Un château en Italie

Wenn die Gefühle da sind, es einem aber keiner glaubt.

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Entdecken Kinder erst einmal die süße Macht der Lüge, sind sie kaum zu halten. Manche lernen auch schon früh die Kunst der Verschleierung, viele die der Manipulation. Einige verwechseln im Strudel der Behauptung gar sich selbst mit der geschaffenen Identität. Louise (Valeria Bruni Tedeschi) und Ludovic (Filippo Timi) und Nathan (Louis Garrel) sind als Erwachsene nach wie vor Emotions-Show-Talente. Die Schatten ihrer Eltern lichten sich nicht. Sind die Flügel zu groß, kommt der Vogel nicht vom Fleck. Die Protagonisten von Un château en Italie ziehen durchs Leben als verzogene Kinder, süchtig nach dem Kick einer Wirkung ihrer Schau. Nur zeitigt der Affektzirkus kaum noch ein Achselzucken, vor allem sich selbst langweilen sie.

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Valeria Bruni Tedeschi sucht die Tragik ihrer Figuren, findet aber nur Komik. Ödipus, geschwisterlicher Inzest, ein Vater inszeniert den Selbstmord seines Sohnes, eine Frau will unbedingt ein Kind kriegen, bevor es zu spät ist. Die Hälfte davon ist gespielt, manches ein Film im Film: Der Vater ist Regisseur, sein Sohn Schauspieler. Anderes ist schlichte Provokation: die Nähe der Geschwister als transgressiver Akt gegen gesellschaftliche Tabus, ohne Folgen, ohne Aufschrei. Ist wenigstens der Kindeswunsch mehr als die Selbstdarstellung einer Frau Anfang vierzig? Louise muss es ernst sein damit, denn sie reist eigens nach Italien, um auf einem gesegneten Stuhl von katholischen Nonnen zu sitzen, sei es nur für eine Minute, damit die In-Vitro-Befruchtung aussichtsreicher ist. Aber natürlich heißt das nichts, denn die Verhältnislosigkeit der Mittel ist zur Regel ihres Alltags geworden. Das titelgebende Schloss in Italien wollen sie und ihr Bruder Ludovic nicht verkaufen, obwohl sie nie hinfahren. Und ein Museum will zumindest er auf keinen Fall draus machen. Seiner Freundin bietet er im Scherz die Heirat an, da können Schwester und Mutter nur lachen. Reichtum teilt man nicht.

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Um das zu illustrieren, gibt es eine eigene Figur: Serge (Xavier Beauvois) taucht in Un château en Italie immer wieder auf, um reihum bei der reichen Familie zu betteln. Früher war er einmal ein Freund der Kinder, wurde jahrelang ausgehalten, heute ist er nur noch lästig. Zum Zwist gekommen war es ausgerechnet, weil er ein Geheimnis über den Sohn gelüftet hatte. Eines muss dem Großbürgertum mindestens bleiben, wenn das Geld auch langsam knapper wird: die Selbstvergewisserung in der öffentlichen Persona.

Ihre Arbeit als Schauspielerin hat Louise bereits vor Jahren aufgegeben, Nathan, den sie auf einem Waldweg kennenlernt, ist um einiges jünger und steht noch vor diesem Schritt. Ganz naiv fragt er sie, was er denn als Schulabbrecher stattdessen tun könne, als habe sich Louise um Materielles je Gedanken machen müssen. Das von Bruni Tedeschi zusammen mit Noémie Lvovsky und Agnès de Sacy verfasste Drehbuch schickt die beiden in eine Liebesgeschichte, die wie auch alles andere immer ein bisschen Konstrukt ist – anfangs folgt er einer Fantasie von ihr, später sieht sie in ihm etwas, was vermutlich nur in ihrem Kopf ist.

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Un château en Italie funktioniert als Komödie über den aussichtslosen Kampf nach Authentizität, bei dem sich die Figuren selbst zu sehr in ihren Rollen gefallen. Der Humor zehrt von dieser Diskrepanz, etwa der offensichtlichen Unfähigkeit von Louise, „Platz für das Leben im Leben“ zu schaffen, trotz kapitalistisch durchtränkter Ausflüge zu Geistlichen, bei denen sie sich Glück und Hoffnung zu erkaufen hofft. Je ernster sie ihre eigene Selbstsuche verfolgt, desto effektiver ist ihre Demontage. Und doch sucht Bruni Tedeschi, sowohl in ihrer Regiefunktion als auch als Darstellerin, die tragische Dimension ihrer Figuren auszuloten. Die elegant gestalteten Bilder von Jeanne Lapoirie suggerieren einen filmischen Raum, der in engem Verhältnis steht zur zeitgenössischen Arthousemoderne, bei der Kontraste Distanzen, nicht das Groteske vermitteln. Distanzen allerdings bedeuten immer auch einen Glauben an deren Überwindung. Aus dem Scheitern erwächst schließlich die Tragik. In Un château en Italie entsteht eine solche Enttäuschung freilich selten.

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Einmal morgens gelogen, glaubt einem den ganzen Tag lang keiner mehr die Wahrheit. Für Louise, Ludovic und Nathan gibt es keinen Unterschied zwischen dem Erklärten und dem Empfundenen, Rolle und Ego sind eins. Um sie herum, an den filmischen Rand gedrängt, gibt es aber noch Figuren, für die die private und die öffentliche Existenz getrennt bleiben, bei denen Authentizität nicht lediglich ein neuer Mantel der Show ist. Für die verzogenen Kinder ist die fehlende, unmögliche Kommunikation mit diesen Menschen aber nicht nur unausweichlich, sondern anscheinend bedeutet sie auch keinerlei Mangel. Das Glück, das Leben im Leben, das sie sich schenken wollen, suchen sie nur beieinander, bei den anderen manipulierenden Kindern. Einmal fragt die Mutter aus dem Blauen heraus ihre Tochter, wieso sie sich nie einer Psychoanalyse unterzogen habe. Man wird das Gefühl nicht los, dass der Film selbst eine Antwort darauf ist.

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