Two Men in Town

Brenda Blethyn im Türrahmen, Forest Whitaker auf Bewährung. Rachid Bouchareb sucht nach dem großen Kino und lässt sich dann doch nur allzu gern davon ablenken.

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Nachdem sie wie einst John Wayne in der Türöffnung eines einsamen Holzhauses stehen durfte, hinter ihr die grelle Weite der Landschaft, sitzt die weißhaarige Brenda Blethyn auf den Stufen ihrer Veranda, im Hintergrund ein französischer Chanson, und putzt ihren Revolver. Ein Bild, das still genossen werden kann, Lust macht auf eine spannende Figur und zugleich filmhistorische Assoziationen weckt. Einige davon jedoch werden gleich in der nächsten Szene zerschossen. Denn dann wird man gewahr, dass die von Blethyn gespielte Emily Smith kein lonesome rider im Wilden Westen ist. Sie verkörpert keine wilde Unabhängigkeit, sondern steht ganz im Dienst der zentralen Autorität, soll als Bewährungshelferin den Cop-Killer William Garnett (Forest Whitaker) auf seinem Weg in die Freiheit begleiten. Und bewähren muss man sich heutzutage nicht mehr an der gefährlichen frontier, sondern im zivilisierten Leben und auf dem Arbeitsmarkt. Ein invertierter Western.

Bedrohte Harmonie

Zumindest hätte Two Men in Town ein solcher werden können. Denn dass sich Rachid Bouchareb mit der attraktiven Ausgangslage nicht begnügt, das wird nur allzu schnell deutlich. Anders als in seinen letzten Filmen, in denen sich jeweils zwei Menschen erst allmählich über Ressentiments und Grenzen hinwegsetzten, geht es zwischen Emily und William zunächst ganz harmonisch zu. Denn Letzterer ist kein Bösewicht, der gezähmt, sondern ein geläuterter Gutmensch, der vor den Bösewichten beschützt werden muss – mittlerweile zum Islam konvertiert, wünscht er sich nichts sehnlicher als ein einfaches, normales Leben. Die Bewährungshelferin hingegen ist weder Rassistin, noch hat sie was gegen Muslime, vielmehr vertritt sie eine Philosophie des Vertrauens und bestärkt William in seinen Versuchen, eine Existenz aufzubauen.

Doch anders als im berühmten Reggae-Hit hat William vor 18 Jahren nur den Deputy gekillt und nicht den Sheriff. Und so darf der griesgrämige Harvey Keitel als um seine Gemeinde und deren Kinder besorgter Ordnungshüter den Antagonisten geben, der das Projekt vom normalen Leben verderben will. Er hält William für eine loose cannon, will ihn weg haben von der Straße, dafür zur Not auch zu einer Straftat provozieren – und zieht daher auch gegen Emilys Vertrauensgerede zu Felde. Doch so schön Keitel granteln kann, dem Film tut die zunehmende Dialoglastigkeit gar nicht gut. Die Streitereien um den richtigen Umgang mit William – Zweite-Chance-Pädagogik gegen Generalverdachtslogik im Schuss-Gegenschuss – sind dabei nur ein besonders frühes Anzeichen dafür, dass hier bald vieles aus dem Ruder läuft.

Gemälde in der Plotmaschine

An den weiten Einstellungen in CinemaScope hat man zunächst noch großen Spaß. Sonnenauf- und -untergänge, schlichte Americana-Architektur, archaische Felsformationen im Wüstenpanorama – Gemälde, durch die sich der Schuldbelastete bewegt, mal mühsam torkelnd, mit der gesamten Last eines geplanten Neuanfangs, mal auf dem Motorrad, vor Freiheitsglück jubelnd. Es sind die am meisten reduzierten Sequenzen, die in Two Men in Town das größte Vergnügen bereiten. Denn immer wenn Bouchareb am Plotrad dreht, wenn er bedeutungsschwere Aussagen zulässt, dramatisch verdichten will, dann kippt der Film, verliert an Boden und hängt in der Luft. Je offensiver der Regisseur die dramatische Intensität sucht, je mehr er zuspitzt, desto stärker verliert der Film an Wucht.

Teuer erkaufte Schönheit

Die radikale Vorhersehbarkeit einer schematischen Handlung wäre innerhalb des stets mit Genretraditionen flirtenden Films weniger schlimm, würde sie sich nicht so penetrant in den Vordergrund mogeln und die Landschaftsgemälde zu bloßen Illustrationen der mit Bedeutung aufgeladenen Inhalte degradieren. Auch in seinen letzten, im Vergleich zu den Kriegsdramen, die ihn bekannt gemacht haben (vor allem Tage des Ruhms, Indigènes, 2006), bescheideneren Filmen London River (2009) und Just Like a Woman (2012) wurde Bouchareb manchmal unangenehm deutlich, doch entsprang das Pathos dabei einem aufrichtigen und kaum verschleiertem Wunsch nach Verständigung über Grenzen hinweg. Doch gerade weil er in seinem neuesten Film formal deutlich schwerere Töne anschlägt, an großes Westernkino denkt, seine Erzähl- und Erklärwut dabei aber kaum abzudämpfen vermag, scheitert sein Ausflug in den amerikanischen Westen.

So müssen wir für die in ihrer Schlichtheit so stimmungsvollen Bilder einen ebenso einfachen Plot in Kauf nehmen, der die visuelle Klarheit nicht verdoppelt, sondern stört, weil er zu viel Raum einnimmt, zu viel erzählerischen Aufwand für längst Verstandenes betreibt und sich selbst zu ernst nimmt. Wie die meisten anderen Filme Boucharebs ist auch Two Men in Town zerrissen zwischen einer mit viel Mühe konstruierten Handlung und einer klassischen Form, die noch nicht klassisch genug ist, um die Konstruktion offensiv ausstellen zu können. Zerrissen damit auch die namhaften und in anderen Rollen ungleich stärkeren Darsteller, die hier nie ganz zu wissen scheinen, ob sie Figur oder Typ, Mensch oder Prinzip sind.

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