… und sowas nennt sich Leben

Géza von Radványs Film von 1961 ist der krönende Abschluss eines Genres, das mit Die Halbstarken seinen Anfang nahm – und ein Versprechen auf einen deutschen Neorealismus, den es nie gab und nie geben konnte.

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„Ich habe sie sterben lassen – aber getötet habt ihr sie!“ Mit diesen Worten wendet sich Martin (Michael Hinz) am Schluss des Films an seine Umwelt: an die Jugend, an die Eltern, an den Zuschauer. Er trauert um seine große Liebe Irene (Karin Baal) – für ihn eine Göttin, für alle anderen ein Satan in Feengestalt. Die Gesellschaft hat bei ihr versagt, schlimmer noch – sie hat sie mit dazu gemacht. Es gibt keine Hoffnung mehr, die Party ist vorbei … und zu allem spielt die Jazzmusik!

Sündige Jugend

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Bundesrepublik, Frankfurt am Main. Im „Rabennest“ – einem verrauchten Jazzkeller mit Liveband – trifft sich die Jugend der Stadt bei Alkohol und Techtelmechtel, Vergnü­gungssucht und leichter Muse. Irene Dirks ist die ausgefuchste Königin der Clique, ein blonder Engel mit Fingernägeln scharf wie Messerschneiden. Sie manipuliert die Männer, macht sie sich gefügig. Ihr jüngstes Opfer ist Martin, Musikstudent und Sohn aus gutem Hause, gedankenverloren und von ihr verzaubert. Er liebt sie, sie benutzt ihn – er will es nicht sehen, sie lässt alle erblinden. Auch seinen Vater, dem reichen Bauunternehmer mit einem Faible für alles Weibliche unter dreißig, verdreht sie den Kopf. Als sie schließlich ein Kind erwartet und alles auf eine Karte setzen will, fasst sie einen für alle folgenschweren Entschluss.

Mit Meisterwerken wie Der Wilde (The Wild One, 1953), Die Saat der Gewalt (Blackboard Jungle, 1955) oder … denn sie wissen nicht was sie tun (Rebel Without a Cause, 1955) widmete sich Hollywood der amerikanischen Jugend. Das deutsche Kino betrachtete hingegen die seine, und der unter dem Arbeitstitel Sündige Jugend entstandene … und sowas nennt sich Leben bildete den krönenden Abschluss eines Genres, das mit Die Halbstarken (1956) Horst Buchholz zu einem deutschen James Dean gemacht hatte.

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Michael Hinz’ Martin ist kein James Dean, eher eine selbstzweifelnde BRD-Spielart jenes Typus, den es im Wirtschaftswunderland nicht geben konnte. Gefangen in einer materialistischen Gesellschaftsform, gezeichnet von unweit entfernten Schatten eines Weltkrieges, genährt am Busen des Kapitalismus. Karin Baal gibt die Schöne und das Biest in Personalunion, sie ist Femme fatale und Teufel mit Wespentaille. Beide Darsteller laufen in ihren Rollen zu großer Form auf, Wolfgang Luckschys moralbefreiter Bauunternehmer macht die Riege komplett. Jungdarsteller wie Claus Wilcke, Hannelore Elsner und Karl-Otto Alberty können sich auszeichnen, ihre Charaktere sind durchtrieben und streetwise. Sogar Heli Finkenzellers Mutterrolle fällt am Schluss ins Opportune und besteht auf dem Erhalt des nur mit Mühe aufrechterhaltenen Scheinfriedens. Neben Hinz bietet der Film nur durch Alfred Balthoff und den nachmaligen Weltstar Elke Sommer zwei Figuren auf, die überhaupt einer Form von berechtigtem Skrupel Raum geben – doch sie bleiben in der Minderheit, die Gesellschaft ist übermächtig.

