Der die Zeichen liest

Schreie und Bewegungen: In seiner Adaption eines Marius-von-Mayenburg-Stücks wirft der russische Regisseur Kirill Serebrennikov einen christlichen Fundamentalisten in eine russische Schule und schaut, was passiert.

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Zwei Stunden lang wird in diesem Film durchgeschrien. Mutter und Sohn schreien sich gleich in der ersten Szene an, es geht um einen Anruf der Schuldirektorin, und dann darum, dass Sohn nicht am Schwimmunterricht teilnehmen will. Mutter weiß noch nicht, dass Sohn dafür religiöse Gründe geltend macht. Gegen Ende gibt’s einen Schrei-Showdown, zwischen Venya (Petr Skvortsov) – dem Sohn aus der ersten Szene, mittlerweile berüchtigter christlicher Fundamentalist – und der Biologielehrerin Elena (Victoria Isakova). Da wird nochmal eine Ebene höher geschrien: Venya steht auf einem Tisch, um ein großes Kreuz im Klassenzimmer zu befestigen; Elena behilft sich dafür mit einem Mikrofon, um ihre Gegenrede zu überhöhen. Es geht um die Bibel, und um die Schule.

Voll in die Tasten

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Das ständige Geschrei, das sich noch fast jeder Dialogszene in diesem Film früher oder später bemächtigt, es weist einerseits auf die Quelle von Kirill Serebrennikovs Der die Zeichen liest (Uchenik) hin – das Theaterstück Märtyrer des deutschen Dramatikers Marius von Mayenburg. Vor allem aber konstituiert es sein „Thema“ als Raum der Intensitäten, in dem die Aussagen nicht einfach bestimmten Figuren ihre je eigenen Meinungen und politischen Haltungen zuschreiben, sondern ständige Bewegungen und Gegenbewegungen verursachen, die die Figuren erschüttern und verändern. Nicht nur die Tonspur wummert dabei vor nervöser Dringlichkeit, auch die Kamera kommt kaum mal zur Ruhe. Serbrennikov haut gehörig in die Tasten, und dass dabei auch mal ein schiefer Ton anklingt, das ist dann eben so. Dass da auf bedeutsame, schwere Akkorde ein leichter comic relief folgt, das ist dann eben so.

Protest im Affenkostüm

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Der vermeintlich schiefste Ton charakterisiert Der die Zeichen liest aber eigentlich am genauesten: Da tobt ein Typ im Affenkostüm durch ein Klassenzimmer, das die Schüler längst verlassen haben. Drinnen diskutiert Elena mit der Rektorin, wie man mit dieser Situation umgehen kann. Der Affe ist Venya, seine Performance ist ein Protest gegen die Lehre der Evolutionstheorie. Und die Aktion ist ziemlich erfolgreich: Erstens kommt sie gut bei den Mitschülern an, lässt Venya vom potenziellen Mobbing-Opfer zum Klassenclown werden, der die Lacher auf seiner Seite hat – und damit, das macht dieser Film immer wieder klar, auch das politische Momentum. Zweitens schlägt die Rektorin Elena beschwichtigend vor, dass diese gemeinsam mit dem örtlichen Priester nach Möglichkeiten suchen soll, kreationistische und evolutionsbiologische Ansätze im Unterricht zu vereinen.

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Nicht große disziplinarische Übergriffe der Religion in ein pluralistisches Schulsystem finden hier statt, sondern stets nur Verschiebungen auf diskursiver und affektiver Ebene. Damit entgeht der Film einer Politikvorstellung, die den Weg in Richtung Faschismus als Pervertierung des Guten im Menschen oder als Ausbruch des stets unterdrückten Bösen denkt. Die Bewegung des Politischen findet in einem Dazwischen statt und verläuft immer von unten nach oben. Die reaktionäre Formierung kommt nicht in Gestalt einer Machtergreifung daher, als Einbruch der Disziplin in die Freiheit. Sondern als kreativer Protest, als pathetische Weigerung, als Rebellion im Affenkostüm. Weniger als plötzlicher Ernst im Spaß denn als plötzlicher Spaß im Ernst (deshalb ist auch der Humor dieses Films Teil seiner Politik). Der die Zeichen liest behauptet nicht einfach einen lustfeindlichen Fundamentalismus, um ihn anzuprangern, sondern fragt vielmehr, was den Fundamentalismus begehrenswert macht. In diesem Fall: Was macht diesen Venya begehrenswert? Nicht sein Rückzug, nicht seine Askese, nicht seine Zitate, sondern seine Schreie und seine Transgression.

Irritation eines Modells

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Zuerst wird Lidia (Alexandra Revenko) auf ihn scharf, später rückt ihm auch noch Grisha (Alexander Gorchilin) auf den Leib – den Venya aufgrund seiner unterschiedlich langen Beine als einen jener „Krüppel“ ausgemacht hat, denen laut Bibel unbedingt zu helfen sei. Grisha sorgt für viele komische Momente; völlig klar ist, dass es ihm um Venya geht und nicht um die Bibel; er glaubt nicht daran, dass Venya sein zu kurzes Bein durch Handauflegen länger machen kann, er wünscht sich einfach, dass Venya seine Hand auf dieses Bein legt. Wenn diese hetero- wie homosexuellen Annäherungsversuche ins Leere laufen, dann ist man schnell bei den bekannten Verknüpfungen von Faschismus und Begehren, die ebenfalls meist mit Perversionen oder Verdrängung tun haben. Aber Der die Zeichen liest interessiert sich für seine Hauptfigur eben nicht in psychologischer Hinsicht, der Film weiß nicht und will nicht wissen, ob das Problem der abwesende Vater ist oder ein unterdrücktes Begehren, auch nicht, ob der Junge noch zu retten ist. Grishas Weg in die Religiosität wird nicht erklärt, die Handlung von Der die Zeichen liest setzt ein, als dieser Weg längst abgeschlossen ist. Serebrennikov wirft diesen jungen Fundamentalisten als Irritation in sein präzise gebautes Modell der Institution Schule und schaut sich an, welche Bewegungen er in diesem Modell in Gang setzt.

Auch wenn Der die Zeichen liest sich einen Spaß daraus macht, jedes Bibelzitat mit einer ins Bild geblendeten Quellenangabe zu versehen, geht es hier also vielleicht nicht einmal um Religion – oder zumindest wäre das der am wenigsten interessante Teil dieses Films, und mitnichten der Grund dafür, dass er uns angeht. Es geht eher darum, der affektiven Dimension des Politischen im Allgemeinen und der unsrigen historischen Konstellation im Besonderen schreiender- und eskalierenderweise auf den Grund zu gehen, denn das ist das Feld, auf dem nur schwer begrifflich fassbare, aber nicht minder wirkmächtige Verschiebungen stattfinden. Um dieses Feld in den Blick zu bekommen, darf das Kino die Politik eben nicht als bereits gekerbten Raum fassen, in dem die unterschiedlichen Positionen verteilt und ihre möglichen Veränderungen von vornherein klar sind, sondern muss einen glatten Raum konstruieren, durch den all das Politische streift, das noch kein fertiges Argument ist.

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