Und wenn wir alle zusammenziehen?

Wer wird schon ein gemeinsames Leben mit Pierre Richard, Géraldine Chaplin und Jane Fonda ablehnen?

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Wenn im April Und wenn wir alle zusammenziehen? hierzulande ins Kino kommt, werden sich die Lichtspielhäuser wieder einigermaßen erholt haben vom überwältigenden Erfolg, vom Run auf Ziemlich beste Freunde (Intouchables, 2011). Der in Deutschland erfolgreichste französische Film aller Zeiten hat unterdessen etliche kleinere und mittlere Filme von der Bildfläche verdrängt. Höchste Zeit also, dass auch anderen Filmen wieder Aufmerksamkeit geschenkt wird. Und wenn wir alle zusammenziehen? schlägt auf den ersten Blick allerdings in dieselbe Kerbe: eine leichte französische Komödie, die sich einem sozialen Phänomen widmet, Bedeutung behauptet, aber auf Wohlgefallen aus ist. Der Schein trügt. Denn obwohl Stéphane Robelin durchaus an Vergnüglichkeit gelegen ist und er bei fünf Hauptfiguren zum Komikzweck auch Stereotype abruft, ist die Tonalität eine vollkommen andere: keine Zoten, mehr Interesse für die Figuren als für den Plot, und selbst die Nebenstränge strotzen nicht vor Klischees.

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Und wenn wir alle zusammenziehen? lässt sich vielleicht tatsächlich am besten darüber beschreiben, was er nicht ist, und erst recht über das, was er nicht falsch macht. Denn die Nacherzählung klingt notgedrungen kitschig: Fünf alte, von Superstars gespielte Figuren ziehen im Angesicht von Krankheit und großer Zuneigung füreinander zusammen. Es eint sie die Hoffnung, gemeinsam der Demenz des Ersten, der körperlichen Beschwerden des Zweiten und der tödlichen Erkrankung der Dritten besser, vor allem aber würdevoller entgegentreten zu können. So meistern sie die kleinen alltäglichen Unfälle und Streitigkeiten, bis ein großes Geheimnis ans Tageslicht kommt, das die Freundschaft der Clique auf die Probe stellt.

Man kann es niemandem verdenken, wenn er auf Grundlage dieser Plotzusammenfassung den Film meiden will. Und wenn wir alle zusammenziehen? bietet aber keine Gefühlsduselei, obwohl er sich hoch emotionalen Themen widmet: ein eindeutiges Verdienst von Regisseur Stéphane Robelin, der mit einer treffsicheren Schauspielführung (bis hin zu Daniel Brühl), Takt und vor allem Zurückhaltung ans Werk geht. Sein Drehbuch geht das Sujet nicht frontal an, stattdessen pirscht es sich über Seitenpfade heran und lässt das Alter ganz konkret sich äußern – und den Wunsch zusammenzuziehen, progressiv und nachvollziehbar entstehen.

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Jean (Guy Bedos) wird bei einer Demo gegen die Abschiebung illegal Eingewanderter nicht verhaftet und fühlt sich altersdiskriminiert, Albert (Pierre Richard) stürzt mit seinem Hund, Claude (Claude Rich) wird auf dem Weg zum Hurenbesuch ins Krankenhaus eingeliefert. Mit Subtilität hält sich Und wenn wir alle zusammenziehen? tatsächlich erst gar nicht auf. Aber die Entwicklungen der Handlung ergeben sich aus den Figuren und ihren Bedürfnissen heraus und wirken bis zum Ende nicht aufgesetzt. Auch nicht, wenn Jeanne (Jane Fonda) die Diskussion über Sexualität forciert oder Annie (Géraldine Chaplin) eifersüchtig wird. Natürlich schadet es dabei nicht, dass der Film zum großen Teil wie ein unverhofftes Klassentreffen fünf alternder Stars wirkt, die sich gekonnt und mit sichtlichem Spaß die Bälle zuspielen. Störfaktor ist da lediglich Daniel Brühl in der Rolle des Dirk, eine Figur, die Robelin aber geschickt als Drehbuchkonstrukt und Stichwortgeber zu reduzieren weiß. Mehr als einen Anlass zu geben, über Altersfragen zu sprechen, muss Dirk in seiner Funktion als Ethnologie-Student, der das Leben im Alter für eine Diplomarbeit studieren will, gar nicht leisten.

