12 Years a Slave

Ein Film über den Schwarzen von nebenan, anno 1841. Mit einem Quereinstieg in die Geschichte der Sklaverei erteilt 12 Years a Slave Lektionen in Demut.

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Der Vorhang ist noch geschlossen, als der Moderator der Kinopremiere vor Branchenpublikum darauf verweist, dass es Filme mit schwarzen Hauptfiguren und Thematiken schwer hätten in Deutschland. Kaum hat die Vorführung begonnen, kommt ein Mann die Treppe hinauf, er ist im gesamten Kinosaal der einzige Schwarze. Statt sich auf einen der vielen freien Plätze zu setzen, bleibt er ein paar Reihen vor mir am Rand stehen. Bis zum Ende des Films wird er dort ausharren – und meine Wahrnehmung von 12 Years a Slave perspektivieren. Will er sich vom Film distanzieren, sich nicht vereinnahmen lassen? Auch auf der Leinwand geht es um Abgrenzungen. Zunächst ist das eine Unterscheidung unter Afroamerikanern: Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) ist 1841 in einer kleinen Stadt im Norden des Staates New York legal ein freier Mann – und er ist, wie Hollywood-Protagonisten so zu sein haben, erst recht schwarze: begabt, umsichtig, respektiert, ein Familienmensch. Nach einem schnellen, chronologisch umherspringenden Abriss landet er in Gefangenschaft und wird in den Süden verschifft. Auf dem Boot muss Solomon feststellen, dass er sich von den meisten anderen, resignierten Gefangenen unterscheidet. Er sagt dann einen Satz, der klingt, als sei er für den Trailer geschrieben: „I don’t want to survive, I want to live.“

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Die Sklavenhalter hat Regisseur Steve McQueen mit bekannten Gesichtern wie Michael Fassbender, Paul Giamatti, Benedict Cumberbatch und Paul Dano besetzt. Doch sie sind Nebelwerfer: 12 Years a Slave erzählt seine Geschichte vom mehrfachen Unrecht, anders etwa als Tarantinos Django Unchained (2012), nicht primär im Verhältnis zur Macht. Was die Herrschaft der Weißen über die Schwarzen für die Täter bedeutet, welche Schande sie sich aufbürden und welche Ungerechtigkeit sie verbrechen, lässt John Ridleys Drehbuch in den Dialogen immer wieder fragen. Die Bilder hingegen zeugen von etwas anderem. Die Kamera interessiert sich kaum für die Herrscher, sondern blickt selbst im Augenblick der größten Demütigung und des unwürdigen Leides noch auf das Verhältnis der Schwarzen untereinander, die allein schon durch ihr Überleben unablässig Schuld auf sich laden. Der künstlerische Atem von McQueen ist vor allem in einer Schlüsselszene zu spüren, in der er die Eigenständigkeit des Bildes gegenüber der Story behauptet. Der gefolterte Held verschwindet beinahe im Zentrum einer Panoramaaufnahme der ihn umgebenden Plantage – während seine Peiniger bereits die Ferne gesucht haben, schicken sich im Hintergrund die anderen Sklaven an, sich selbst zunächst in Sicherheit zu bringen und kommen Solomon erst später und nur zögerlich zur Hilfe. Für einen kurzen Augenblick schimmert das Potenzial einer Tiefenwirkung von 12 Years a Slave auf, bevor der Strom der Ereignisse alle Aufmerksamkeit wieder an sich reißt.

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McQueens größte Leistung angesichts des Stoffs ist der Verzicht auf Bilder der Ehrfurcht vor den tapferen Opfern und der Erbauung über ihren Mut, die bei Leidensgeschichten so oft unvermeidlich scheinen. Das selbst auferlegte Korsett der geradlinigen Spannungsdramaturgie inklusive ihrer notwendigen Nebenstränge lässt er erzählerisch die Oberhand gewinnen, dämmt es in seiner affektiven Wirkung aber stark ein. Obwohl 12 Years a Slave im Vergleich zu seinen bisherigen Arbeiten Hunger (2008) und Shame (2011) der weitaus konventionellere Film ist, gibt sich McQueen nicht dem emotionalen Überschwall hin, den die Geschichte wie von selbst produziert. Stattdessen nutzt er zur Dämpfung der empathischen Teilhabe anfangs mehrere chronologische Sprünge und später motivische sowie erzählerische Verschleppungen und Dopplungen. Nur so wird die Konstellation überhaupt erträglich.

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Etwas perplex lassen einen dagegen die Momente der Aufmüpfigkeit zurück, die zumindest kurzzeitig einer Form der Lustbefriedigung entsprechen, die an Tarantino gemahnt. Solomon verhält sich noch nicht wie die anderen Sklaven um ihn herum, seine Gefangenschaft muss er erst lernen anzunehmen. Diese Initiationsgeschichte nutzt 12 Years a Slave auch als Einführung des Zuschauers in das System Sklaverei. Die Besonderheit der wahren Geschichte des Solomon Northup, dessen gleichnamiges Buch als Grundlage für das Drehbuch diente, ist durchaus der Aspekt, dass er bereits frei war, bevor er Sklave wurde. Dabei geht es McQueen eher nebenbei darum, dass Solomon auch nach den damaligen Gesetzen der südlichen US-Staaten zu Unrecht versklavt wurde. Der Film vermeidet, sein Schicksal mit dem anderer zu vergleichen. Dennoch steht diese Frage immer wieder im Raum: Sollen wir retrospektiv unseren Blick mit seinem vereinen, weil er im Gegensatz zu den anderen schwarzen Figuren lesen und schreiben kann, im nordamerikanischen Sinn gebildet, sprich bürgerlich geformt ist und bereits die Begriffe der Freiheit und Demokratie kannte, sie am eigenen Leib erfahren hatte? Ist das nicht implizit eine Wertung anderer Traditionen und Erfahrungen der schwarzen Diaspora?

