The Unforgiven

Ambivalenzen im übervollen Naturidyll: Lee Sang-il verlegt Clint Eastwoods Klassiker in den Norden Japans.

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„Japanischer Geist und westliche Technik“ – dieser Leitsatz fällt in jene Zeit japanischer Geschichte, da im Ausgang des 19. Jahrhunderts die Herrschaft der Shogune endete, das kaiserliche System wiederhergestellt und der politische Kurs nach westlichem Vorbild orientiert wurde. Edward Zwick hat mit Last Samurai (2003) diese historische Periode bereits erzählerisch ausgeschlachtet; nun fällt auch die Handlung von Lee Sang-ils Unforgiven in eben jene Phase der Restauration. In gänzlich anderer Hinsicht ist die Devise dieser Zeit auch die Prämisse von The Unforgiven: Als Remake von Clint Eastwoods (fast) gleichnamigem Film von 1992 ist sich die japanische Version den Genreregeln des Westerns wohl bewusst, nur eben, dass diese neu belebt werden – und man kann durchaus sagen: von einem japanischen Geist. In einem kleinen Dorf im Norden Japans wird einer Prostituierten das Gesicht zerschnitten; die Täter kommen ungestraft davon, auf sie wird ein Kopfgeld angesetzt. Jubei (Ken Watanabe) – einst ein Samurai und Auftragsmörder, nun im Exil lebend – vergisst seinen Schwur, niemals wieder zu töten, und verlässt in einer kühlen, gefühlsarmen Szene seine beiden kleinen Kinder, um die Täter aufzuspüren. Tatsächlich orientiert sich das Handlungsgeschehen sehr eng an Eastwoods Original, auch das Genrebewusstsein hat gewissermaßen nachahmenden Charakter. Dennoch: Vieles – und vor allem vieles, was The Unforgiven interessant macht – gelingt dem Film aus sich selbst heraus.

Kreisen um ein leeres Zentrum

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Jubei ist ein Zukunftsloser angesichts der frühen Meiji-Ära, in der die Samurai in die Verbannung getrieben wurden. Dass man in der Gegenwart nichts mehr zu suchen hat, dass selbst die Vergangenheit nichts mehr bereithält, woraus man sich selbst erklären könnte, ist, oft genug als nihilistische Ödnis ausinszeniert, der Ort, aus dem der Antiheld entwächst. Lee arbeitet streng an diesem Prinzip: Ein Blutrausch im Schnee, ein paar Schüsse und ein angstvolles Gesicht sind die einzigen Bilder, die noch in eine Vergangenheit zurückweisen, sie werden sich im Verlauf des Films noch einmal wiederholen, eher aber als eine Dämonie, als ein Spuk im Unbewussten, denn als Erinnerung. Jubeis Frau, die ihn einst aus der Maschinerie des Tötens rettete, ihm eine andere, neue Welt zeigte, ist mittlerweile gestorben; ihrem Andenken gilt fortan all sein Tun. Nicht ein einziges Mal aber kommt sie zum Vorschein, kein Erinnerungsbild verlebendigt die glückliche Vergangenheit der Liebenden. Das Drama ist ein immer schon geschehenes, Anschlüsse gibt es keine, nicht einmal an die Erinnerung. The Unforgiven kreist beharrlich um ein leeres Zentrum, um seine Hauptfigur, die nicht nur über weite Strecken gar keine Rolle spielt, sondern die grundsätzlich unausgefüllt bleibt; seine Motive, Kodizes und inneren Konflikte verharren in der Schwebe, bleiben ambivalent und noch die letzte Einstellung versucht vergeblich diese aufzulösen, versucht ins Licht zu rücken, was selbst dann noch buchstäblich sich der Schärfe entzieht. Dass Ken Watanabe gerade nicht den Eastwood’schen Nimbus in die Rolle trägt, kommt dieser zugute.

Menschen im Bild

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The Unforgiven verhält sich in gewisser Hinsicht widersprüchlich zu sich selbst. Das Ambivalente, das an den Figuren haftet, an ihren Beziehungen zueinander, an ihren Funktionen im narrativen Getriebe (da gibt es beispielsweise einen verschreckten Chronisten, von dem man nie sicher sagen kann, ob und wann er eine parodistische Funktion seiner selbst einführt), an ihren Ausdrücken und Gesten, widerspricht geradezu der opulenten Bildlichkeit, den romantisch verklärten Naturaufnahmen, die den Menschen beinahe verschwinden lassen, dem attraktionssicheren Gegensatz von Feuer im Schnee, und dem epischen Soundtrack, der sich absehbar immer weiter in die Höhen schraubt. Hier geht es um Unscharfes, Verschwommenes, Zwiespältiges; dort geht es um ein exzessives Zeigen, um Monumentales, Fassliches, um Sichtbarkeit und auch um deren Genuss. Hier gibt es immer etwas, das sich entzieht; dort entlädt und präsentiert sich wieder die pure Naturschönheit, die in sich selbst gefällt. In einer ikonischen Einstellung, in der Jubei durch den Schnee stapft – der Wind peitscht ihm ins Gesicht, lässt den Schnee vor ihm fliehen – gerinnt diese Gegensätzlichkeit zum Bild von zwei Bewegungen; eine des Naturschauspiels und eine menschliche, diesem opponierende, kämpferische, sich widersetzende.

Geschichte und Verlust

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Aus diesen Spannungen zieht The Unforgiven seine gelungensten Momente. So sehr auch das Genrekorsett den Film von allen Seiten einklammert – und Lee legt besonderen Wert darauf, sich in diese Tradition zu stellen, sich dieser zu fügen –, so sehr ergeben sich auch die Möglichkeitsräume, in denen etwas entweicht, in denen etwas Eigenes entsteht. Die Verluste, die sämtliche Figuren erleiden – oder besser: einst erlitten haben – bleiben vage und unbestimmt genug, um nicht in melodramatischen Kitsch und historistische Pseudotransparenz umzukippen. Die Perspektiven, die die japanische Geschichte – zentral ist auch der brutale Umgang der neuen Regierung mit den Ainu, den nordjapanischen Ureinwohnern – auf den Film wirft, erzeugen eher einen diffusen melancholischen Grundton denn einen tragisch-pathetischen Sentimentalismus. Von dieser Tönung lebt The Unforgiven, sie durchzieht den Film bis zum finalen Exzess und lässt ihn aus sich selbst heraus bedeuten. Das ist wahrscheinlich auch die Voraussetzung für ein gelungenes Remake.

Trailer zu „The Unforgiven“


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