Tyrannosaur - Eine Liebesgeschichte

People with a temper. Joseph hat seinen Baseballschläger im Schlafzimmer immer griffbereit. Als er ihn schließlich nutzt, vergeht dem Zuschauer Sehen und Hören.

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Joseph (Peter Mullan) streckt Menschen zur Verabschiedung schon mal den blanken Hintern entgegen. Das ist so unangemessen wie harmlos. Seine Provokationen können auch heftiger ausfallen. Und wenn er sich selbst provoziert fühlt, wird es noch schlimmer. Joseph hat sich nicht unter Kontrolle. Er wartet nur auf die Ruhestörung, während er sein Pint hinunterspült. Er zerstört sich selbst. Und nicht nur sich selbst. Als er seinen Hund in einem Anfall von Tobsucht zu Tode tritt, steht der Witwer, dessen bester Freund in den letzten Zügen seines Lebens liegt, vor dem Nichts. In diesem Moment verschlägt es ihn vor die Tür von Hannahs Laden. Sie scheint sein exakter Gegenentwurf zu sein: kontrolliert, liebevoll, warmherzig und vor allem gläubig. Hannah kommt aus einer besseren Gegend und weiß sich auszudrücken. Es scheint, als sei Joseph auf sie, den Engel der Erlösung, angewiesen. Doch als die Verhältnisse sich verschieben, weicht der Hoffnungsschimmer einer furchtbaren Erkenntnis und einer Tragödie griechischen Ausmaßes.

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Tyrannosaur wirkt zu Beginn in Plot und Ton wie eine Variation von Gary Oldmans Nil by Mouth (1997). Ein von inneren Dämonen getriebener Protagonist zerstört in einer von Gewalt und Drogen dominierten Umgebung sich selbst und sein Umfeld. Beide Filme sind Porträts eines bestimmten Typus Mann in einem bestimmten sozialen Umfeld. Doch wo Nil by Mouth seine rohe Intensität ganz von dem Spiel Ray Winstones und der Musik ableitet, entfaltet Tyrannosaur eine Komplexität, die schon im dramaturgisch starken Drehbuch angelegt ist.

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Es gelingt Regisseur Paddy Considine, die Erwartungshaltungen des Zuschauers gleich mehrfach zu durchkreuzen, und das ohne Plottwists oder Täuschungsmanöver. Wir glauben, was wir glauben wollen. Vom Genrefilm, vom Sozialrealismus, vom Menschen. Nach Josephs Gewaltakt gleich zu Beginn des Films wartet man lange auf den vermeintlich finalen Ausbruch. Als er dann kommt, ist der Zuschauer dennoch beinahe überrascht. Und irritiert. Und schockiert.

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Aber Gewalt, so grafisch sie in manchen Szenen auch inszeniert ist, wird hier immer in ihrer strukturellen Anlage verhandelt. Die Themen sind alle bereits an der Oberfläche greifbar, und dennoch arrangiert Considine sie  eher zu einer Meditation denn zu einer Sozialstudie. Genau genommen ist Tyrannosaur ein Film über die ganz großen und ewigen Themen: Liebe, Schuld, Glauben, Rache, Vergebung.

Als Liebesgeschichte ist Tyrannosaur unerhört und vollendet. Wie Karl Markovics, ein anderer Regiedebütant auf dem Filmfest München (Atmen), inszeniert auch Considine das Binden einer Krawatte als ultimativen Moment einer scheuen Intimität.

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In seiner moralphilosophischen und religiösen Dimension ähnelt Tyrannosaur sogar Terrence Malicks Cannes-Gewinner Tree of Life. Doch von Transzendentalismus und Welterklärung ist diesmal keine Spur. Will der Amerikaner seine Zuschauer über den Weg der intellektuellen Stimulation mit Bildern überwältigen, gelingt es dem Engländer, sie frontal zu attackieren, emotional. Wo Malick versucht, das Publikum in einen anderen Zustand zu versetzen, schlägt Considine einfach zu. In die Magengrube, bis die Säure aufsteigt. Benommen bleibt man zurück. In Schockstarre.

Tyrannosaur ist nicht nur der bessere Film. Es ist der beste seit langem.

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Kommentare


Martin Z.

Wenn überhaupt dann ist es eine äußerst ungewöhnliche Liebesgeschichte. Zwei unglückliche Randfiguren der Gesellschaft begegnen sich und setzen bei sich und dem anderen ungeahnte Emotionen frei. Er (Peter Mullan in seiner kompliziertesten Rolle wie immer überzeugend) säuft, prügelt sich und fügt sich und anderen nur Schmerzen zu, worüber er aber nicht gerade glücklich ist. Sie (Olivia Colman, einem größeren Publikum noch relativ unbekannt) vom Ehemann gedemütigt, vergewaltigt und oftmals übel zugerichtet). Was da so zwischen diesen beiden und ihrem Umfeld passiert, ist sowohl derbe Kost bis an die Schmerzgrenze als auch ein Typhoon von Gefühlen, dessen Sog sich niemand entziehen kann. Paddy Considine hat mit seinem Regiedebüt eine Verhaltensstudie geschaffen, die ihres gleichen sucht. Der Untertitel - eine Liebesgeschichte - setzt Hoffnungen frei, die nicht erfüllt werden. Ebenso wie sich der Titel von Josephs verstorbener dicker Frau herleitet, die wir nie sehen. Aber was wir sehen überfällt den Zuschauer mit einer solchen Wucht, wie man es lange nicht erlebt hat. Und dem Ende stimmt man auch noch gerne zu. Das passt nicht nur zu den beiden ’Liebenden’ sondern auch für den betroffenen Ehemann. Ein unvergessliches Filmerlebnis: pickelhart, trotzdem gefühlvoll und somit aufwühlend.






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