U-Carmen

In einer von Armut und Gewalt geprägten südafrikanischen Township verliebt sich ein Polizist in die heißblütige Arbeiterin Carmen. Mark Dornford-May erzählt die altbekannte Geschichte mit Hilfe frischer, unverbrauchter Bilder und Techniken.

U-Carmen

Nach der letztjährigen Berlinale mussten sich die Organisatoren vor allem die angeblich mangelhafte Qualität des Wettbewerbprogramms vorhalten lassen. Nur wenige Werke berühmter Filmautoren konnten an die Spree geholt werden, im direkten Vergleich mit den ewigen Konkurrenten in Cannes oder Venedig wirkte das Angebot fast provinziell. Auch mit der Vergabe des goldenen Bären war ein Großteil der Presse nicht einverstanden. Mark Dornford-Mays U-Carmen (U-Carmen e-Khayelitsha) hatte niemand auf der Liste gehabt, manchem erschien die Wahl von Jurypräsident Roland Emmerich und seinen Mitstreitern wie eine Notlösung angesichts der mittelmäßigen Auswahl. Nun kann sich endlich das breite Publikum von den Qualitäten dieser ungewöhnlichen Verfilmung des altbekannten Stoffes überzeugen.

Mark Dornford-May verlegt den Ort der Handlung von den Armenvierteln Sevillas in das moderne, zwar vom Apartheitsregime befreite, jedoch von Problemen vieler Art, ob Kriminalität und Korruption oder bittere Armut, geprägte Südafrika. U-Carmen spielt in einem Land, das durchsetzt ist von Spuren des globalisierten Kapitalismus, Werbeplakaten und europäischen Automobilen und dennoch zwischen den staubigen Straßen, die inmitten halbverfallener Wellblechhütten verlaufen, den Willen erkennen lässt, eine eigene, afrikanische Identität aufrecht zu erhalten.

U-Carmen

Carmen (Pauline Malefane) arbeitet in einer Zigarettenfabrik der Township Khayelitsha bei Kapstadt. Hier begegnet die üppige Schönheit dem Polizisten Jongikhya (Andile Tshoni), der sie zuerst ignoriert, ihr aber bald hoffnungslos verfällt und zur Flucht verhilft, nachdem sie in einem Streit zum Messer griff und verhaftet wurde. Als er sich auf Geschäfte mit den kriminellen Freunden seiner neuen Geliebten einlässt, bahnt sich die unausweichliche Katastrophe an.

Georg Bizets am 3. März 1875 uraufgeführte Oper Carmen ist auch heute noch eine der populärsten der Musikgeschichte und diente bereits als Vorlage zahlreicher Verfilmungen. Von Cecil B. DeMille (Carmen, 1915) bis Jean-Luc Godard (Vorname Carmen, Prénom Carmen, 1983) erzählten zahlreiche Regisseure die bekannte Geschichte auf oft äußerst persönliche Weise. Dennoch wagt Mark Dornford-May mehr als die meisten seiner Vorgänger, da er den Plot in eine dem Original vollkommen fremde kulturelle Umgebung verpflanzt.

Vor allem auf der musikalischen Ebene werden die Probleme, mehr noch aber die Möglichkeiten dieser Konzeption deutlich: U-Carmen benutzt zwar das klassische Libretto Henri Meilhacs und Ludovic Halévys, übersetzt jedoch die Liedtexte in Xhosa, eine der offiziellen Landessprachen Südafrikas. Parallel setzt der Film afrikanische Rhythmen und Melodien ein, glücklicherweise ohne die beiden musikalischen Traditionen zu einem Ethno-Mischmasch zu verbinden. Im Gegenteil, die Differenz zwischen „schwarzer“ und „weißer“ Musik bleibt stets deutlich erkennbar und ist eine der Stärken des kraftvollen Werkes. Dornford-Mays Inszenierung zeigt, dass Südafrika über eine vitale, eigenständige musikalische Tradition verfügt und den Kulturtransfer aus Europa eigentlich gar nicht nötig hätte. Die klassischen Klänge fügen den komplexen Konstellationen der südafrikanischen Gegenwart nur eine weitere Ebene hinzu.

U-Carmen

Filmtechnisch setzt sich U-Carmen von klassischen Inszenierungskonventionen des Musikfilms ab, verzichtet auf stilistische Exzesse in Mise en scène oder Montage, überlässt vieles den ausnahmslos hervorragenden Schauspielern. Diese waren zum großen Teil an einer gleichnamigen Bühneninszenierung, für deren Gestaltung ebenfalls der langjährige Theaterregisseur Dornford-May verantwortlich war, beteiligt. Der Film lässt sich viel Zeit, seine Protagonisten, die mit ihren wuchtigen Schenkeln und voluminösen Oberkörpern dem hiesigen Schönheitsideal so gar nicht entsprechen wollen, zu beobachten, wie sie, von allen Handlungszwängen befreit, zu ihren eigenen Rhythmen singen und tanzen. Die Musik hat einen grundlegend andersartigen Status als in klassischen amerikanischen Sing- und Tanzfilmen, sie wird nicht als Attraktion, losgelöst von der narrativen Ebene, eingesetzt, um ausgefeilte Tableaus zu erschaffen, sondern ist ständig anwesend als unerschöpfliche Quelle, auf die alle Protagonisten zurückgreifen können.

U-Carmen ist ein außergewöhnlicher Film, der nicht danach strebt, eine perfekt inszenierte, hermetisch geschlossene Welt zu präsentieren. Im Gegenteil, Dornford-Mays Werk betont die Brüche, sowohl im dargestellten modernen Südafrika, als auch in der stilistischen Konstruktion. Ohne den Wettbewerb der 55. Berlinale nachträglich in den Himmel loben zu wollen, ist festzuhalten, dass die Jury einen würdigen, richtungsweisenden Film auszeichnete, der mehr wagt als viele Arbeiten anerkannter Autorenfilmer. Bleibt zu hoffen, dass die Berliner Filmfestspiele der Mut zu solch ungewöhnlichen Entscheidungen nicht verlässt.

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