Two-Lane Blacktop

Godot on the road: In dem legendären Kultklassiker über ein Autorennen quer durch die USA vermählt der fast vergessene Autorenfilmer Monte Hellman Hollywood mit Beckett.

Two-Lane Blacktop

Warten auf Godot hätte großen Einfluss auf ihn gehabt, meinte Monte Hellman einmal. „Ich glaube, ein bisschen Beckett ist in allem, was ich gemacht habe.“ Wie wohl kaum einem anderen US-Filmemacher ist es Hellman immer wieder gelungen, Ästhetik und Gedankengut des absurden Theaters – mal mehr, mal weniger ausgeprägt – in das amerikanische Kino zu schmuggeln. So zum Beispiel in seinen existentialistischen B-Western Das Schießen (The Shooting) und Ritt im Wirbelwind (Ride in the Whirlwind, beide 1966), welche mit ihren avantgardistischen Tendenzen die verkrusteten Traditionen des Genrekinos aufbrachen und damit zu bemerkenswerten Vorläufern des New Hollywood-Kinos wurden.

Two-Lane Blacktop

1971 inszenierte Hellman dann einen der künstlerischen Höhepunkte eben jenen New Hollywoods und zugleich sein persönliches Opus Magnum: Two-Lane Blacktop, ein Road Movie wie kein anderes. Denn Hellmans Film ist keine romantische Zelebrierung der Straße und des damit oft verbundenen Freiheits- und Selbstverwirklichungsgefühls à la Easy Rider (1969), sondern eine sperrige Allegorie auf die Absurdität menschlicher Existenz. Becketts Geist ist omnipräsent – und das, man stelle sich vor, in der Produktion eines Hollywood Major Studios: ein filmisches Wunder, undenkbar heute, möglich nur in jenem kurzen Zeitfenster des New Hollywood (1967-1976), als die Industrie auf den enormen Rückgang der Zuschauerzahlen reagieren musste und Filmemachern wie Hellman Freiraum für Innovationen, Experimente und individuelle Ausdrucksweisen ließ.

Two-Lane Blacktop

Mit fast ethnografischer Authentizität taucht Two-Lane Blacktop in die Subkultur der Dragster- und Public-Racer-Welt ein, die sich mit ihren getunten Autos illegale Renn-Duelle liefern. Im Gegensatz zu der präzis-realistischen Schilderung dieser Subkultur tendiert die Erzählung selbst, samt ihren Figuren, zu großer Abstraktion. Weder über Namen, noch Vergangenheit verfügen die Protagonisten. Da sind der Driver (James Taylor) und der Mechanic (Dennis Wilson), zwei junge Hippies, die mit einem stark motorisierten 1955 Chevrolet von Rennen zu Rennen unterwegs sind. Da ist GTO (Warren Oates), ein Mann des Establishments, den die beiden in seinem 1970 Pontiac zu einem Duell quer durch die USA herausfordern. Und schließlich gibt es noch das Girl (Laurie Bird), eine Tramperin, die zwischen beiden Parteien steht und wie ein Fremdkörper in die emotionslose Machowelt eindringt. Sie weckt so etwas wie den Traum einer romantischen Beziehung bei den tumb dahinrasenden Männern, die sich ansonsten für nichts anderes interessieren als den Motor unter ihrer Haube.

Two-Lane Blacktop

Doch zwischenmenschliche Beziehungen sind in Two-Lane Blacktop eine Illusion, die Wege der Figuren kreuzen und verlieren sich auf der Straße, Mitfahrer kommen und gehen, niemand bleibt. Und wenn sich die ewigen Drifter des Films doch einmal begegnen und sie keine oberflächlichen Alltagsbanalitäten untereinander austauschen, dann herrscht zwischen ihnen Schweigen oder sie reden aneinander vorbei. Die Figuren bleiben sich – und auch uns – weitgehend fremd. Wir wissen weder, woher sie kommen oder wohin sie gehen, noch erfahren wir etwas über ihre Motivationen. Der Einzige, der von seinem Leben etwas preisgibt, ist GTO, von Warren Oates wunderbar nuanciert dargestellt als aufgeblasener, doch so verletzlicher Popanz, der sich gegenüber Mitfahrern mit angeblich autobiografischen Anekdoten brüstet. Diese aber lassen sich schnell als Lügenmärchen entlarven, einzig dazu da, sein armseliges Leben vor den anderen, wie vor sich selbst zu überhöhen. Hellmans Figuren sind keine psychologisch komplexen Charaktere, sie bleiben uns stetige Rätsel. Ihre „Identitätsschwäche“ verrät die Unmöglichkeit beständiger Gewissheiten, die ontologische Fixierung wird problematisch.

