Ultranova

In seinem Debütfilm erzählt Regisseur Bouli Lanners die lakonische Geschichte eines Sonderlings und seines mindestens genauso sonderbaren Umfelds.

Ultranova

Ultranova beginnt mit Aufnahmen aus der belgischen Provinz. Inmitten dieser tristen und eintönigen Landschaft verdient sich der introvertierte Dimitri seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Immobilien. Sein Arbeitsalltag besteht hauptsächlich aus Warten und Autofahrten mit seinen beiden Kollegen, einem neurotischen Spießer und einem vom Leben enttäuschten Verlierer, der gerne über die erotische Ausstrahlung schwangerer Frauen philosophiert. Im Gegensatz zu seinen gesprächigeren Mitfahrern redet Dimitri nur, wenn er gefragt wird und versteckt ansonsten Gefühle und Gedanken hinter seinem ausdruckslos fragilen Gesichtausdruck.

Bouli Lanners kreiert in seinem Debütfilm eine fremde Welt, in der skurrile Figuren sich nach Liebe sehnen, zwischenmenschliche Beziehungen jedoch unmöglich scheinen. Neben den bereits erwähnten Charakteren, konzentriert sich Lanners auch auf die beiden jungen Frauen Jeanne und Cathy, die Dimitri täglich bei seinem Weg zur Arbeit beobachten und sich etwa Gedanken über den mysteriösen Tod seiner Eltern machen. Doch in Ultranova besteht ein erheblicher Unterschied zwischen dem, was die Personen voneinander denken und der faktischen Realität. Jeanne ist zwar heimlich in Dimitri verliebt, der zudem noch im selben Haus wie sie wohnt, aber gerade die weniger von ihm faszinierte Cathy lernt ihn durch eine zufällige Begegnung näher kennen. Diese Dreieckskonstellation würde eigentlich Potenzial für eine tragische Liebesgeschichte bieten, allerdings wird durch die traumwandlerische Stimmung des Films sowie die undramatische Darstellung der Ereignisse aus dem Stoff zunächst etwas weitaus ambivalenteres entwickelt. Dabei geht es weniger um die Darstellung einer Handlung, als um das Vermitteln von Bewusstseinszuständen.

Ultranova

Die Einsamkeit der Protagonisten betont Lanners etwa visuell durch verlassene Handlungsorte, sogar die Fabrik, in der Jeanne und Cathy arbeiten, scheint menschenleer zu sein. Die von Tristesse und Langeweile geprägte Welt der Figuren existiert ohnehin mehr aus deren subjektiver Wahrnehmung, die sämtliche Grenzen zwischen Fantasie und Realität verschwimmen lässt. Fast wie selbstverständlich verschmelzen Alltagserlebnisse mit Übernatürlichem und lassen Lanners isolierten Kosmos, wie von einem anderen Planeten erscheinen. Mithilfe eines verlangsamten Erzählstils entwickelt der Film eine hypnotische Stimmung, die von dem ausgezeichnet auf die Atmosphäre der Bilder abgestimmten Soundtrack von Jarby McCoy mit seiner minimalistischen Struktur und der scheinbar endlosen Wiederholung einfachster musikalischer Motive unterstützt wird. Zusätzlich ästhetisiert Lanners seine Filmsprache durch den Transfer von Videomaterial auf Zelluloid, was dem Film einen rohen und ungeschliffenen Charakter verleiht, und reduziert Farben auf ein Minimum. Visuelle Verfremdungen wie brauntönige Farbfilter verleihen Ultranova zudem eine eigenwillige stilistische Note, die optisch leider auch an pseudokünstlerisch gestaltete Werbespots wie den vor einigen Jahren zu den Tönen von Marla Glenn inszenierten C&A-Clip erinnern.

Mit seiner Kombination aus tristen Landschaften, wortkargen Figuren und der ruhigen Erzählweise, versehen mit einer dezent eingesetzten humorvollen Note, weist Ultranova auch Parallelen zu den Filmen von Aki Kaurismäki auf. Noch mehr als bei Kaurismäki laufen Lanners Figuren Gefahr sich nur über ihre ausgestellte Skurrilität zu definieren. Dies trifft jedoch lediglich auf kleinere Rollen zu, während Lanners seine Hauptfiguren durchaus differenziert zeichnet.

Ultranova

Die filmische Sprache von Ultranova kann mit ihrer stilisierten Ästhetik und irrealen Stimmung über die Hälfte des Films davon ablenken, dass es sich bei der erzählten Handlung eigentlich um eine ziemlich banale Geschichte über unerwiderte Liebe handelt. Besonders gegen Ende, wenn das zunächst noch im Unklaren gehaltene Innenleben der Figuren in seiner Eindimensionalität offengelegt wird, enttäuscht die Inkonsequenz dieser etwas zu einfachen Lösung. So schafft es der Film zwar größtenteils durch seine Form zu bestechen, kann seiner Geschichte inhaltlich aber keine neuen Facetten abgewinnen. Die eigentliche Stärke des Films, die in seiner einfachen Struktur begründet liegt, wird ihm somit zum Verhängnis, weil gerade die klare Erzählweise die Trivialität der Handlung umso deutlicher offen legt.

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