Twin Peaks

Rückkehr ohne Wiedersehen. Die neue Staffel von Twin Peaks führt konsequent das vermeintlich Vertraute als etwas abgründig Fremdes vor – verliert dabei aber die Vieldeutigkeit der eigenen Bilderwelt immer wieder aus dem Blick.

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Wiederauflagen von alten Serien – besonders von solchen, die den Ruf haben, vor ihrer Zeit abgesetzt worden zu sein – sind in der ein oder anderen Weise, ob sie es wollen oder nicht, von der Dynamik des unverhofften Wiedersehens durchdrungen. Das eigentlich Tote, das längst Verlorene und schmerzhaft Betrauerte, es ist mit einem Mal wieder da, es lebt, und man kann ihm erneut und mit erkennendem Blick in die Augen schauen. Die Ankündigungen der neuen Staffel von Twin Peaks haben ganz bewusst mit diesem Versprechen gespielt: (Nahezu) alle Schauspieler und Schauspielerinnen der ursprünglichen Serie, und damit auch die von ihnen verkörperten Figuren, würden sich aufs Neue versammeln; in den Trailern waren, menschenleer und ikonenhaft, die Orte des in der Erinnerung immer noch lebendigen Rätsels um den Mord an Laura Palmer zu sehen. Alles, so die hier geweckte Erwartung, sei von nun an wieder da, deutlich älter und abgenutzter, aber in seinem Wesen immer noch dasselbe. Das Funktionsprinzip der ersten vier Folgen der neuen Staffel von Twin Peaks scheint nun aber zu sein, eben diese zuvor geweckte Hoffnung ins Leere laufen zu lassen: Es gibt kein Wiedersehen, es kann kein Wiedersehen geben – zumindest noch nicht und auf keinen Fall einfach so.

Am augenscheinlichsten wird diese Verweigerung alles Vertrauten anhand der Schauplätze. Twin Peaks selbst kommt eigentlich nicht vor, nur das Schild und die Außenfassade des „Twin Peaks Sherriff’s Office“ rufen ab und an jene Kleinstadt in den dichten, beinahe urzeitlichen Wäldern des amerikanischen Nordwestens in Erinnerung, die während der ersten beiden Staffeln kaum verlassen wurde. Stattdessen treten nun ganz vornehmlich amerikanische Großstädte in Erscheinung, weit ausgreifende Geflechte aus Licht inmitten einer tiefschwarzen Nacht, meistens mit eingeblendeter Ortsangabe eingeführt, wie um die ungebundene und weiter ausschweifende Perspektive der neuen Serie nochmal zu betonen. Im Einklang mit dieser geografischen Zerstückelung des Geschehens steht nun auch nicht mehr eine engmaschige Gemeinschaft im Vordergrund (deren Aufbrechen unter dem gemeinsamen Druck von Trauer und Schuld den affektiven Kern der ersten Staffeln ausmachte), sondern eine nahezu vollkommene Vereinzelung der einzelnen Figuren – die Personen dieses Universums kennen einander nicht, sie lernen einander auch nicht kennen, sie laufen sich nur kurz über den Weg, es wird aufeinander geschossen oder auch miteinander geschlafen, aber danach zerstreuen sich die Linien ihrer Handlungen wieder in vollkommen unabhängige Richtungen. Doch nicht nur ihre Verbindungen untereinander, auch die Verbindung der Figuren zu ihrem eigenen früheren Selbst ist größtenteils gekappt. So ist etwa die Hauptfigur Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) zwar in zweifacher, später sogar in dreifacher Ausfertigung vorhanden, doch keine dieser Versionen ist tatsächlich als die gleichnamige Figur aus den ersten Staffeln erkennbar. Der dominante Eindruck dieser ersten vier Folgen ist somit jene tiefe Erfahrung von Fremdheit, die nur dort entstehen kann, wo man eigentlich Vertrautheit erwartet.

