Unter dir die Stadt

„Frankfurt ist ganz schön runter...“ In seinem jüngsten Film versucht Christoph Hochhäusler ins Herz der Wohlstandsgesellschaft vorzudringen – und findet dort vor allem viel Sehnsucht und die Unfähigkeit, mit dieser umzugehen.

Unter Dir die Stadt

„Woran würdest Du mich erkennen?“ Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler) ist unsicher. Er ist schwach. Und er ist „Banker des Jahres“ - Raubtier, Stratege, Besessener. Seine sehnsüchtige Frage versickert dumpf in den dicken Sofapolstern des Wohnzimmers seiner Frankfurter Vorstadtvilla. Ehefrau Claudia (Corinna Kirchhoff) sieht ihn nur verständnislos an. Es ist bereits zu spät für die beiden.

Dem Schauplatz Frankfurt am Main nähert sich der Regisseur Christoph Hochhäusler wie einem fremden Planeten aus der Distanz. Die sphärischen Streichertiraden von Benedikt Schiefer begleiten eine schwerelose Kamera, die sich durch Gewitterwolkentürme ihren Weg in diese Stadt aus Glas und Beton bahnt, mitten in ihr Zentrum, den Finanzdistrikt. Die Kamera von Bernhard Keller wird im Verlauf des Films immer wieder mit der Widersprüchlichkeit jener Bankenarchitektur spielen, die Dominik Graf bereits in seinem Beitrag zum Essayfilm Deutschland 09 thematisierte. Glas und Beton können in ihrer Kombination sowohl für Transparenz als auch für Undurchlässigkeit stehen, für die Möglichkeit des Einblicks ebenso wie für den Eindruck der undurchdringbaren Verspiegelung.

Unter Dir die Stadt

Über diese ästhetische Ambivalenz der Frankfurter Fassaden tastet sich Hochhäusler allmählich an sein Thema heran. Hier, im Herzen der Finanzwelt, ist Hochhäusler auf der Suche nach dem Herzen der Banker. Hier, im nüchternen Niemandsland der gläsernen Aufzüge, der grauen Teppichkorridore und der verkabelten Großraumbüros, will er von der Liebe erzählen.

„Ich wollte eigentlich über Liebe reden, aber ich glaube es mir nicht.“ Das ist der zweite Satz, der die innere Schwäche von Cordes verrät, als er den schmalen, bläulich schimmernden Lippen dieses Raubtiers entweicht. Eine Schwäche, die sich aus dem einfachen Bedürfnis, etwas fühlen zu wollen, es vor allem zu dürfen, ergibt. Denn „ein Banker des Jahres darf keine Gefühle haben.“ Eigentlich. Aber auch dieses Mal bleibt Cordes’ leiser Hilferuf unerwidert. Seine Mätresse Svenja (Nicolette Krebitz) hat die Regeln ihres gemeinsamen Spiels von Anfang an klar definiert: „Das alles bedeutet nichts.“

Unter Dir die Stadt

Und doch findet alles statt: Der Betrug, die Affäre, der Hotelzimmersex. Kompliziert ist die Sache deswegen, weil Svenja mit Oliver Steve (Mark Waschke) verheiratet ist, den Cordes’ Bank erst vor kurzem eingestellt hat. Für seinen Job hat das junge Ehepaar Hamburg verlassen, sich für ein Leben mit Timeslots der Zweisamkeit und eine Wohnung in Frankfurt am Main entschieden, die nun von einer Innenarchitektin bespielt werden soll. Zwischen Sideboard, Joggingschuhen und einer Espressomaschine riecht es hier ganz danach, dass man bald für Nachwuchs sorgen wird.

Was passiert, wenn alles erreicht ist? Vielleicht ist das die zentrale Frage in Hochhäuslers Film. Und eine Fährte der Antwort auf jene Frage ist im Handeln von Cordes und Svenja enthalten: Wenn alles erreicht ist, dann beginnt das Auflösen, die Zerstörung, die dem Aufbau folgt. Zielsicher steuert Cordes auf seinen Rücktritt mit sofortiger Wirkung zu, während Svenja das Ende des jungen Eheglücks heraufbeschwört. Aber was wird dieses Mal bleiben von jenem Spiel, das von Anfang an „keine Bedeutung“ haben sollte?

Unter Dir die Stadt

„Es geht los.“, sagt Svenja erschrocken, als sie am Ende des Films von einem der vielen Hotelzimmer auf die Straße hinuntersieht, auf der eine schreiende Gruppe von Menschen auf der Flucht vorüber rennt. Die Apokalypse kann beginnen. Denn auch das Spiel zwischen Svenja und Cordes ist schließlich an einem Punkt angekommen, an dem alles erreicht ist. Eine ganze Nacht haben sie in dem Hotelzimmer verbracht. Jetzt gilt es fortzulaufen.

