Unter dem Regenbogen

Das Duo Jaoui-Bacri strickt an seiner ironischen Sozialkritik weiter und findet im Märchengenre zu ungekannter Großmut und Milde.

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Unter dem Regenbogen: Schon wieder ein Film, bei dem es der deutsche Verleih nicht geschafft hat, eine halbwegs angemessene Übersetzung zum Originaltitel zu finden. Vielleicht sollte damit semantisch an Agnès Jaouis vorangegangenen Film Erzähl mir was vom Regen (Parlez-moi de la pluie, 2008) angeknüpft werden. Das wäre aber schade, weil Jaouis neuer Film um Längen besser ist. Au bout du conte bedeutet „Letzten Endes“, ist aber falsch geschrieben und heißt deswegen auch „Am Ende des Märchens“. Denn Unter dem Regenbogen ist ein filmisches Märchen, oder vielmehr die Mise en abyme eines Märchens, die alle möglichen „Fiktionen“ vorführt, an die ihre Figuren so glauben: den lieben Gott, das Schicksal, die Liebe, die Psychotherapie. Prinzipiell bleibt Jaouis Formel auch bei diesem Film die immer gleiche: ein vom intellektuellen Zeitgeist getränktes Porträt einer Gruppe von Menschen aus höchst unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus, deren Wege sich nur dafür zu kreuzen scheinen, damit sie sich endlich mal gehörig die Meinung sagen können – bevor sie selbst von ihrer eigenen Lebenslüge eingeholt werden.

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Mittendrin im Figurenreigen steht gewohntermaßen das Paar Jean-Pierre Bacri und Agnès Jaoui, die wieder einmal zusammen das Drehbuch geschrieben und sich ihre Rollen maßgeschneidert haben. Bacri, mürrischer denn je, aber genauso komisch wie immer, spielt Pierre, der an gar nichts glaubt und deswegen uneingestanden leidet wie ein Hund. Jaoui spielt Marianne, die an alles glaubt, was guttut, und deswegen trotz ihrer uneingestanden gescheiterten Schauspielkarriere irgendwie mit dem Leben zufrieden ist. Als eine Art gute Fee lenkt Marianne die Liebeswege ihrer jungen Nichte Laura (Agathe Bonitzer), die an den Märchenprinzen glaubt und sich vom bösen Wolf verführen lässt. In ihrer Rolle im Film spiegelt Jaoui auch ihre Funktion als Regisseurin, als Schöpferin der fiktionalen Welt, die über die Geschicke ihrer Figuren waltet. Dass die etwas tollpatschige Marianne selbst kein Auto fahren kann, in einer Grundschule ein Kindertheater inszeniert und recht blauäugig die sie umgebenden Schicksale miteinander verknüpft, lässt sich durchaus als selbstironische Reflexion der Regisseurin über die eigene Arbeit verstehen.

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Mit ironischem Pathos zitiert der Film unzählige Märchen und Märchenmotive: Lauras Mutter (Béatrice Rosen) ist die böse Stiefmutter aus Schneewittchen, die der Schönheitschirurgie verfallen ist. Aus einem bestimmten Blickwinkel gefilmt, wandelt sich ihr Gesicht zu einer hässlichen Fratze. Benjamin Biolay, im wirklichen Leben ein erfolgreicher französischer Sänger, spielt den genial kaltblütigen Maxime Wolf (!), der das unschuldige Rotkäppchen auf den falschen Pfad führt. Und Der Froschkönig und Aschenputtel werden im Film mit umgekehrten Vorzeichen erzählt, denn es ist der Prinz, der um Mitternacht den Schuh auf der Treppe verliert und der den Frosch, der eigentlich die verzauberte Märchenprinzessin ist, küsst. Diesem ganzen Märchenkitsch, den Jaoui mit viel Gespür für die visuelle Pointe inszeniert, verdankt der Film eine ästhetische Stilisierung, die die Figurenschicksale ironisch bricht. Als eine Art stetig präsenter Subtext untergräbt das Märchengenre den Glauben, der die Figuren leitet und der letztlich nur eine Verblendung ist.

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Wie von Jaoui-Bacri gewohnt, ist Unter dem Regenbogen feinsinniges Dialogkino, das seine Figuren mit Bissigkeit und Zartgefühl demontiert. Sie beobachten die Fehltritte der jüngeren Generation, die neben ihrem Glauben auch ihre Unschuld verliert: Die unglücklich Verliebte bekommt einen Korb und will reumütig zu ihrem Verlobten zurückkehren. Der talentierte Musiker opfert für die eigene Karriere eine Freundschaft. Und die Angehörigen ihrer eigenen Generation lassen Jaoui-Bacri neben ihrem Glauben hin und wieder auch die Fassung verlieren und in Tränen ausbrechen. Jedoch erteilen die beiden ihren Figuren keine Lehre mehr, so wie es in den früheren Filmen durchaus geschehen ist. Mit einer gewissen Altersmilde sprechen der Mittsechziger Bacri und die Fastfünfzigerin Jaoui inkonsequente Eltern, untreue Ehepartner und gescheiterte Lebensentwürfe frei. Denn vielleicht, das könnte die Einsicht „am Ende des Märchens“ sein, lebt es sich mit weniger Illusionen einfach besser. Die einzige Gewissheit im Leben ist der Tod, und auch der lässt sich nicht mit Gewissheit vorhersagen.

Trailer zu „Unter dem Regenbogen“


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