Und erlöse uns nicht von dem Bösen

Zwei Klosterschülerinnen entdecken die Lust an der Grausamkeit.

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Gerade auf junge Menschen kann das Böse eine ungemeine Faszination ausüben. So kommt es durchaus vor, dass neben Musikern und Schauspielern, die sich schlecht benehmen, auch Kriminelle zu Objekten jugendlicher Begierde werden. Im 20. Jahrhundert gab es besonders zwei Mörderpaare, die regelrechte Teenie-Idole waren. Der Grund dafür war einfach, denn sowohl die Taten von Leopold und Loeb, als auch die von Pauline Parker und Juliet Hulme konnten trotz ihrer Grausamkeit als Rebellion gegen ein repressives Umfeld verstanden werden. In Heavenly Creatures (1994) erzählt Peter Jackson, wie Letztere selbst der Anziehungskraft des Bösen verfallen und von ihrem stark katholisch geprägten Leben in eine mittelalterliche Fantasiewelt flüchten. Als die Mädchen wegen des schlechten Einflusses, den sie aufeinander haben, getrennt werden sollen, sehen sie keinen anderen Ausweg, als Paulines Mutter zu töten.

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Heavenly Creatures war nicht der erste Film, der sich mit dem Fall Parker-Hulme beschäftigte. Bereits zwei Jahrzehnte früher widmete sich der Franzose Joël Séria in seinem Regiedebüt der destruktiven Mädchenfreundschaft, ohne sich jedoch allzu stark an der Realität zu orientieren. In Erlöse uns nicht von dem Bösen (Mais ne nous délivrez pas du mal) nimmt Séria lediglich das, was ihn interessiert, und sorgt für die entsprechende Verpackung: düster pittoreske Bilder (Marcel Combes) und reichlich nackte Haut. Nicht nur bei den Mädchen blitzen hin und wieder Höschen und Brustwarzen hervor, auch die Klosterschwestern können hinter verschlossenen Türen nicht die Finger voneinander lassen. Das sind zwar zweifellos Klischees des erotischen Kinos, hier sieht man sie aber in einem ungewohnt verstörenden Kontext.

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Schon seit einigen Jahren bringt das Kölner DVD-Label Bildstörung vergessene Filme mit verruchtem Charme zurück ins Licht der Öffentlichkeit. Dabei stehen auch immer wieder moralische Grenzüberschreitungen im Mittelpunkt. Gerade im Umgang mit Kindern gibt es derart viele Tabus, dass Provokation ein Leichtes wird. In dem spanischen Horrorfilm Ein Kind zu töten (¿Quién puede matar a un niño?, 1976), einem der ersten Veröffentlichungen des Labels, ging es etwa um eine von mordlüsternen Kindern bewohnte Insel. Um zu überleben, müssen zwei frisch gebackene Eltern erst einmal lernen, diese um die Ecke zu bringen. Ebenso alt wie die ungeschriebene Regel, dass man Kinder in Filmen nicht töten darf, ist auch die, dass man sie nicht sexualisieren darf. Und genau das macht Séria auf sehr offensive Weise.

Natürlich bewegt sich der Film auf der legalen Seite: Die beiden Hauptdarstellerinnen sind volljährig, und sexuelle Handlungen werden ohnehin nur angedeutet. Doch wegen des ausgesprochen jungen Aussehens der Mädchen – man könnte sie leicht auf dreizehn oder vierzehn Jahre schätzen – wirken die Szenen mit nackter Haut auch heute noch anstößig. Séria spielt ganz bewusst mit dem Feuer, nimmt den Bildern aber gleichzeitig wieder das Frivole. Die nackten Körper der Mädchen sind nicht nur Objekte, sonder auch selbstbestimmt eingesetzte Waffen, um die Männer aus der Umgebung zu demütigen und die Bigotterie der Kirche zu attackieren.

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Vieles, was Peter Jackson an dem Stoff interessierte, vernachlässigt Séria: etwa die Lieblosigkeit der Eltern oder das ungleiche Machtverhältnis zwischen den Mädchen. Und auch die Kirche scheint weniger eine ernst zu nehmende Bedrohung darzustellen als eine Inspirationsquelle, wie man gegen die Regeln der Gesellschaft verstößt: Die Hostie wird nach der Kommunion sofort wieder ausgespuckt und der Gottesdienst mit einem nächtlichen satanistischen Ritual verhöhnt. Die meiste Zeit isoliert der Film die Mädchen von ihrer Außenwelt, folgt ihnen durch das verlassene Schloss der Eltern oder kriecht mit ihnen unter die Bettdecke. Das Unbequeme an Sérias Sichtweise ist, dass er sich keiner psychologischen Erklärungsmuster bedient. Die Ursache der grenzenlosen Grausamkeit seiner Figuren bleibt ein Rätsel.

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Stattdessen zeigt er die Mädchen in ihrer ganzen Ambivalenz, einerseits voller Sympathie, weil sie sich gegen die spießige Erwachsenenwelt auflehnen, gleichzeitig aber auch fassungslos über ihre Kaltblütigkeit. Mit beunruhigender Ausführlichkeit widmet sich Séria den Grausamkeiten seiner Protagonistinnen: Wie sie Vögel vergiften, einen zurückgebliebenen Knecht erniedrigen und schließlich auch einen Mord begehen. Bei einem Film, der Sexualität untrennbar mit dem Bösen verknüpft, erstaunt es denn auch nicht, dass es sich bei dem Opfer nicht um die Mutter, sondern um einen geilen alten Mann handelt. Séria schreibt die Geschichte einfach um und lässt die Mädchen selbst am Schluss noch als Sieger über das Gute triumphieren. Anstatt von einer höheren Instanz gerichtet zu werden, schicken sie sich gleich selbst in die Hölle.

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