Unsere Erde

40 Kamerateams, 200 Drehorte und über 1000 Stunden Filmmaterial: Unsere Erde ist die aufwändigste je produzierte Naturdokumentation. Ihre Schöpfer Alistair Fothergill und Mark Linfield setzen dabei vor allem auf ästhetische Überwältigung.

Unsere Erde

Eine winzige Lichtung mitten im tropischen Dschungel. Von überallher hört man Zirpen und Rascheln, Geschnatter und Gezwitscher. Ein blauschwarzes Federvieh, von Sprecher Ulrich Tukur als „sechsfedriger Paradiesvogel“ identifiziert, hopst auf die Bildfläche und beginnt einen ulkig anzusehenden Balztanz. Synthesizer tröten dazu eine kinderliedartige Melodie. „Ein virtuoser Auftritt“, findet der Sprecher, „leider nur hat keiner zugesehen.“ Eine ziemlich abwegige Behauptung – haben doch seit Anfang dieses Jahres Abend für Abend Hunderte, bis heute weltweit über 10 Millionen Zuschauer diese Szene gesehen, die es auch vor allem zu diesem Zweck, also um ihres Schauwertes willen, auf die Leinwand geschafft hat. Leben und Eigenarten des Vogels sind dabei – ebenso wie bei den anderen vorgeführten Tieren – eher nachrangig. Wer etwas Substanzielles über sie erfahren will, ist mit einem Was ist was?-Buch besser aufgehoben.

Als visuelles Ereignis ist Unsere Erde ohne Frage spektakulär. Ein mit gigantischem Aufwand inszenierter Bilderreigen, der in jeder Einstellung auf Überwältigung setzt: Ob wir nun im extremen Zeitraffer Wolken beim Wandern und Pilzen beim Wachsen zusehen oder in extremer Zeitlupe einem weißen Hai beim Verspeisen einer Robbe, ob wir im Sturzflug über Wasserfälle sausen oder in finsterer Nacht mit Löwen auf Elefantenjagd gehen – der Film wirft uns mit allen technischen Raffinessen mitten ins Geschehen, betört unsere Sinne und unsere Gefühle, ein Werk, wie geschaffen für IMAX-Leinwände und, wenn man die nervtötend-bombastische Orchestermusik durch entspanntere Klänge ersetzen könnte, für den Genuss unter Drogeneinfluss. Dass er sich selbst vor allem als Werk der Aufklärung versteht, erscheint dagegen eher vermessen.

Unsere Erde

„Unsere“ Erde – der deutsche Titel ist ehrlicher als das neutrale Original Earth, weil er, auch wenn das Pronomen eher mahnend-moralisch gemeint ist, schon das Moment der Aneignung enthält, das für den Film wesentlich ist. Obwohl er fernab menschlicher Zivilisation spielt, ist Unsere Erde weniger ein Natur- als ein Landschaftsfilm; „Landschaft“ verstanden als Natur im Blick eines ästhetisch urteilenden Subjekts. Dass „Natur“ im auswählenden und ordnenden Blick der Kamera automatisch „Landschaft“ wird, vor diesem Problem steht zwar jede Naturdokumentation. Aber man kann damit verschieden umgehen. Man kann sich in sachlich-distanzierter Zurückhaltung üben, oder man kann in die Offensive gehen und das gezeigte Kreatürliche ohne Skrupel vermenschlichen, indem man zum Beispiel Tiere sprechen lässt. Dieser Ansatz, für den Luc Jacquets [filmid: 321]Die Reise der Pinguine (La Marche de l’empereur, 2005) viel Schelte bezogen hat, hat den Vorteil, wenigstens unverhohlen zu sein. Unsere Erde hingegen gibt den hemmungslos ästhetisierten und narrativierten Tieraufnahmen den Nimbus einer sachlichen Dokumentation.

Auf einer den Gang der Jahreszeiten folgenden Reise vom Nordpol über den Äquator zum Südpol klappert der Film verschiedene Landschaften ab: majestätische, gewaltige, unwirtliche, paradiesische, schöne und erhabene – der Score weist auf das jeweilige Attribut stets mit Ausrufezeichen hin. Darin erzählt der Film klassische kleine Dramen. Zum einen sind dies Geschichten über Wander- und Migrationsbewegungen – zum Beispiel muss ein Schwarm Vögel den Himalaya überfliegen –, zum anderen Variationen der Geschichte des „ewigen Dramas vom Jäger und Gejagten“ (O-Ton Sprecher): Ein Wolf (Gepard, Löwe) pirscht auf eine Gruppe Karibus (Gazellen, Elefanten) zu, die vor allem die Jungtiere zu schützen sucht, auf die es der Jäger abgesehen hat. Die Sympathien werden dabei qua Inszenierung gerecht verteilt: Mitleid für die Opfer, Bewunderung für die „Täter“. So wird im Zuschauer ein irgendwie erhabenes Gleichgewicht-der-Natur-Feeling erzeugt. Vor allem der tödliche Angriff des Geparden auf die Gazelle wird als ein berückend schönes (und familiengerecht unblutiges) Kunstwerk inszeniert. Dass Originalsprecher Patrick Stewart ausgerechnet hier etwas vom ewigen Kreislauf des Lebens erzählt, für das wir moderne Menschen leider das Gespür verloren hätten, ist allerdings eher befremdlich.