Kein Wiedererkennen, aber auch kein neues Begegnen

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Das Problem der neuen Serie (zumindest in dieser Anfangsphase) ist jedoch, dass sie sich zwar einer bloßen Neuauflage der bereits bekannten Motive und Handlungsmuster verweigert, dass sie aber dennoch in weiten Teilen die eigene Bilderwelt wie etwas bereits umfassend Erschlossenes behandelt – und dadurch jene Vieldeutigkeit, die im Kern der Bilder schlummert und aus der diese Bilder einst ihre Kraft bezogen, immer wieder aus den Augen verliert. Die Serie verhindert konsequent ein einfaches Wiedererkennen, aber für eine tatsächlich neue und eigenständige Begegnung mit den Bildern fehlt ihr oft der forschende und vor allem der stets verunsicherte Blick. Welche Bedeutungen und Assoziationen sich etwa mit der Schwarzen Hütte verbinden, welche Ängste oder Bedürfnisse sich in dem Bild dieses unheilvollen Ortes aus Marmorböden und Samtvorhängen bündeln – es wird hier nicht wirklich ergründet, ganz so, als sei all das bereits ein für alle Mal abgearbeitet worden. Auch die beständige Atmosphäre des Bedrohlichen gleitet immer wieder ab ins Gleichförmige, gar Beliebige. Einzelne Szenen sind teilweise unterschiedslos mit einem dumpfen Dröhnen unterlegt, ohne dass die dadurch suggerierte Abgründigkeit auf der Bildebene tatsächlich aufgegriffen und irgendwie weiter verhandelt würde. Auch die Dialoge werden immer wieder durch lange, unschlüssige Pausen oder durch die Erwähnung augenscheinlich bedeutsamer Dinge anhand vager Platzhalter („Pray you never meet someone like him“ oder „I need that information“) krampfhaft ins Vieldeutig-Ungefähre gehoben. Doch eine Lücke ist noch kein Geheimnis, und etwas Unerklärtes ist nicht gleich auch schon etwas Unerklärliches – in diesen Momenten wird ein Mysterium mehr behauptet als tatsächlich heraufbeschworen, die Szenen und Bilder entwickeln kaum ein Eigengewicht und flüchten sich folglich in eine bloße Andeutung geheimnisvoller Kräfte und ominöser Zusammenhänge.

Verwachsene Augen und das Spiel mit visuellen Bedeutungen

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Die stärksten Szenen der ersten vier Folgen sind somit auch tatsächlich jene, in denen weder ausführlich auf Motive aus den früheren Staffeln verwiesen wird noch der Eindruck eines dynamischen Voranschreitens der Ereignisse entstehen soll. Auf seinem Weg aus dem Inneren der black lodge zurück in die herkömmliche Welt landet Agent Cooper etwa am Rand eines purpurnen Ozeans und trifft dort in einem kahlen Gemäuer auf eine Frau mit zugewachsenen Augen. Plötzlich ist die Zeit in kleine Fetzen zerschnitten, nicht aufgelöst, doch unstet in kleinen Sprüngen hin und her zuckend. Es folgt eine Abfolge von Bildern, die aus ihrem Inneren ein Netz an Beziehungen und Entwicklungslinien entfalten: ein dumpfes Klopfen, ein elektrisch surrender Kasten in den Weiten des Alls, ein schemenhaftes Gesicht inmitten der Sterne, ein leuchtendes Portal in Form einer Steckdose. Hier hat man das Gefühl, dass etwas umkreist wird – irgendein Motiv, irgendein Bedeutungsfeld oder auch irgendein visueller Reiz –, mit dem die Serie nicht ganz fertig wird und das sie immer wieder von Neuem in den Blick zu nehmen versucht. Auch offenbart sich in dieser Szene eine bewusste Ungeschliffenheit und ein leicht durchgeknallter gestalterischer Überschwang – das Weltall sieht aus wie ein Bildschirmhintergrund, das fliegende Gesicht wie mit einem Videoschnittgerät aus den 1980ern hineinkopiert –, die diesen Visionen ihre mystische Schwere nehmen und sie als bildliche Artefakte, als ein Spiel mit visuellen Bedeutungen erscheinen lassen.

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Es gibt noch ein paar andere Szenen in den ersten vier Folgen, die zu einer ähnlichen Eigenständigkeit finden, doch gibt es eben auch viele, die nur gedämpft und ziellos vor sich hin dröhnen – und, besonders schlimm, viele Szenen, die eindeutig auf eine komische Wirkung abzielen, die aber nur schwerfällig einen ohnehin verkrampften Gag über mehrere Minuten in den Boden stampfen. Vielleicht offenbart die Neuauflage von Twin Peaks über ihre gesamte Dauer tatsächlich noch eine aus sich selbst hervorgebrachte innere Logik, doch müsste sich die Serie dazu entweder offenherzig dem Erbe der vorangegangenen Staffeln stellen und sich von Neuem fragen, was die Faszination der bislang größtenteils nur heranzitierten Motive noch ausmacht – oder sie müsste dieses Erbe weitgehend vergessen, um sich somit frei für die Erkundung neuer Ängste, neuer Obsessionen und neuer Erscheinungen zu machen.

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