Un jeune poète

Das weiße Blatt filmen: Damien Manivel porträtiert einen Jungen, der Großes dichten will, aber keine Inspiration findet.

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Wer Un jeune poète schaut, denkt an Eichendorff: Schläft ein Lied in allen Dingen / die da träumen fort und fort, / und die Welt hebt an zu singen, / triffst du nur das Zauberwort. Rémi (Rémi Taffanel) trifft es nicht; die Welt verweigert sich seiner Wünschelrute. Bemüht führt der Junge sie dorthin, wo er abwechselnd die Inspiration wähnt – bei den Fischern, den Zechenden, den Toten, einer Muse vielleicht –, doch nirgends mag die Rute über eine Wortader ausschlagen, und die Welt bleibt stumm. Damien Manivel zeigt eine Welt im Schlummern, die südfranzösische Stadt Sète, von der gleißenden Hitze leergefegt und erstarrt vor einer Kamera, die jeden Schwenk und jede Nahaufnahme verwehrt. Rémi taumelt durch diese Welt, in der sich nichts bewegt, getrieben von seinen Dichterambitionen. Große Verse möchte er hervorbringen, Verse wie Faustschläge, Verse für die Menschheit, sein schmächtiger Brustkorb bäumt sich... aber die Inspiration kommt nicht.

Ein Zeichen von der Welt

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Dass das nicht langweilig wird, einem anderen Menschen dabei zuzusehen, wie ihm nichts in den Sinn kommt, liegt vor allem an der sonderbaren Körperlichkeit von Rémi, an einer zur Körperhaltung gewordenen Inspirationslosigkeit. Rémi ist die Antwort auf die Frage, wie sich etwas in Bildern zeigen lässt, das sich im Inneren abspielt und sich gerade dadurch auszeichnet, dass es nichts hervorbringt, was man zeigen könnte. Fernab der ungestümen Dichterfigur, bei der sich der Drang zum Schreiben nahezu körperlich manifestiert, als könne der Körper das zu Schreibende gar nicht mehr halten, schlurft der drollige Rémi in Flipflops durch Sète, die Schultern schlaff, die langen Arme wie unnütze Auswüchse. Getreu Rilkes Rat an einen jungen Dichter, nach dem es für den Schaffenden keinen armen, gleichgültigen Ort gibt, wirft Rémi einen bedeutungsschweren Blick auf alles, was ihm in den Weg kommt. Er geht durch die Welt mit einem Ausdruck absoluter Empfängnisbereitschaft, in der Hoffnung, so scheint es, etwas möge ihn wie einen Blitz treffen. Aber was? Sucht er nach den Worten, um sein Innenleben nach außen zu stülpen, oder sucht er nach Gefühlen, um einer jugendlichen Gedankenlosigkeit zu entkommen, um ein Bedürfnis nach Bedeutung zu befriedigen? Der Gedanke liegt nahe, dass es in Un jeune poète trotz des Filmtitels keinen jungen Dichter gibt, und dass es hier auch nicht um die Dichtkunst geht, sondern um die gesteigerte Empfindsamkeit der jungen Jahre, die Sehnsucht danach, ein Zeichen von der Welt zu empfangen, etwas von der Welt in sich gelegt zu bekommen. Du musst schreiben, sagt sich Rémi selbst, und das klingt wie: Du musst etwas sein.

Die gescheiterte Kulmination

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Zu Beginn des Films fotografiert die hübsche Léonore (Léonore Fernandes) Rémis Hände. Sie verabschieden sich, die junge Frau ist im Begriff fortzugehen, da schiebt Rémi eine Frage nach, um sie aufzuhalten, den Abschied zu verzögern; und noch eine Frage. Die junge Frau lächelt, antwortet, wendet sich ab. Ein drittes Mal streckt Rémi die Hand nach ihr aus, der Mund öffnet sich, um eine andere Frage nachzuwerfen, doch dann verharrt er, zieht die Hand zurück, schließt den Mund, der Elan verlässt ihn, er sackt in sich zusammen und sie ist fort. Es ist eine Geste, die sinnbildlich ist für den gesamten Film, man könnte sie die Geste der gescheiterten Kulmination nennen, die Kulmination, die nicht hoch genug führte, die Kulmination, am Ende derer man die Inspiration oder die begehrte Frau mit der Hand berührte, aber nicht aufzuhalten vermochte; die Totgeburt der Idee. Un jeune poète ist durchzogen von diesem Gefühl, dass eben etwas Wichtiges, Schönes abgeflaut ist, bevor es wirklich entstehen konnte, und damit ist dies ein sehr trauriger Film. In einer seltsamen Übereinkunft verhält es sich mit ihm leider wie mit seinem Gegenstand: Er hebt nicht an zu singen, auch Damien Manivel trifft nicht das Zauberwort. Stattdessen dümpelt er vor sich hin, auf eine freilich nicht uninteressante Weise, aber – man wäre fast geneigt zu sagen: etwas inspirationslos. Auch Un jeune poète sucht sich.

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Und findet sich manchmal wieder in einer charmanten Komik, die konstitutiv ist für den Balanceakt, den Un jeune poète durchführt: Die Kamera liefert uns Rémi aus, immer ist sie auf ihn gerichtet, den Weltfremden, den Fremdkörper, sie giert nach seinen tapsigen Bewegungen, seinem angestrengten Gesichtsausdruck; zweifelsohne ist Rémi ein Sonderling, staubtrocken in der pathetischen Liebesbekundung, gedanklich immer woanders, als man ihn glaubt. Es ist nicht schwierig, über Rémi zu lachen, dagegen schützt ihn der Film nicht. Aber so wie der junge Dichter (zu dem ihn ja zuvorderst der Filmtitel selbst erklärt) in seiner seltsam anmutenden Aufrichtigkeit amüsiert, rührt er; der Film ist auf seiner Seite, auf der Seite der Sonderlinge, der nicht ausdrückbaren Regungen oder der Sehnsucht danach, welche zu haben. In einer formal überraschenden Schlussszene tritt – ja, wer denn eigentlich? – der Himmel, der Film, der Regisseur oder gar die Inspiration selbst mit Rémi in einen Dialog; der bekundet schließlich, ihm sei nicht danach, dem Leben gegenüberzutreten, er habe Angst. Genau darum geht es in diesem Film.

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