Ein Hauch von Fahrstuhl zum Schafott

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Artur Brauners Produktion für Alfa-Film spielt zwar nominell in Frankfurt am Main, ist je­doch komplett in West-Berlin entstanden. Und wenn er auch in jeder anderen deutschen Stadt spielen könnte, so ist er doch merkbar ein Berlin-Film. Wenn die Akteure im 190er SL die Avus entlangsausen, wenn die Figuren über den leuchtreklameerhellten Tauentzien wandeln, wenn der öffentliche Fernsprecher am nächtlichen Wittenbergplatz steht, wenn man vom Funkturm über die City-West blickt – dann umweht einen ein Hauch von Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour L’échafaud, 1958); dann ist Berlin ganz Frontstadt, ganz Weltstadt, ganz Sündenbabel in Schwarzweiß … und zu allem spielt die Jazzmusik!

Vergleicht man … und sowas nennt sich Leben mit der kurz zuvor entstandenen Brauner-Produktion Marina (1960), so könnten die berührten Pole nicht weiter auseinander liegen. Brauner bediente innerhalb weniger Monate beide Klischees bis zum Anschlag: wo sich Marina für eine jazzmusizierende Jugend starkmacht, in ihr die missverstandene Zukunftsgeneration sieht und massenkompatibel gestaltet ist, da hat die gesamte Gesellschaft in … und sowas nennt sich Leben den moralischen Siedepunkt längst überschritten – die Moral ist gewichen, die Schlechtigkeit geht bis ins Mark. Géza von Radványi setzt Willy Clevers Skript mit zwingender Stringenz in Szene, zeigt keinen Fluchtweg auf, führt den Reigen bis zum konsequenten Ende. Kameramann Richard Angst – ein Meister seines Fachs und auch bei seinen späteren Arbeiten im Krimigenre wie Der schwarze Abt (1963) oder Der Henker von London (1963) für wundervolle Optiken verantwortlich – taucht die Handlung in kontrastreiche Bilder, liefert scharfe Ausleuchtungen und interessante Blickwinkel.

Ein kleines Meisterwerk deutschen Filmschaffens

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Das verbindende Element von Die Halbstarken über Marina bis hin zu … und sowas nennt sich Leben findet sich in Gestalt des Filmkomponisten. Martin Böttcher bringt in seinen federnden Cooljazz- und Big-Band-Nummern ein Lebensgefühl zum Ausdruck. Im Gegensatz zu Die Halbstarken lässt Böttcher eine szenische Dramatisierung durch symphonische Musikeinschübe bewusst aus und akzentuiert die Handlungen durchgängig mit moderatem Swing, der vorzugsweise durch die „Rabennest“-Band intoniert wird oder aus Singleplattenspielern schallt. Dass es nie einen Soundtrackrelease gab, ist umso bedauerlicher, denn der mehrmalige Jazzpoll-Gewinner Martin Böttcher spielt hier ganz groß auf. Vom hauptthematischen „Satansriff“-Foxtrott über das fetzige „Mr. Martin’s Mop“ bis zum „Sweet Cha Cha“; diese Jugend hat den Blues-Böttcher-Blues bis zum bitteren Ende.

Von Artur Brauner als Produkt der „harten Welle“ lanciert, bildet … und sowas nennt sich Leben ein kleines Meisterwerk deutschen Filmschaffens. Aus der Mitte der Traumfabrik ein Versprechen auf eine Art von deutschem Neorealismus, den es so doch nie gab und den es auch nie geben konnte. Ein Film, der keinen Ausweg bietet: nicht für sich, nicht für seine „Helden“ – und auch nicht für den Zuschauer. „Nach uns die Sintflut“, sagt die Jugend – „Ihr seid die Sintflut“, denkt sich der Zuschauer.

„Ich habe sie sterben lassen – aber getötet habt ihr sie!“ … und zu allem spielt die Jazzmusik!

Dieser Text erschien erstmals in der Online-Ausgabe der Splatting Image; Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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