Unsere Erde

Um uns für die Bedrohung unseres Ökosystems zu sensibilisieren, muss vor allem die Eisbärenfamilie herhalten, deren Geschichte die Klammer des Films bildet. Auf den schmelzenden Eisschollen wird es immer schwieriger, Nahrung zu finden; zuletzt kippt das Verhältnis zwischen Jäger und Gejagtem um – der Angriff des völlig entkräfteten Eisbärmännchens auf die Walrossherde scheitert kläglich. Ohne Zweifel ist das eine Schlussszene von großer Traurigkeit. Dennoch wirkt der mahnende Umweltschutzappell des Sprechers wie nachträglich angehängt. Mag sein, dass dieser Ansatz in der zugrundeliegenden BBC-Fernsehserie, aus der der Film eine Art Best-of-Auswahl liefert, besser vermittelt wird. In der Kinofassung wirkt es – auch wenn man damit den Regisseuren vielleicht unrecht tut – ein wenig wie ein Versuch, Al-Gore-Bonuspunkte zu ergattern. Ob das unserer Erde so viel nützt wie dem Film, ist zu bezweifeln.

Trailer zu „Unsere Erde“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Peter

...allein schon wegen diesem "sechsfedrigen Paradiesvogel", welcher der absolute Knaller der gesamten DVD ist, sollte man sich das ganze ansehen... ...im Übrigen, ich habe zugesehen als es hieß Manege sauber Bühne frei für den großen bzw. virtuosen Auftritt dieses obercoolen Paradiesvogels.

*Thumbs up*


Carmen09

In einigen Punkten muss ich der mehr vernichtenden, als gerechten Kritik, leider Recht geben, z.B. das mehr die Landschaft, als der Lerneffekt im Mittelpunkt standen. Dennoch kommt es darauf an, wie der Zuschauer fühlt und denkt und sobald dieser bereit ist den Appel an die Menschheit aufzunehmen, sollten weder die " Al-Gore-Bonuspunkte" noch das "nachträglich angehängte Appel des Sprechers" ein Problem sein. Meiner Meinung nach sollte dieser Film uns zeigen, wie schön unsere Erde jetzt ist und das Ende war kurz gefasst, um zu sagen, dass es nicht so bleiben wird, mehr war, denke ich, gar nicht nötig. Ich war bereit es aufzunehmen und so erzielte der Film bei mir genau die Wirkung, die er sollte! Gerade habe ich ihn gesehen,und schon bin ich hier gelandet und auch auf der Website, an die man sich laut Film wenden sollte. In diesem Fall ist nicht der Film wichtig, sondern die Aussage,die getroffen werden soll. Es ist egal,wie man das umsetzt. Seht euch den Aufwand an, der Betrieben wurde, um uns das zu zeigen,um uns "unsere Erde" zu zeigen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass all Das nur für irgendwelche Bonuspunkte geschehen sein soll! Ich muss gestehen, dass ich es unverschämt finde, einen solchen Versuch zu kritisieren, wenn man nicht selbst wenigstens einen, wenn nicht sogar einen besseren getätigt hat. Als aller erstes, sollte sich jeder mal an der eigenen Nase packen. Es war ein Versuch, ein Versuch mit guten Absichten und selbst wenn die guten Absichten gefehlt haben sollten und wohl doch alles sinnlos war... kommt es darauf an was er in uns auslöst, die Regisseure sind egal, was wir dabei empfinden und zu welchem Denken es uns bewegt,zählt. Und das liegt in unserer Hand und nicht in derer, und alle Menschen sollten in der Lage sein, das zu reflektieren und umzusetzen. Ich finde den Film sehenswert, ob es nun wegen der schönen Bilder ist oder wegen der Bereitschaft etwas aufzunehmen, ohne dass sämtliche Denkschritte von den Regisseuren übernommen werden. Endlich mal ein Film zum selbst Nachdenken!






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.