Twenty Cigarettes

Während das Image des Rauchens zunehmend in den Keller sinkt, widmet James Benning diesem Vorgang einen ganzen Film.

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Menschen spielen in den Filmen von James Benning für gewöhnlich keine oder zumindest nur eine sehr untergeordnete Rolle. Stattdessen näherte sich der amerikanische Regisseur in statischen und für Kinokonventionen ungewöhnlich langen Einstellungen unter anderem Seen (13 Lakes, 2004), Wolken (Ten Skies, 2004), Zügen (RR, 2007) oder zuletzt, in seinem ersten außerhalb der USA entstandenen Film, der Industrie im Ruhrgebiet (Ruhr, 2009). Alle diese Filme haben eine Gemeinsamkeit: Benning wählt zwar die Kadrierung sowie Zeitpunkt und Dauer der Einstellungen, die beobachteten Vorgänge hätten aber ohne seine Anwesenheit genauso stattgefunden.

Seine neueste Arbeit, Twenty Cigarettes, stellt in dieser Hinsicht eine Neuerung dar. Der Film zeigt 20 Personen unterschiedlichen Alters, beiderlei Geschlechts und verschiedener Ethnizitäten – darunter einige Prominente wie die Künstlerin Sharon Lockhart, der Subkultur-Forscher Dick Hebdige und der Regisseur Thom Andersen –, wie sie eine Zigarette rauchen. Die Zigarettenlänge dient dabei als relative Zeiteinheit einer Einstellung – relativ auch, weil es sich bei dem Rauchwerk abwechselnd um selbst gedrehte, herkömmliche und 100er-Zigaretten handelt –, wobei sich Benning aber nicht sklavisch an diese Vorgabe hält. Mehrmals wird das Bild abgeblendet, bevor die Zigarette aufgeraucht ist.

Der Hintergrund – die Bandbreite reicht von einer mit Graffiti verzierten Häuserwand über Naturaufnahmen bis zum Inneren einer Wohnung – gibt nicht unbedingt Aufschluss darüber, wo wir uns jeweils befinden, noch lässt er eine Verbindung zum Darsteller zu. Vielmehr scheinen es vor allem die Texturen und Farben der Tapeten, Garagentore, Jalousien und angeschnittenen Bilder zu sein, die Benning interessieren und von ihm als dekorative Flächen in Szene gesetzt werden. Im Gegensatz zur visuellen Ebene ist die Gestaltung der Tonspur ähnlich wie in früheren Filmen ausgefallen: Ein dezenter Originalton, in den teilweise diffuser Straßenlärm, Radioaufnahmen oder Sprachfetzen dringen.

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Das Ungewöhnliche an Twenty Cigarettes ist der Fokus, der ganz auf den rauchenden, in einer unbewegten Nahaufnahme zentral platzierten Menschen liegt – anders als in Ruhr, Bennings erstem digital gedrehten Film, vermisst man hier die Schönheit des analogen Materials. Dabei wirken die Raucher nie monumentalisiert oder in sich gekehrt, sondern rufen immer wieder die Präsenz der Kamera ins Bewusstsein. Die offensichtliche Anspannung und Verunsicherung der Darsteller lässt den Schluss zu, dass Benning sie wohl nur mit wenigen Anweisungen mit der Situation vertraut gemacht hat. Angestrengt und wie unter Druck gesetzt ziehen viele von ihnen an ihren Zigaretten und wissen nicht so recht, ob sie nun in die Kamera schauen sollen oder eben nicht. Es hängt stark vom Einzelnen ab, ob er eher unsouverän mit der Aufnahmesituation umgeht oder sich – wie Sharon Lockhart – regelrecht inszeniert.

In mancher Hinsicht erinnert Twenty Cigarettes an Andy Warhols Screen Tests (1963–1966), auch wenn diese strikteren Regeln unterlagen, was der Darsteller tun musste und wie lange. Warhol filmte Stars wie Bob Dylan, Marcel Duchamp und Nico, aber auch weniger bekannte Mitarbeiter seiner Factory nach klaren Vorgaben: Für die Dauer einer 30-Meter-Rolle 16mm-Film – also um die drei Minuten – sollten die Modelle möglichst bewegungslos und ohne zu blinzeln in die Kamera blicken. In Anlehnung an die Probeaufnahmen in Hollywood wurde damit ein filmisches Abfallprodukt zum Hauptereignis erhoben. Warhol war in seiner Filmarbeit stets davon fasziniert, seine Darsteller mit einer Versuchsanordnung zu konfrontieren, in der sie sich selbst erst einmal zurechtfinden mussten.

In Bennings Oeuvre wirkt die Sichtbarkeit der Drehsituation dagegen etwas seltsam. In den Bildern langsam schwebender Wolken und von Lichtreflexionen auf Wasser kann man ohne Weiteres versinken. In Twenty Cigarettes sind es nicht nur die irritierten Blicke der Raucher, die eine rein kontemplative Betrachtungsweise erschweren. Obwohl in früheren Filmen wie 13 Skies alle Einstellungen gleich lang sind, stellt sich nach einer Weile ein Verlust des Zeitgefühls ein. Dagegen fungiert die sich im Bildausschnitt befindliche Zigarette stets als Sanduhr, an der sich das Verstreichen der Zeit genau beobachten lässt.

So unterschiedlich die Herangehensweisen von Benning und Warhol sind, lebt Twenty Cigarettes letztlich doch von einer ähnlichen Faszination wie die Screen Tests: Durch die ständige Wiederholung desselben Vorgangs wird der Blick geschärft und auf die Unterschiede und Abweichungen gelenkt. Das sind neben den unterschiedlichen Kleidungs- und Bewegungscodes der Personen vor allem die verschiedenen Möglichkeiten, eine Zigarette zu rauchen. Jeder Raucher hält seine Zigarette anders, zieht anders an ihr und lässt sich mal mehr, mal weniger Zeit für diese Handlung. Die deutlichsten Einschnitte markieren dann auch die „Regelverstöße“, wie der eines älteren Herren, der sich nicht an das wahrscheinlich vom Filmemacher erlassene Redeverbot hält und unentwegt mit seinem Hund spricht. Ob Benning es nun beabsichtigt hat oder nicht, bei ihm gerät das Rauchen zu einem körperlichen Ausdruck individueller Persönlichkeit. Und es ist durchaus charmant, dass er sich dafür ein Genussmittel ausgesucht hat, das in seinem Heimatland schon lange verpönt ist.

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