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12 Years a Slave provoziert diese Fragen und denkt sie mit. Kern des Films ist das Interesse dafür, was das Unrechtssystem mit den Menschen macht. Für dieses Unterfangen ist gerade der Kontrast zwischen dem Sonderling Solomon und den anderen Sklaven produktiv. In den meisten Belangen sind sie einander bald ebenbürtig. Obwohl Solomon sich dieser Wirklichkeit nie ganz stellen will, passt er sich seiner Lage schnell an. Der belesene Mann ist ein gutes Chamäleon. Aus allem raushalten, den Blick senken, Feinde und Freunde aus der Entfernung sondieren. Der Film macht es seinem Protagonisten gleich: nur nicht zu viel Nähe zu den anderen. McQueen sucht die Ambivalenz und zeigt genau diesen Prozess: Er setzt Solomons Opportunismus ins Bild und bindet sein Schicksal daran. Das kann nicht gut ausgehen. Es wirkt ernüchternd, entfremdend. Gleichzeitig Verwirrung, Verärgerung und Unentschlossenheit heraufzubeschwören, ist für einen Historienfilm eine kleine Sensation. Taumelnd verlasse ich den Kinosaal und vergesse darüber, den Blick des Unbekannten auf der Treppe ein letztes Mal zu suchen.

Trailer zu „12 Years a Slave“


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Kommentare


Martin Zopick

Der farbige Regisseur Steve McQueen (nicht noch ein Joke über seinen Namen) hat einen mutigen und konsequenten Film über das Sklavenproblem in den USA Mitte des 19. Jahrhunderts gemacht. Dabei spielt er ganz bewusst auf die harte Tour. Die Weißen sind nicht die Bösen, sie sind die Teufel. Unter ihnen leiden besonders die beiden Hauptdarsteller Solomon (Chiwetel Ejiofor) und Patsey (Lupita Nyong’o). Sie müssen, obwohl kein Paar, schier unerträgliche körperliche Schmerzen erdulden. Nichts wird beschönigt: Vergewaltigung und Auspeitschen der Sklaven sind an der Tagesordnung. In einer furchteinflößenden Atmosphäre der Rechtlosigkeit bestimmt erst ein humaner Sklavenhalter (Benedikt Cumberbatch) das Leben der Leibeigenen, gefolgt vom üblen Plantagenbesitzer Epps (Michael Fassbender). Der überzeugt als Menschenschinder der schlimmsten Sorte. Er lebt nicht wie ein Schwein, er ist eins. Von den beiden Cameos (einmal Paul Giamatti als fieser Sklavenhändler) ist das von Brad Pitt (auch Produzent) das entscheidendste. Er liefert sich ein intellektuelles Rededuell mit Epps, in dem er mit vollster Logik darlegt, warum Sklaverei weder religiös noch rechtlich oder ökonomisch haltbar ist. Die Filmmusik ist von Hans Zimmer und so gibt es nebenher noch viel echten Blues, der das Bild stimmig abrundet.
Der Film überzeugt durch eine ergreifende Story, die in einer typischen Südstaaten Atmosphäre spielt. Bemerkenswert, wie er nur in eine Richtung geht: Unrecht, Gewalt und Leid. Und selbst das erwartete Happy End bleibt trotz Tränenreichtum erträglich.


ulle

Der Film ist Hollywood pur. Im Grunde Schindlers Liste für die schwarze USA Bevölkerung. Absolut ok im pädagogischen Sinne, aber cineastisch vernachlässigbar. Ich hätte McQueen ein wenig mehr Mut gegönnt, aber nun gut, der Film war von vornherein auf Oscar getrimmt , was aber nicht komplett gegen den Film spricht. Was mich hin und wieder genervt hat sind eher die eben für jeden und alle IQ-Schichten verständlichen Bilder, die mitunter mit Hans Zimmers Musik ins kitschige abgleiten. Der Anfang des Films für mich kaum erträglich: Ein Meister Propper sauberes , schwarzes Klischee- NY, das nur so trieft vor Anständigkeit, Toleranz und Spießigkeit. Die schwarze Familie im 19. Jh als Vorahnung der Obama- Oprah Winfrey- Demokratie. Der Rest des Films eher "Roots" / Kunta Kinte Prinzip und wenig eigenständiges. Schauspieler wie Paul Dano z.B. spulen ihre immer gleiche Rolle ab und - bis auf Sarah Paulson- sind alle, inklusive Fassbender und Pitt Ihren erwartbaren Möglichkeiten verhaftet. Irgendwie langweilig wie vorhersehbar, wenn man über 30 ist.






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