Unschuld

Berlin bei Nacht: In Andreas Morells Episodenfilm Unschuld stehen das menschliche Streben nach Zweisamkeit und Glück, sowie die Unmöglichkeit dieses zu erreichen, im Mittelpunkt. Un-schuldig ist in diesem Film niemand.

Unschuld

Immer wieder Berlin: Die Hauptstadt der Republik steht bei der Schauplatzwahl deutscher Produktionen unangefochten an der Spitze. Und doch drängt sie sich in Morells Film nicht auf, bleibt im Hintergrund und damit ebenso in letzter Konsequenz austauschbar. Ein klärender Establishing-Shot fehlt völlig, die Stadt in der Totale wird nicht gezeigt. Der Moloch der Großstadt scheint überall die gleichen Auswirkungen auf die in ihm lebenden Menschen zu haben, ist es doch die Donaumetropole Wien, in welcher das Theaterstück Reigen von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1903 spielt, auf dem der Film basiert.

Unschuld handelt von Menschen, die versuchen aus dem Trott ihres Daseins auszubrechen, um in ein besseres Leben zu flüchten. Die Protagonisten gleichen dabei einem Panoptikum an Charaktertypen: Der ehemalige Bundestagsabgeordnete (Kai Wiesinger), der Nähe bei einer Prostituierten (Young-Shin Kim) sucht, der Busfahrer der Berliner Verkehrsbetriebe (Ronald Kukulies), der einer geheimnisvollen Fremden hinterher jagt, das türkische Groupie (Aylin Tezel), welches nur eine Nacht mit ihrem Idol (Tobias Oertel) verbringen will, oder die Polizistin (Nadeshda Brennicke), die längst realisiert hat, dass ihre Ehe vor dem Aus steht.

Unschuld

Dabei verstärkt der Film mit seinen ihm eigenen Mitteln diese Lage der Einsamkeit und Isolation noch: Die Kamera bleibt ein distanzierter, wenngleich auch kein statischer Beobachter, der, durch die Räume hinweg, stets an der Tür, an der Schwelle zu den Lebensräumen der Protagonisten, verharren möchte. Es gibt kaum Schuss-Gegenschuss-Verfahren, welche Nähe, die im Dialog zu finden wäre, vermitteln; so als ob sich auch die Kamera nicht wirklich in diese Räume hinein traue. Das Objektiv und mit ihm der Zuschauer werden damit zu Beobachtern der allumfassenden Kälte. Es wirkt, als würde die Stadt dieses Spiel mitspielen: Berlin präsentiert sich nur bei Nacht oder in den Morgenstunden eines kalten Wintertages, wenn alles mit einem frostigen Blau überzogen ist. Das bunte und herzliche Berlin, wie man es zuletzt in Dresens Sommer vorm Balkon (2005) gesehen hat, hat sich hier im wahrsten Sinne ins Dunkle zersetzt. Mehr Ähnlichkeit scheinen die Tagessequenzen mit denen einer anderen Schnitzlerverfilmung zu haben: Auch in Kubricks Eyes Wide Shut (1999) wird New York zu einer austauschbaren Metropole, deren richtiges Leben sich nachts abspielt. Doch sind die warmen Bilder der Traumsequenzen hier einem zwielichtigen Halbdunkel gewichen.

Kai Hafmeisters Drehbuch spielt dabei mit dem Genre: Obwohl die Themen des Films der Stoff klassischer Dramen sind, wirkt der Film alles andere als dialoglastig. Gesprochen wird kaum, geschwiegen dagegen umso mehr. Kommt es dennoch zu einem Gespräch, so wird der Eindruck erweckt, dass hier ein Austausch leerer Worthülsen vonstatten geht. Das Wesentliche bleibt unausgesprochen. Beim Verweilen der Kamera auf den statischen Gesichtern der Hauptdarsteller mag man erahnen, was sich hinter der Fassade befindet. Die Kommunikationslosigkeit der Gesellschaft, gepaart mit einer Unfähigkeit zu fühlen, rückt in den Fokus einer Kritik, wie sie bereits Michael Haneke in seiner Trilogie der emotionalen Vergletscherung (wie er seine Filme Der letzte Kontinent (1989), Benny´s Video (1992), 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls (1994) zusammenfasste) formulierte. Für Haneke kann diese Form der Handlungsunfähigkeit nur in einem plötzlichen Ausbruch von Gewalt enden. Und obwohl dieser Weg auch in Morells Film vorgezeichnet ist, fragt man sich, ob es seinen Protagonisten gelingt, dem Dilemma zu entkommen.

Unschuld

Obwohl Unschuld, neben dem Haneke oft angelasteten moralischen Zeigefinger, auch dessen Komplexität und stilistische Souveränität abgeht, verbindet ihn mit den Filmen des Österreichers die veränderte Position des Zuschauers. Das mit einem unbeschwerten Gefühl gekrönte Konsumieren des Films funktioniert nicht, denn Gewalt, ob in real-physischer oder verbaler Form, findet hier keine Katharsis. Die Musik von Enis Rotthoff, die den Film über weite Strecken mittels einer leisen und unauffälligen Klavierbegleitung untermalt, führt dabei ebenso in die Irre. Baut sie sich doch zu einem leisen und dann immer lauter werdenden Stakkato auf, dessen Höhepunkt ausbleibt, nur um wieder von Vorn zu beginnen, wie Schnitzlers Reigen und der gleichnamige Tanz.

Trotz seines Versuchs, die Genreregeln des Dramas zu umgehen, befolgt Unschuld die des Episodenfilms nur allzu streng. Es gelingt ihm nicht, dem Genre einen neuen Aspekt hinzuzufügen, was den Film vorhersehbar macht. Unschuld versäumt es daher bei aller Ruhe, Subtilität zu entwickeln, die ihn über den Rand eines ambitionierten Kammerspiels hinweg blicken ließe.

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