Under Electric Clouds

Hard to Be a Son: Aleksej German Jr. versucht, mit einem groß angelegten Gesellschaftsporträt des heutigen Russlands das „Jr.“ abzulegen.

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Hard to Be a God – so hieß der letzte Film, den Alexei German vor seinem Tod im Jahre 2013 drehte. Ein wuchtiges Schwarz-Weiß-Epos inmitten von Dreck, Schlamm, Kot, Urin, Rotz und Schleim. Ein Film, dessen Handlungsort auf einem fernen Planeten in der Zukunft liegt und der dennoch wirkt wie aus dem irdischen Mittelalter entsprungen. Aleksej German hat in seinem Leben nur sechs Filme gedreht – und doch hat er die russische Filmgeschichte nachhaltig mitgeprägt. Sein Sohn Alexei German Jr. ist ebenfalls Filmemacher. Mit dem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag Under Electric Clouds (Pod electricheskimi oblakami) versucht er nun, endgültig aus dem Schatten seines Vaters zu treten. Ein Grand Statement soll der Film sein – eine profunde Reflexion über sein Heimatland, ein Vierteljahrhundert nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums.

Die Nation als Gebäude

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Schon dass diese filmische Zeitdiagnose in sieben Episoden verläuft, lässt vermuten, dass German Jr. nicht so recht weiß, was er eigentlich sagen will. Wie bei so manchem Episodenfilm entsteht auch hier der Eindruck, der Stoff habe für eine kohärente Erzählung nicht ausgereicht. Stattdessen also sieben Skizzen. Als gemeinsamer Nenner fungiert ein unvollendetes Gebäude, ein architektonisches Skelett, dessen genaue Form nie so recht zu erkennen ist in den endlosen Nebelschwaden. Ein bisschen sieht es aus, als hätte German das Walskelett aus Andrey Zvyagintsevs Leviathan (2014) senkrecht aufgestellt – doch wie sich in den 138 Minuten Laufzeit zeigt, hat Under Electric Clouds so gut wie nichts gemeinsam mit Zvyagintsevs wütender Anklage der staatlichen Willkür in Russland.

Dass das Gebäude für die russische Nation steht, ist klar. Der Architekt – zugleich der Vater zweier Protagonisten – ist gerade verstorben. Die Figuren des Films sind sich uneinig darüber, was mit seinem Werk geschehen soll. Die Erben wissen nichts damit anzufangen, einige Landsleute wollen es am liebsten gleich abreißen, ein paar Ausländer ziehen in Erwägung, es zu kaufen. So schildert German die Situation Russlands, das seit dem Ende des Kalten Krieges von seinen Hausherren teils saniert, teils von innen zerstört und teils dem Verfall überlassen wurde.

Lambada statt Gorbatschow

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So weit mag die Analogie noch tragen. Doch Germans Rede zur Lage der Nation würfelt so viele historische Fragmente zusammen, dass die These reichlich unklar bleibt. Zerstückelte Skulpturen aus sozialistischen Zeiten stehen in einer Eiswüstenlandschaft herum und müssen von Stangen gestützt werden – die alte Ideologie und ihre Protagonisten, die Vorväter des heutigen Russlands, sind ausgemustert worden. Auf einer Lenin-Skulptur turnt jemand herum, eine Gorbatschow-Rede im Radio wird von „Lambada“ unterbrochen. Ersetzt wurden diese einstigen Grundpfeiler der Gesellschaft durch Kapitalismus, Gangster und rohe Gewalt – kurzum: durch finanzielle und physische Unsicherheit. Mehrfach sprechen die Menschen in Under Electric Clouds sogar von einem großen bevorstehenden Krieg. Das Ende des real existierenden Sozialismus hat sich nicht als Ende der Geschichte erwiesen, sondern als Ende aller Sicherheiten.

Es gibt kein Ziel, auf den der gesellschaftliche Umbruch zusteuert. Verloren irren die Figuren am Strand entlang. Auch in den Dialogen ist häufig die Rede von Desorientierung. „Es hat alles keinen Sinn“, sagt einmal ein Mann, der wegen eines Feuermals auf seiner Stirn an Gorbatschow erinnert. In Abwesenheit von Ideologie und Religion gibt es nichts mehr, an dem man sich festhalten könnte. Selbst die Liebe existiere nicht wirklich, versichert eine Protagonistin spät im Film. Auch die Sprache scheint ihre Funktion zu verlieren: In einer globalisierten Welt sind zwar alle allen nähergerückt, doch für gegenseitiges Verstehen sorgt das nicht. So jedenfalls ließe es sich deuten, dass German immer wieder nur „Fremdsprache“ in die Untertitel schreibt – was genau gesagt wird, bleibt unklar.

Diagnosen ohne Präzision

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Solche Interpretationen der jüngeren Geschichte sind freilich selten besonders originell. Bei German sind sie noch nicht mal präzise. Schlimmer noch: Zwei Elemente, welche die russische Gesellschaft maßgeblich prägen und daher in zahllosen unabhängigen russischen Filmen vorkommen, lässt German komplett aus: Korruption und staatliche Willkür tauchen nirgendwo auf, obwohl German ja ein Zeitbild Russlands zeichnen will. Ein Schelm, wer angesichts dieser Lücke an die staatlichen Fördergelder denkt, die im Vorspann Erwähnung finden.

Sicher, die visuelle Umsetzung des Films gelingt in großen Teilen. Gerade die nebligen Bilder vermüllter Eiswüsten sind grandios – auch wenn einige Szenen etwas derivativ wirken, da sie recht deutlich an Tarkowskijs Stalker (1979) erinnern. Narrativ jedoch gelingt es Under Electric Clouds nicht, seine Figuren tatsächlich zu etablieren. Vor allem aber verfällt German mit zunehmender Laufzeit immer stärker in ein relativ zusammenhangsloses, einschläferndes Mäandern. Das vermeintliche Grand Statement wird zum Genuschel.

Trailer zu „Under Electric Clouds“


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Kommentare


Peta

Wahnsinnig anstrengend ohne großen Zusammenhang. Nach einer Stunde möchte man eigentlich gehen. Nur merab ninidze ist eine brillante Erscheinung.






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