Den menschlichen Trieb der Selbstzerstörung meint Christoph Hochhäusler dort am besten sichtbar machen zu können, wo – zumindest scheinbar – am meisten zu verlieren ist. Nämlich dort, wo schon alles erreicht ist: In der Chefetage, über der Stadt. Mit diesem Setup freilich ist er nicht weit von dem der klassischen Tragödie entfernt. Mit dem wichtigen Unterschied jedoch, dass bei Hochhäusler nicht Hybris den Niedergang bedingt, sondern der Fall von den Figuren selbst heraufbeschworen und durchaus gewünscht wird. In  diesem Widerstreit zwischen klassischer Form und rebellischer Exzessnatur ist Unter Dir die Stadt im besten Sinne zeitgenössisch: Der Film spiegelt flachen Smalltalk, gesichtslose Architektur und bräsige Saturiertheit wieder. Und kann nur durch jene Entlarvung der Wohlstandsgesellschaft von der Sehnsucht nach Gefühl, Körperlichkeit und auch ein wenig Rausch erzählen. Hochhäusler will wie Cordes „eigentlich über die Liebe reden.“ Ihm jedoch können wir glauben.

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Kommentare


Claudio

"Mit diesem Setup freilich ist er nicht weit von dem der klassischen Tragödie entfernt. Mit dem wichtigen Unterschied jedoch, dass bei Hochhäusler nicht Hybris den Niedergang bedingt, sondern der Fall von den Figuren selbst heraufbeschworen und durchaus gewünscht wird."
Das Bild, das hier von die klassische Tragödie evoziert wird ist irreführend bzw. völlig verkehrt herum: gerade in der klassischen Tragödie gehen die Protagonisten (Beispiel: Antigone) eben auch "erhobenen Hauptes", also sozusagen freiwillig, in den Untergang!


Ronald Haselhorst

Ein überflüssiger, ein ärgerlicher Film. Nicht witzig, nicht schön, wirre handlung und Figuren, bei denen man nicht weiß, warum sie tun, was sie tun. Svenja ist krank, soviel ist klar. Sie klammert sich an ihren Mann, ist beziehungsmäßig nicht gleichberechtigt (Poisitiv formuliert). Sie spielt die Coole, lässt sich aber vom fetten, alten Sack auf dem Boden v.... wie ein Tier. Warum? Diese Frage wird gar nicht angesprochen.
Dann die Sequenzen, wo Roland den Junkies beim Fixen zuschaut. Was sollte das denn? Ist der pervers, wer waren die Junkies? Was hat all das mit der Rest-Handlung zu tun?
Überhaupt fehlt ein roter Faden. Da stört das sinnlose Ende weniger, weil es zu dem Rest gut passt.


Lula

@ Roland Haselhorst:
Huiuiui...! Probier doch mal mit einen anderen Film, ich glaube dieser ist nicht für die breite Masse gedacht. Ich fand dem Film umwerfend! die Bilder, die Handlung... die Kritik hier trift auch sehr gut auf dem Punkt.. Der Junkie war sein Sohn - was das Familiengefühl von seinen Eheleben zeigt. Und "alter Sack", "wie ein Tier"?? über den Wortwahl will ich nicht diskutieren. Der film ist toll, erinnert an der Art an "Die anderen".


Hans-Jürgen Maier

Kann mir jemand erklären:
Anfang Svenja verfolgt die andere Frau?
Zuschauen beim Fixen?
Säubern des Mobiliars von evtl. Fingerspuren durch Fahrer?
Warum diese Legende "Herkunft aus Mannheim" mit Vater als BASF-ARbeiter?
Was bedeutet das Kinderbild aus MA und warum versteckt hinter dem Türrahmen?
Würde mich über eine Antwort freuren
Vielen Dank im Voraus


Martin Zopick

Der Titel setzt den Fokus: das ist die Perspektive, aus der die Manager die Welt betrachten. Da oben im Wolkenkuckucksheim leben diese Alphatiere, nach den Gesetzen der Global Player, abgehoben und ohne jede Bodenhaftung. Jeder Blick auf diese Welt dieser ‘Exoten‘ ist eine stilistische Offenbarung. Ganz anders als Otto-Normalverbraucher so lebt. Wir sehen eine Welt aus Glas und Stahl, hart und kalt mit Ecken und Kanten.
Auf dieser Spielwiese siedelt Regisseur Hochhäusler seine Figuren an und versucht echte Gefühle einzupflanzen. Das muss schief gehen. Für echte Tragik sind die Charaktere mit zu viel Teflon auf der Seele behaftet. ‘Einer springt ins Wasser und wird nicht nass!‘
Inhaltlich versucht ein alter Bock (Robert Hunger-Bühler) ein junges Pflänzchen (Nicolette Krebitz) zu verführen. Egal warum. Und es dauert so lange, wie es dauert. Es geht hin und her. Mal will er, aber sie nicht, dann ist es umgekehrt. Gefühle sind so wenig vorhersehbar wie die Börse, Erfolge flüchtig wie ein Blumenstrauß. Es wird nichts erläutert oder hinterfragt, es wird nur dargestellt. Die Kamera zieht sich am Ende diskret zurück und lässt den Zuschauer in der Kälte stehen. Der kann seinen letzten abschweifenden Gedanken daran verschwenden, warum der Altmanager zurückgetreten war.






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