Unsere sonnigen Tage

Leben abseits der Narration. Eine sexuelle Erweckungsgeschichte aus Vietnam wird ausgerechnet dann interessant, wenn sie nichts erzählen will.

Unsere sonnigen Tage 03

Wenn sich Unsere sonnigen Tage (Cha và con và) gerade nicht auf den bevölkerten Straßen, in den engen Gassen oder tristen Clubs einer vietnamesischen Stadt aufhält, findet der Film zu seiner inneren Ruhe. Dann spielt die Welt da draußen plötzlich nur noch eine untergeordnete Rolle und macht Platz für den Mikrokosmos einer gemütlichen Jungsrunde. Die Schauplätze, die der Film dafür wählt, sind ein Holzhaus am Fluss und ein Schiff, das einsam im Wasser treibt. Männer dürfen hier wieder Kinder sein – was natürlich nur möglich ist, weil es eine Frau (die Haushälterin) gibt, die sie umsorgt. Wenn sich ein Film ins Private zurückzieht, das universelle Persönliche in den Mittelpunkt stellt und dafür das spezifische Soziale oder Politische vernachlässigt, ist das häufig kein gutes Zeichen. Hier verhält es sich jedoch umgekehrt. Je weniger Regisseur Dang Di Phan erzählen will, desto interessanter wird sein Film.

Unbedeutend, aber schön

Unsere sonnigen Tage 02

Unsere sonnigen Tage wird von einer Coming-of-Age/Coming-Out-Geschichte zusammengehalten, die mit leichten Abwandlungen schon oft erzählt wurde. Der Fotografiestudent Vu (Le Cong Hoang) hängt am liebsten mit seinen eher kernigen Kumpels ab. Wenn er mit ihnen zusammen ist, zeigt sich seine Außenseiterrolle oft daran, dass er etwas von der Gruppe entfernt steht. Der stille Junge ist fest in die Gruppe integriert, wirkt dabei aber auch immer ein bisschen abwesend. Während die anderen schon arbeiten, hat er das „richtige“ Leben noch vor sich. Das Gefälle zwischen Wunsch und Wirklichkeit kann er bei der schönen Van (Do Thi Hai Yen) beobachten. Sie dreht tagsüber in einem Ballettstudio ihre Pirouetten und wirft sich am Abend in einer Disco unter dem Gejohle der Menge in laszive Posen. Ertragen tut sie dieses Leben nur, weil sie sich unterm Tresen noch einige Züge Chrystal Meth reingezogen hat. Aber auch Vu hat schon seine Probleme. Die erste Liebe ist bei ihm auch die erste Berührung mit dem Schmerz, den sie mit sich bringen kann. Ein paar scheue Blicke verraten bald, dass er für seinen besten Freund Thang (Truong The Vinh) mehr als nur Freundschaft empfindet. Ausleben kann er diese Zuneigung jedoch nur mit reichlich Alkohol.

Womit wir wieder bei den Zusammenkünften der Jungen wären. Während Phan sich in der Stadt an einem ganzen Arsenal an gesellschaftlichen Problemen abarbeitet (Drogen, Prostitution, Armut, unterdrückte Homosexualität), löst er sich in diesen intimen Sequenzen von seiner teilweise schematischen Erzählweise. Das hat durchaus etwas Sympathisches, wie sich der Film in solchen Momenten völlig von dem Zwang befreit, etwas erzählen zu müssen und seinen Figuren lieber beim ereignislosen Chillen zusieht. Man sitzt viel rum, trinkt und labert Blödsinn. Das war es dann oft auch schon. Einmal wirft ein kleiner Junge ein Handy ins Wasser, woraufhin das wieder aus dem trüben Fluss gefischt und der Junge bestraft wird. Dabei kommt der Szene keine symbolische Bedeutung zu, und auch für die Handlung spielt diese kurze Episode keine Rolle. Es ist einfach ein kurzer unbedeutender, aber doch recht schöner Moment, der keine Daseinsberechtigung braucht. Im Grunde genommen kündigt sich diese Tendenz des Films schon in der ersten Einstellung an – einer langen Kamerafahrt über den verregneten Fluss. Laut prasselt der Regen auf der Tonspur, und jeder Tropfen wirkt wie ein kleines, wenn auch unspektakuläres Ereignis. Gesungen wird auch oft, wobei sich der Grant auf das Leben in überraschend zarten Liedern entlädt. Da können die Figuren einfach nur sein und müssen von der Handlung nicht auf ein Schicksal reduziert werden.

Leere Hülsen

Unsere sonnigen Tage 04

Weniger interessant ist Unsere sonnigen Tage dagegen, wenn er mit seiner Mischung aus Sozialkritik und künstlerischem Anspruch in den Modus jener internationalen Koproduktionen wechselt, die es immer wieder in den Wettbewerb der Berlinale schaffen. Besonders macht sich das daran bemerkbar, wie er gesellschaftliches Elend zu poetischen, aber auch leicht austauschbaren Bildern formt. Als Zuschauer sieht man Missstände, spürt dabei aber zu wenig, weil man sie in dieser Form schon zu oft gesehen hat. Besonders das traurige Gesicht von Van wird dabei zur leeren Hülse.

Einen besonderen Zugang findet Phan jedoch zur Sexualität seiner Figuren. Der Film spielt in den frühen 1990er Jahren, einer Zeit, in der die vietnamesische Regierung Männern mit Kindern eine nicht unbeträchtliche Summe Geld bot, wenn sie sich einer Vasektomie unterzogen. Ein Angebot, dass auch für Vu und seine Freunde durchaus seinen Reiz hat. Doch nicht nur der Staat reguliert das Sexleben. Auch Vus Vater – eine Mutter gibt es nicht – zeigt sich nicht nur von seiner verständnisvollen Seite, sondern versucht seinen Sohn zum (heterosexuellen) Mann zu machen. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, seine Geliebte (wieder die Haushälterin) mit dieser Initiation zu beauftragen. Um klarzustellen, dass sich Sexualität aber nicht in Ketten legen lässt, inszeniert Phan daraufhin in einer der besten Szenen des Films einen fiebrig feuchten Traum im Dschungel, bei dem sich die Figuren zu einem hypnotischen Pfeifen wild im Schlamm wälzen. Da findet Unsere sonnigen Tage plötzlich eine Zügellosigkeit, von der er durchaus noch mehr vertragen hätte.

Trailer zu „Unsere sonnigen Tage“


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