mixed up, and all was falling“: Das destruktive Element ist ungemein wichtig für Kerouacs Prosa. Sein spontanes Schreiben, sein literarisches Erbeuten der Reichtümer des Augenblicks strebt nach keiner geschlossenen Form. Die Intensität jedes isolierten Momentes löscht stets alle anderen Momente aus. Eine kohärente Interpretation von On the Road ist unsinnig, weil sie eine Statik behauptete, wo Kerouac reine Bewegung(en) etabliert. Es gibt keine „große“ Aussage des Buches, kein Projekt, kein letztes Ziel, das nicht durch andere, konkurrierende Ziele relativiert würde. Zwischen den Zeilen der großen Reiseerzählung, in jedem ihrer situativen Exzesse, flüstert der alte Nietzsche: „Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.“

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Diese strukturelle Inkohärenz stellt jeden Versuch einer Filmadaption vor große Probleme. Das Roadmovie verlangt nach einem überspannenden narrativen Bogen, um seine Stationen an einer zeitlichen Perlenschnur aufreihen zu können. Die große Ausnahme ist wohl Monte Hellmans Asphaltrennen (Two-Lane Blacktop; 1971), und vielleicht kommt dessen essenziell sinnlose Bewegungssucht dem Drängen von Kerouacs Roman sogar recht nahe. Die Geschichte der Adaption von On the Road ist daher auch eine Erzählung gescheiterter Versuche: Schon Kerouac träumte von einer Hollywoodversion, wollte selbst sein Alter Ego Sal Paradise spielen und Marlon Brando für die Rolle des Dean Moriarty gewinnen. Francis Ford Coppola hatte die Rechte am Stoff seit Jahrzehnten, Regisseure wie Jean-Luc Godard und Gus Van Sant waren im Gespräch. Nun haben es Walter Salles und sein Drehbuchautor José Rivera wirklich geschafft, das Projekt zu realisieren. Doch auch sie scheitern.

Sie haben die Zahl der Touren auf drei Trips reduziert, viele Figuren herausgeworfen und anderen größeren Raum eingeräumt. Und sie versuchen beide Achsen, Kerouacs literarische Vision und die Erfordernisse einer stimmigen Filmerzählung, miteinander zu versöhnen. Doch hier fangen die Probleme an: Für einen klassisch narrativen Film ist On the Road oftmals zu gehetzt, wie im Buch werden Orte gestreift und Personen eingeführt, nur um bald wieder zu verschwinden. Im Gegensatz zum Buch jedoch ist das „Schreiben“ des Romans das große Ziel des ganzen Hin und Her über den amerikanischen Kontinent, Sal alias Jack (Sam Riley) reist so lange, bis er am Ende in die Tasten hauen kann.

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Salles und Rivera haben sich somit vom fiktiven wie vom wirklichen Leben gleichermaßen inspirieren lassen. Sie erden die hitzige, gefräßige Erzählbewegung der Vorlage. Garret Hedlund spielt nicht Dean Moriarty, sondern den wirklichen Neal Cassidy: sehr viel humaner, zweiflerischer und verstockter als die Buchfigur, mehr eine tragische Gestalt als ein manchmal zweifelnder Übermensch. Diese naturalisierende bzw. biografische Tendenz ist manches Mal beachtenswert: Zum Beispiel ist der Film im Vergleich zur Buchvorlage um einiges expliziter, was Sexualität angeht. Das dort eher angedeutete Liebesverhältnis zwischen Moriarty/Cassidy und Carlo Marx alias Alan Ginsberg (Tom Sturridge) wird im Film ausbuchstabiert. Ginsberg schrieb ja in seinem Mammutgedicht Howl wenig missverständlich über Neal Cassidy: „N.C., secret hero of these poems, cocksman and Adonis of Denver-joy.“

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Aber Walter Salles’ Adaption dümpelt aufgrund dieses gesteigerten psychologischen Authentizitätsanspruchs über weite Strecken dahin, mit angezogener Handbremse wird die Richtungslosigkeit des Vagabundierens zum Problem. Kerouacs Prosa prügelt immer einfach weiter, fasziniert mit stets neuen sprachlichen Volten und jubelnder Situationsbeschreibung. Moriarty feuerte mit seinem unablässigen „Yes, yes, yes“ zu allem und jedem die Bewegung voran, immer im Versuch, sich aufzulösen in der Situation. Hedlund hingegen scheint wie unsichtbar getrennt von jedem Geschehnis. Und so schiebt sich eine unsichtbare Mauer auch zwischen die Menschen und die Landschaften, die zwar schön anzuschauen sind, aber in ihrer Postkartensterilität nie mit den Augen, die sie betrachten, verwachsen.

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Das perfekte Produktionsdesign wird dem Film zum Fluch, da hier eine Ära konserviert und idealisiert zu werden scheint. Zweimal zitiert On the Road eine berühmte Passage des Buches: „the only people that interest me are the mad ones, mad to live, mad to talk, the ones [...] that burn, burn, burn like roman candles in the night.“ Aber für das Leben zu brennen heißt auch, zu verbrennen. Vielleicht denkt man dabei an den Ausspruch Tyrells in Ridley Scotts Blade Runner (1982): „The candle that burns twice as bright burns half as long.“ In den Lebenstrieb ist bei Kerouac auch ein Todestrieb verwoben. Sals Verfolgung der Inspiration, Deans ewige Suche nach seinem verschollenen Vater: Beides ist auch ein Wegrennen, ein Flüchten vor all den zerstörten Beziehungen, den verlorenen Gelegenheiten der Vergangenheit, vor all den Brücken, die sie hinter sich einstürzen ließen. Doch in seiner Weigerung, wirklich hässlich zu sein, ist der Film weder lebendig noch tot, da er diese Dynamik zu keinem Zeitpunkt entstehen lässt.

Trailer zu „On the Road“


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Kommentare


Anton

On the Road ist ein grossartiger Flim über die Ekstase. Es geht um Sex, um Drogen, ums Rauchen, ums Saufen. Es geht um die unstillbare und manchmnal auch zerstörerische Sehnsucht nach Leben. Der Film ist erfrischend politisch unkorrekt. Typisch, dass Europa (England, Frankreich) den Film produziert hat. Der über zwei Stunden lange Film ist nie langweilig und führt drastisch vor Augen, welch beschissenes Leben wir uns aufzwingen, wenn wir es nicht mehr wagen, die Grenzen des Seins auszuloten. Der Absturz gehört zu diesem Leben genauso dazu wie der Höhenflug.






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