Two-Lane Blacktop

In der enigmatischen Welt von Two-Lane Blacktop greift das Nichts um sich. Nicht genug damit, dass der Dialog auf das Wesentlichste reduziert wird und Figuren zu ungewissen Größen schrumpfen, auch der Plot selbst tendiert gegen Null. Denn das zwischen den Männern anfangs arrangierte Rennen gerät bald ins Hintertreffen, ja wird obsolet. Ein Ziel, eine Richtung hat ihr Leben längst verloren. Aktion und Spannung – wie sie Burt Reynolds etwa in den späteren Bandit-Filmen provozierte, als er gleichsam mit coolem Sportwagen quer durch die USA raste – sucht man hier vergeblich. Der Ennui, die nihilistische Langeweile hat Two-Lane Blacktops Figuren erfasst. Und so trudeln der Driver und GTO samt ihren Mitfahrern von Tankstelle zu Tankstelle, von Diner zu Diner. Immer aber zieht es sie wieder auf die Straße, Sinnbild des Lebens, das einen stetig weitertreibt, nie zur Ruhe kommen lässt und dessen lärmende Stille nur mit dem Gedröhn der Motoren zu übertönen ist. Das ständige Weiterfahren vermittelt optisch zwar die Illusion des Vorankommens und der Entwicklung – vielleicht ist dies ja der eigentliche Beweggrund für die irrsinnige Odyssee von Hellmans tragischen Antihelden –, tatsächlich aber herrscht Stillstand. Eine Handlung im traditionellen Sinne ist dies nicht mehr, eher ein Gefüge aus Situationen und Bildern, die den Menschen in seinem gestörten Verhältnis zur Welt porträtieren.

Two-Lane Blacktop

Two-Lane Blacktops Bildebene zeigt sich von einem dynamischen Spannungsverhältnis geprägt. Einerseits die Weite der desolaten Landschaften – staubige Einöden im Nirgendwo des amerikanischen Südwesten –, die die Verlorenheit der Figuren augenfällig macht. Andererseits die Enge der klaustrophobischen Autoinnenräume, die die Ausweglosigkeit aus der Situation ihres tristen Daseins illustrieren. Immer aber präsentiert sich der Raum, der die Figuren umgibt, als menschenwidrig, unwillig ihnen einen festen Platz zu geben, an dem sie sich geborgen fühlen könnten. Der Driver, GTO, der Mechanic, das Girl – allesamt sind sie von der (Um-)Welt entwurzelt. „And we’ll build a house“, fantasiert GTO gegenüber dem schlafenden Girl, einen Anker im Leben, eine Heimat suchend. „Yeah, we’ll build a house. `Cause if I’m not grounded pretty soon, I’m gonna go out to orbit.“ Die Welt ist ihnen aber längst zum Orbit geworden, durch den sie mutterseelenallein treiben.

Two-Lane Blacktop

Hellmans Nähe zu Beckett – der existentialistische Grundton, die Reduktion als ästhetisches Prinzip, die Beschreibung des menschlichen Daseins als gähnende Leere – mag viele Zuschauer heutzutage, in Zeiten von aktions- und effektbeladenen Blockbustern, noch stärker vor den Kopf stoßen als sie es zur Entstehungszeit von Two-Lane Blacktop tat. Wenn man sich jedoch auf Hellmans couragiertes Experiment einlässt und die gängigen Sehgewohnheiten über Bord wirft, wird man mit der ganzen Tiefe, Schönheit und Nachhaltigkeit eines Kinos belohnt, wie es so im gegenwärtigen Hollywood nicht länger möglich ist.

Kommentare


Silke

Endlich ist die DVD zu „Two-Lane Blacktop“ erschienen. Das Warten (glücklicherweise nicht auf Godot) hat ein Ende. Welch’ grandioser Film und welch’ wunderbare Kritik, die Welf Lindner dazu verfasst hat. Tatsächlich liefert der Film weit mehr als ein Beckettsches „Endspiel“, in dem es sich schon gar nicht mehr zu lohnen scheint nachzudenken, aufzuhorchen, aufzupassen.


Tom

Habe den Film gestern einer Anregung aus Death Proof folgend gesehen und war wirklich überrascht. Die Fixierung auf Autos - womit sich die 3 Herren identifizieren können - sind die besten potemkinschen Filmdörfer, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

Das Review trifft voll zu, danke dafür!






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