Über Wasser

Keine drastischen Bilder, keine schreienden Menschen – um auf die Folgen des Klimawandels in Bangladesch, Kasachstan und Nairobi aufmerksam zu machen, lässt Udo Maurer in Über Wasser die Menschen vor Ort zu Wort kommen.

Über Wasser

Nachdem Erderwärmung und Klimawandel das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit erreicht haben, sind reißerische Dokumentarfilme über Naturkatastrophen wie Al Gores Eine unbequeme Wahrheit (An Incovenient Truth, 2006) keine Ausnahme mehr. Die Aufmerksamkeit des Publikums soll mit alarmierenden Bildern von zusammenstürzenden Eisbergen und dürrem Wüstenboden gewonnen werden.

Udo Maurer geht in seinem Dokumentarfilm Über Wasser nüchterner als sein amerikanischer Kollege an das Thema heran. In drei Episoden zeigt er zunächst eine Überschwemmung und deren Folgen in Bangladesch, um dann das Gegenteil – Wassermangel – in Kasachstan und Nairobi zu thematisieren. Jeglicher Kommentar aus dem Off wird dabei vermieden, lediglich einige Zahlen über Größe, Einwohner und Bevölkerungsdichte des jeweiligen Landes werden am Anfang und Ende der Episoden eingeblendet. Dass Umweltschäden immer eine Veränderung der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen nach sich ziehen, wird durch Interviews mit Betroffenen deutlich. Durch sie erfährt man, was es bedeutet, zu viel oder gar kein Wasser zu haben. In Bangladesch ist es die Erosion der Erde, die ganze Dörfer dazu zwingt, ihr Wellblechhaus auf ein Boot zu laden und einige Kilometer weiter wieder aufzubauen. In Kasachstan bedeutet der Wasserrückgang hauptsächlich massive Arbeitslosigkeit für die Region. In Nairobi ist Wasser für die Slums eine Mangelware – und die gut verdienenden Wasserverkäufer haben die Logik des kapitalistischen Marktes voll und ganz verstanden: „Nicht jeder kann fließendes Wasser zu Hause haben, denn auch die Finger an meiner Hand sind nicht gleich lang.“ Wasser wird hier durch die politische Entscheidung, welche Orte an die Versorgung angeschlossen werden, zum Indikator für soziale Ungerechtigkeit.

Über Wasser

Die politische Aussage des Films ist oft eindrucksvoller als seine visuelle Gestaltung. Die häufig spontan entstandenen Drehs ließen womöglich keine Zeit für aufwändige Bildinszenierung. Lediglich die Episode in Kasachstan unterscheidet sich durch lange, ruhige Einstellungen und überlegte Bildkonstruktionen von denen in Bangladesch und Nairobi. Die Bilder vom weiten, salzigen Land – der zurückgebliebene Boden des Aralsees –, auf dem noch immer verlassene Schiffe stehen, sind in totalen Einstellungen gefilmt, in den Farben Grau und Blau gehalten und erinnern an Landschaften aus der Mongolei wie in Tuyas Hochzeit (Tu ya de hun shi, 2006). Die Melancholie, die aus diesen leeren Bildern entsteht, wird von den Protagonisten weiter getragen.

Der ehemalige Matrose, der auf einem der verrostenden Schiffe wie ein Schauspieler gestenreich und poetisch vom Aralsee, den Wellen und Möwen erzählt, wirkt mit seinem Hut und dem langen Bart wie eine Figur aus einer anderen Zeit. Alte Frauen mit weißen Kopftüchern laufen durch eine leere Fabrikhalle und erzählen von ihren Erinnerungen und ihrer Arbeit in der Fischverarbeitung. Fast droht der Kinderchor mit selbst gemalten Bildern vom Aralsee, Fischen und Booten den Film ins Kitschige zu kippen. Doch das Gefühl der Melancholie, das die Bewohner trotz ihres ewigen Lächelns umgibt, ist schon auf den Zuschauer übergegangen und hat sich festgesetzt.

Über Wasser

Am Interessantesten wird der Film, wenn er Ausschnitte aus Propagandafilmen einspielt, die die Bedeutung des Wassers für die Region aus staatlicher Sicht zeigen. Im indischen Werbefilm singt ein gutaussehender Mann in einem Reisfeld vom Säen, Ernten und den katastrophalen Folgen der Flut. In Bollywood-Manier unterstützt ihn eine Gruppe junger, tanzender Frauen, die trotz der katastrophalen Überschwemmungen zum landwirtschaftlichen Arbeiten aufruft. In der Kasachstan-Episode sprechen in einer Parallelmontage sozialistische Propagandafilme von den Hoffnungen auf Wohlstand und Arbeit, die mit dem Aralsee in der kommunistischen Sowjetunion verbunden waren. Hände sortieren die Massen an Fischen, Frauen lachen in die Kamera, eine stoische Stimme erklärt, dass das Produktionssoll der Brigade bereits erreicht ist. Zurück in der Gegenwart schildert ein ehemaliger Kinovorführer das Scheitern dieser Hoffnungen mit dem Rückgang der Wasserlinie um 100 Kilometer.

Der Klimawandel, den sich Menschen in anderen Ländern nur abstrakt vorstellen können, wird durch die zahlreichen Interviews mit den Bewohnern in Bangladesch, Kasachstan und Nairobi aus einer individuellen Perspektive anschaulich gemacht. Dass Udo Maurer es darüber hinaus schafft, die sozialen Folgen und politischen Hintergründe des ökologischen Wandels in den jeweiligen Ländern darzulegen, macht deutlich, wie das Medium Film zur Aufklärung von komplexen Zusammenhängen beitragen kann.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.