Two Lovers

Zusammen ist man weniger allein. Nicht unbedingt.

Two Lovers

Ein junger Mann passiert abends bei eisiger Kälte eine hölzerne Brücke. Das dunkle Wasser unter ihm übt eine ungeheure Anziehungskraft auf ihn aus. Er springt hinein. Wird gerettet. Überlebt. So beginnt James Grays sensibler New-York-Film um den lebensmüden Leonard (Joaquin Phoenix).

Sie sind einem allmählich vertraut, die männlichen Protagonisten in Grays Filmen: Im Fokus seiner Thriller-Trilogie Little Odessa (1994), The Yards – Im Hinterhof der Macht (2000) und Helden der Nacht (2007) suchen und kämpfen junge Männer zwischen Hoffnung und Desillusion um ihren Platz in der Welt. Letztlich lässt Gray seine männlichen Charaktere jedoch allesamt einsam und zurückgeworfen auf sich selbst zurück. Enttäuscht und verraten von ihren besten Freunden, ihren Brüdern und anderen Familienmitgliedern schreiben sich die Antihelden Grays in das Gedächtnis des Kinozuschauers ein.

Two Lovers

Um die sperrige Relation zwischen Einsamkeit und Zweisamkeit, die unüberwindbare Differenz zwischen Leidenschaft und Geborgenheit sowie das Verhältnis von Nähe und Distanz geht es auch in Grays Liebestragödie Two Lovers (2008). Zwei Frauen treten in das Leben des introvertierten Leonard. Die eine sucht seine Nähe, die andere wiederum die Nähe eines anderen. Beide Frauen sind schön, beide sind klug, aber dennoch liegt zwischen ihnen und dem, was sie in Leonard auslösen, die ganze Welt. Während Sandra (Vinesssa Shaw) für Leonard sorgen, sich um ihn und seinen Gemütszustand kümmern will, sieht Leonard in der auf den ersten Blick so lebensfrohen, auf den zweiten Blick so fragilen Michelle (Gwyneth Paltrow) das Objekt seiner Begierde.

Dabei inszeniert der New Yorker Filmemacher mit präzisem Blick das Werben, die Balz umeinander in entsprechenden Räumlichkeiten. Diese dienen bei Gray niemals nur als Kulisse für die Handlung, sondern sie prägen sich förmlich in jene ein, bedingen sie und treiben sie voran. Die Begegnungen zwischen Leonard und Sandra spielen sich überwiegend in Leonards ehemaligem Jugendzimmer in der elterlichen Wohnung ab. Die Decken hängen tief, die Lichtquellen sind gelb- und grünstichig, die Flure zu schmal, die Möbel dunkel und massiv. In ihrer Raum greifenden Präsenz und Dominanz schieben sie die beiden Protagonisten förmlich aufeinander zu. Konstruiert wird eine künstliche, unangenehme Nähe, die das Paar zu erdrücken scheint. Dass sich Leonards Bedürfnis nach Nähe auf eine andere Frau richtet, wird gegen Mitte des Films explizit gemacht: Sandra verlässt sein Zimmer, verabschiedet sich liebevoll. Die Kamera präsentiert ihr lächelndes Gesicht, doch der Gegenschuss zeigt den aus dem Fenster blickenden Leonard.

Two Lovers

Sein Blick über den Hof gilt Michelle. Mit Leonards Eingeständnis „I am fucked-up, too“ wird das traurige und tragische gemeinsame Moment ihrer beider Identitäten offenkundig. Immer wieder vergewissern sich die beiden trotz zum Teil räumlicher Distanzen ihrer psychischen Nähe zueinander. Das Mobiltelefon, die SMS und der Vibrationsalarm dienen als Medium der Kontaktaufnahme und Erreichbarkeit, als Anker zur Bestätigung der anderen und eigenen Existenz, der Fotoapparat als Speicher zum Festhalten intimer Momente, die Sprache als Medium der Kommunikation sowie des Schweigens.