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Es wird wohl das Geheimnis der Filmemacher bleiben, ob Daniel Brühl als Zwangswahl aus koproduktionstechnischen Gründen in den Film verpflanzt wurde oder vielleicht gar bewusst als im Wortsinn „supporting actor“ gewählt wurde, gegenüber dessen blasser Performance andere strahlen können. Für die These, dass Robelin mit dem Deutschen spieltechnisch doch eher wenig anzufangen wusste, lässt sich jedenfalls ins Feld führen, dass von ihm vor allem die Garderobe in Erinnerung bleibt: Karohemd und Kaki-Cargo, ganz recht, so stellt sich auch H&M die Jugendmode von heute vor. Dem Film schadet das allerdings schon deswegen nicht, weil es den fünf Hauptdarstellern umso mehr Bildfläche überlässt. Für den Diskurs übers Leben im Alter hätte es allerdings keines Außenstehenden bedurft.

Wenn man Und wenn wir alle zusammenziehen? ganz ernst nähme in seinem eigenen Anspruch, den Alltag im Angesicht des ausstehenden Todes zu reflektieren, dann müsste man ihm vielleicht ankreiden, einen Ausnahmezustand zum Lösungsmodell zu erheben. So wahr es sein mag, dass auch im Alter nichts wertvoller ist als gute Freunde, was die Figuren hier vorleben, das ist offensichtlich ein Sonder- und Glücksfall, der nicht zuletzt auch etwas mit finanziellem Wohlstand zu tun hat. Wenn ich mit Guy Bedos, Jane Fonda und Pierre Richard befreundet wäre, würde ich siebzigjährig ihre Einladung zum gemeinsamen Leben sicher auch nicht ausschlagen. Dennoch weiß der Film für seine Geschichte einzunehmen, und zwar mit einem ganz einfachen Kniff: indem er die Entscheidung fürs Zusammenleben als Herausforderung darstellt. Am Ende steht im Vordergrund die Bereitschaft der Protagonisten, ihr Glück mit anderen zu teilen, allen Widrigkeiten zum Trotz.

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Kommentare


Martin Zopick

Der Titel ist Inhalt. In den letzten Jahren hat ja das Thema Alten-WG Konjunktur. Die kann z.B. auch schon mal nach Indien ausgelagert werden. In diesem Film bietet ein grandioses Promiensemble amüsante Unterhaltung. Die sind so bekannt, dass sie gar keinen Filmnamen brauchen. Sie sind bockig, schrullig, verwirrt. Gastgeber ist das Ehepaar Bedos/Chaplin, die sich wegen der Enkel streiten. Claude ist der alte Womanizer, der Viagra bracht. Das Ehepaar Fonda/Richard ist das intellektuelle und emotionale Zentrum des Ganzen. Besonders Pierre Richard ist mit seiner Demenz eine leicht tragi-komische Gestalt. Er spielt das äußerst anrührend. Am Ende hat er sogar noch einen positiven Folgeschaden, als er vergisst, wo seine Frau abgeblieben ist. Die muss vorher noch Fehltritte, die 40 Jahre zurückliegen, zugeben und flirtet mit Daniel Brühl, der sich zum Altenpfleger mausert und nebenbei noch eine Doktorarbeit in Gerontologie verfasst. Sex ist darin kein Tabu: Claude geht zu den Nutten, Bedos verträgt sich so mit seiner Frau wieder und Daniel darf am Ende die neue Hausschönheit Shemss Audat mal kurz beglücken. So ist ganz schön viel los. Auch der Tod schaut mal vorbei. Es ergibt sich aber kein Drama. Die Alt-68er feiern ein fröhliches Begräbnis mit Champagner. Am Ende laufen alle laut nach Jane rufend durch den Park. Leicht idealisierend und verklärend. Aber so könnte Altwerden Spaß machen: in angenehmer häuslicher Umgebung (Haus mit großem Garten), noch relativ fit und unter guten Freunden. So ist man rundum versorgt und der Zuschauer bestens unterhalten.






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