Uncertain Terms

Der indiskrete Kamerablick. Nathan Silver nimmt den Zuschauer ins Schlepptau und zieht ihn unnachgiebig an seine Figuren heran.

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Da sind Momente in Uncertain Terms, in denen man sich wünschte, man könnte etwas weiter weg sitzen. Ob auf der abgeschiedenen Farm, wo der größte Teil des Films spielt, ob in Szenen im Auto, manches Mal klebt die Kamera so stark an den Figuren, lässt jede Sommersprosse und jede bunte Haarsträhne zum Vorschein kommen, dass wir uns als Zuschauer fast unverschämt vorkommen. Gleich in der ersten Szene werden wir der Protagonistin Nina (India Menuez) förmlich aufgedrängt. Wären wir ein Bestandteil der filmischen Welt, müsste sie uns tunlichst wegscheuchen. Sie läuft einen kleinen Waldweg entlang, das tutende Mobiltelefon am Ohr. Die Kamera nimmt die Position eines unsichtbaren Verfolgers ein, hastet wackelig jedem ihrer Schritte nach, bis Nina schließlich Halt macht. Nur selten hält die Kamera Abstand von den Figuren, etwa wenn wir eine bestimmte Handlung genauer mitverfolgen sollen oder eine subjektive Perspektive einnehmen. Wir dringen in intime Bereiche ein.

Kurze, kraftvolle Explosionen

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Diese quasidokumentarische, ruhelose Kamera verstärkt aber nur das Intime der Geschichte. Ein Haus in den Wäldern, eine Handvoll junger Frauen, die ihre erste Schwangerschaft zu bewältigen haben, ein junger Mann, der dort handwerkliche Arbeiten verrichtet, den Abstand zu seiner Frau sucht und in den Mädchen allerlei Gefühle weckt: nur Privates, wohin der Film auch führt. Im kleinen Kreise der Leidensgenossinnen wird über familiäre und beziehungsmäßige Situationen geplaudert, es wird zusammen gefeiert, geschäkert, getanzt. Die Ästhetik leistet ihr Übriges, zieht die Personenanordnungen oft stark zusammen, und nicht selten entsteht sowohl formal als auch erzählerisch ein Zuviel an Nähe.

Denn temperamentvolles und unüberlegtes Handeln ist ein auffallendes Signum der Figuren. Hier wird nichts austariert oder vorbereitet, stattdessen tritt viel Impulsivität zutage. Einmal pfeffert Robbie mit ordentlichem Schwung sein Handy in den Wald hinein, nur um es wenige Sekunden später wieder herauszuholen. Ein anderes Mal stürzt sich die promiskuitive Jean (Tallie Medel) nachts auf sein Bett, um mit ihm zu schlafen, und von diesen Ausbrüchen gibt es noch einige mehr. Rationaler Ruhepol ist einzig und allein Heimmutter Carla (Cindy Silver), eine Figur, die trotz sympathischer Züge mit ihrer altklugen Art zunehmend auf die Nerven geht. Sie teilt dasselbe Schicksal wie die jungen Frauen, auch sie wurde einst ungewollt schwanger und kämpfte mit diesem Umstand. In jedem Falle ist sie die lehrende und denkende Instanz in dieser Konstellation, wie die ehrwürdige Mutter eines Klosters weist sie ihre Schafe zurecht, unterrichtet sie und lenkt sie auf die rechten Pfade.

Was recht schwerfällig klingen mag, ist mitunter auch komisch. Keineswegs kann zwar von einer leichtfüßigen Inszenierung die Rede sein, doch punktuell schnürt das Drehbuch ein klein wenig Auflockerndes in das Geschehen hinein. Besonders Claras Sohn Lenny, gespielt von Nathan Silver selbst, ist eine etwas clowneske Figur, die hin und wieder einen treffsicheren Spruch oder Blick von sich gibt, für die Erzählung aber nicht im Geringsten von Belang ist.

Defekte Kommunikation von Nahem und Fernem

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In dieser ganzen Unvermitteltheit missglückt Kommunikation oft oder wird verweigert. Dysfunktionale Verständigung ist etwas, das bereits Silvers Film Exit Elena (2012) auszeichnete, in dem zwar unentwegt geredet wird, aber auf fehlgeleitete Weise. Es gibt viele Streitereien, oft entsteht ein wirres Durcheinander an Worten. Auf die Hauptfigur Elena wird ständig eingeredet, doch sie versucht immer abzuwinken und abzulehnen, Unaufmerksamkeit macht sich breit. In Uncertain Terms wird ständig mit Mobiltelefonen hantiert, doch die Anrufe werden nicht angenommen, weggedrückt oder enden in lautstarken Auseinandersetzungen. Die Menschen, die entfernt sind, den Figuren eigentlich aber doch am nächsten, wie Ninas Freund Chase, der außerstande ist, sein Leben zu regeln, oder die Ehefrau von Robbie, sind in der medial geschalteten Verständigung meist ein Klotz am Bein.

Auch die persönlichen Treffen stecken hier voller Zündstoff. Dennoch kommen alle allmählich zur Raison, in der originären Kommunikation entstehen plötzlich Wege für erneute Annäherung. Chase und Nina, Robbie und seine Frau Mona, sie finden alle wieder zueinander, doch bleiben diese Wiederbegegnungen brüchig und unbestimmt. Erst hier beginnt der Film, richtig in uns zu arbeiten. Wenn Silver nach knapp 75 Minuten einen recht frühen Schlussstrich zieht, schwebt alles ein wenig in der Luft, nichts wird endgültig ausformuliert, vielmehr mutet es wie ein Zwischenergebnis an. Dass wir hier entlassen werden, ist nicht weiter schlimm, denn so gelingt es Uncertain Terms , uns das Gesehene weiterspinnen zu lassen. Alles ist, wie es für die Figuren einst war, doch höchst fragil, und es hat den Anschein, als wäre hier noch lange nichts zum Abschluss gebracht.

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