Ein ruhiges Leben

Bin ich ein Böser, weil ich mal böse war? Ein gut situierter italienischer Migrant wird in Deutschland von seiner Vergangenheit als Mafiosi eingeholt.

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Wenn im letzten Viertel des Films die Masken fallen und das Lügengerüst des Protagonisten endgültig einzustürzen droht, nimmt Claudio Cupellinis zweiter Langspielfilm Ein ruhiges Leben (Una vita tranquilla) Fahrt auf und präsentiert seine stärksten Sequenzen. Plötzlich funktionieren der exzessive Einsatz von Klangflächen, der ungleichmäßige Rhythmus der Montage und das nun (los)gelöste Mienenspiel der Hauptdarsteller. Die dramatische Zuspitzung im Modus des Ausagierens fesselt. Bis zu diesen letzten Minuten jedoch präsentiert sich der Film als eine seltsam befremdliche Mischung aus deutschem Familiendrama und eher holprigem Fernsehkrimi.

Dass die Strukturen italienischer Mafia-Organisationen bis in deutsche Gefilde reichen, ist hinlänglich bekannt und spätestens mit der blutigen Hinrichtung von sechs Menschen vor einem italienischen Restaurant in Duisburg 2007 in unsere Alltagsrealität eingebrochen. Die italienisch-deutsche Koproduktion, die größtenteils in Hessen gedreht wurde, richtet ihren Fokus jedoch weniger auf diese brutale Gewalt, und auch Apparate und Organisationen spielen eine eher untergeordnete Rolle. Zwar dient die Tatsache, dass deutsche Entsorgungsanlagen immer wieder einspringen, um die dauernde italienische Müllkrise in den Griff zu bekommen, gewissermaßen als Hintergrundfolie für den Plot, hauptsächlich nimmt Ein ruhiges Leben aber die Gefühle, Beziehungen und moralischen Zwickmühlen seiner Protagonisten in den Blick.

Ein ruhiges Leben 02

Rosario Russo (Toni Servillo) führt als Besitzer eines Gourmet-Restaurants mit Ehefrau Renate (Juliane Köhler) und Sohn Mathias ein beschauliches Leben in der deutschen Provinz. Als zwei junge Italiener bei ihm auftauchen, droht sein lange gehütetes dunkles Geheimnis ans Licht zu kommen: Rosario ist ein ehemaliger Mafia-Killer, ließ sich vor vielen Jahren für tot erklären, flüchtete unter neuem Namen allein nach Deutschland und ließ Frau und Sohn in Italien zurück. Dieser Sohn, Diego (Marco D’Amore), mittlerweile erwachsen und ebenfalls in Diensten der Mafia unterwegs, sucht nun für einige Tage bei seinem Vater Unterschlupf. Er ist zusammen mit seinem draufgängerischen Kollegen Edoardo (Francesco di Leva) für einen Auftragsmord an einem Direktor einer Müllverbrennungs-Anlage im Land. Hin- und hergerissen zwischen neu aufkeimender Vaterliebe und der nervösen Angst, seine wahre Identität und Vergangenheit könnte entdeckt werden, mischt sich Rosario in die Machenschaften der beiden jungen Männer ein und versucht, Herr der Lage zu bleiben.

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Toni Servillo, in Deutschland vor allem bekannt durch seine Rollen in der Polit-Satire Il Divo (2008) und der Verfilmung des dokumentarischen Romans Gomorrha von Roberto Saviano (2008), spielt den von zunehmender Existenzangst geplagten Rosario Russo unaufgeregt präzise: Nach und nach tritt durch den Einbruch von dessen bisher geheim gehaltener Vergangenheit auch die andere Seite seiner Persönlichkeit zutage. Ähnlich der Figur des Tom Stall in Cronenbergs A History of Violence (2005), war der liebevoll-unschuldige Familienvater eben auch  mal ein konsequent und mit Kalkül vorgehender Killer. Und ist es immer noch. Dass er dabei erneut seine Familie vernachlässigt und deren Leben aufs Spiel setzt, kehrt umso mehr den existenzialistischen Egoismus dieser tragischen Figur hervor. Das beginnt im Kleinen, wenn Russo es nicht einmal mehr für nötig hält, seiner Frau im gemeinsamen Schlafzimmer zu antworten, oder vergisst, seinen Sohn ins Schwimmbad zu fahren. Es endet im Großen, wenn er nach einem Unfall den schwer verletzten Diego zurücklässt und alleine die Flucht fortsetzt. Der Film hält sich hier mit moralischen Wertungen zurück, vielmehr enthüllt er beobachtend die Dilemma-Situation seines Protagonisten: Wie stehe ich zu den mir nächsten Angehörigen, wenn es um Leben und Tod geht?

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Außer im überzeugenden mimischen und gestischen Spiel von Servillo und dem bereits erwähnten Schlussteil gelingt es dem Film dabei jedoch nicht, diese Tragik weiter aufzufächern und wirken zu lassen. Über weite Strecken fehlt es dem Drehbuch dafür an dramatischer Zuspitzung. Ein ruhiges Leben changiert immer wieder zwischen den Genre-Oberflächen von Mafia-Film und deutschem Fernsehkrimi mit dramatischen Familienverstrickungen, schafft es dabei aber nicht, die ambivalenten Gefühlswelten und Handlungsschemata seiner Protagonisten angemessen ins Bild zu setzen. 

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Besonders dem jungen Gangster-Duo Diego und Edoardo fehlt es an Glaubwürdigkeit, sie wirken oft mehr wie eine seltsame Mischung aus American Pie-Teenies und dem Ermittlerteam von Alarm für Cobra 11 denn wie aufstrebende Jung-Mafiosi. Vielleicht ist aber auch genau das die eigentliche Tragödie. Zu einem großen Teil mag diese Schwäche allerdings auch der ärgerlich einfallslosen deutschen Synchronisation geschuldet sein, die einige Dialoge des eigentlich dreisprachigen Films teilweise reichlich unausgegoren und verzerrt wiedergibt. Wett machen das neben dem temporeichen Schluss auf bildkompositorischer Ebene vor allem die äußerst ruhigen Naheinstellungen auf so unkonventionelle Details wie das Innere eines Espresso-Kochers und die bedächtigen Schwenks des ungarischen Kameramanns Gergely Pohárnok.

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