Two Lovers

Der wesentliche Begegnungsraum von Michelle und Leonard befindet sich im Außen, jenseits von einengenden Wänden, Mauern und Türen. Der urbane, öffentliche Raum New Yorks ist ihr Ort der Nähe. Gray generiert damit eine ganz eigene Topographie der Stadt. Er inszeniert das abgelegene, das andere New York. Die Subway-Station von Brighton Beach, die Bürgersteige Midtowns oder aber das Dach des Brooklyner Wohnhauses bilden Leonards und Michelles Orte der Begegnung. Zwei Mal lässt Gray die beiden auf den für New York so typischen rooftops, enthoben von dem Treiben, dem Wirrwarr und dem Straßenlärm der Stadt, aufeinander treffen. Und gerade weil hier keine weltlichen Regeln und Konvention zu gelten scheinen, die Leinen des Verstands gelöst sind, entsteht ein Moment der Nähe, der intensiver und intimer nicht sein könnte. Eingehüllt in dicke Daunenjacken, samt Mützen und Handschuhen schlafen die beiden voller Hoffnung, Angst und Verzweiflung miteinander. Und man befürchtet, sobald die beiden die Treppen wieder hinabsteigen, hat ihre Liebe keine Chance.

Trailer zu „Two Lovers“


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Kommentare


Claudia

Wunderschöner Film, der die Realität des humanen Daseins gut widerspiegelt. Mehr solcher lebensnahen Filme bitte!!!!!


Denise

Schön....


Martin Z.

Ein äußerst sensibles Drama über enttäuschte Liebe. Joaquin Phoenix steht zwischen zwei Frauen. Die eine ist Sandra (Vinessa Shaw) brav und bieder mit geschäftlichen Verbindungen zwischen den Vätern und die andere ist eine Nachbarin Michelle, (Gwyneth Paltrow), eine hilfsbedürftige aber liebenswerte Chaotin mit anderweitigen Ambitionen.
Mit großem Verständnis für die Leidensfähigkeit der menschlichen Seele beschreibt Regisseur James Gray die inneren Katastrophen, die sich hier abspielen wenn man unter dem Thema ’Liebe’ zwischen Hoffnung und Ablehnung lebt, zwischen emotionaler Abhängigkeit und der Verarbeitung von Frust. Die Qualen der Psyche werden sichtbar gemacht und realistisch nachvollziehbar geschildert ohne kitschig zu wirken. Ein emotionales Psychogramm, das mit seinem genau beobachteten Realismus überzeugt. Wenn man aus der Zeit fällt, als alle Glücksbäume noch in den Himmel wuchsen, sie auf den Märchenprinzen hoffte und er nach seinem Dreamgirl suchte, kann es sein, dass es nur eine Zukunft gibt, die auf faulen Kompromissen aufgebaut ist, nachdem man sich für das kleinere Übel entschieden hat.
Überzeugend realistisch, kitschfrei emotional und anders als das Meiste aus der Branche. Einfach saustark!


Gregor

Joaquin Phoenix hat ein Luxusproblem. Er kann sich einfach nicht zwischen zwei äußerst attraktiven Frauen entscheiden. Die eine blond, die andere brünett. Und dann auch noch diese Aussicht auf einen lukrativen Job! Es ist zum Verzweifeln. Außerdem hat es mal mit einer früheren Freundin nicht geklappt. Da muß man einfach depressiv und ausgebrannt/völlig leer werden und es wenigstens mal mit nem Suizid versuchen. Nun ja. Der Film ist allerdings, das muß man ihm abei aller Oberflächlichkeit der Geschichte zugute halten, sehr stimmungsvoll gedreht. Die Bilder sind von einer emotionalen Dichte, daß sie einen tatsächlich über lange Strecken von der schlechten Story ablenken können und die Schauspieler erledigen ihre Aufgabe erstklassig. Trotzdem bleibt am Ende ein etwas schaler Gescghmack, denn wie gesagt: Joaquin Phoenix hat nur ein Luxusproblem.






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