Tuyas Hochzeit

Die mongolische Hirtin Tuya steckt in einer Zwangslage: Um das Überleben ihrer Familie zu sichern, muss sie einen neuen Ehemann finden. Das berührende und stets auch humorvolle Porträt Tuyas Hochzeit wurde bei der Berlinale 2007 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Tuyas Hochzeit

Die Bilder sind glasklar wie die Luft, eindringlich wie die schneidende Kälte. Dick vermummt, mit Filzstiefeln und rosarotem Wollkopftuch, hinter dem das Gesicht größtenteils verschwindet, reitet Tuya (Yu Nan) tagtäglich über die kargen Steppen der Inneren Mongolei, immer auf der Suche nach Futter für ihre Schafe und Wasser für Mensch und Tier. Die Rechnung ist denkbar einfach: Findet sie nichts, hat keiner etwas. Denn nachdem ihr Mann Bater (Bater) sich beim Brunnengraben verletzt hat und nicht mehr laufen kann, ist allein Tuya für die Versorgung der Familie verantwortlich. Der Brunnen liegt indes immer noch trocken, die Wanderungen zur versiegenden Quelle sind beschwerlich, der Steppenboden gibt nicht viel her.

Hin und wieder öffnen Totalen den Blick auf malerische Landschaftstableaus: Tuya auf ihrem Kamel, die Schafe, die Weite der Landschaft, der wolkenlose Himmel, das goldene Licht der tief hängenden Sonne. Die Poesie dieser Ansichten ist trügerisch, weil bei aller Naturschönheit eigentlich nur nackte Tatsachen zu sehen sind – ein harter Überlebenskampf und seine Protagonisten. Als Tuya zusammenbricht und ihren Rücken fortan nicht mehr weiter schinden darf, ohne Gefahr zu laufen, selbst zum Pflegefall zu werden, ist die Deutlichkeit des Dilemmas bestechend: Plötzlich fehlt die Hauptfigur, die Hüterin einer empfindlichen Nahrungskette.

Tuyas Hochzeit

Mit einnehmender Ruppigkeit beginnt Tuya, um ihr Überleben und auch um ihr Glück zu kämpfen. Mit Baters Einverständnis lässt sie sich zwar scheiden, um einen neuen Mann zu finden. Allerdings soll sich dieser nicht nur um Tuya und ihre beiden Kinder kümmern, sondern ebenfalls um Bater. Schon bald rücken die ersten Anwärter in immer größeren Autos an, doch Tuyas Bedingungen sind schwer zu akzeptieren.

Während der Verhandlungen über eine mögliche Eheschließung schleicht sich stets Baters Flötenspiel aus dem Off in die Bilder ein und erinnert an die verglimmende Ehe: Tuya wendet den Kopf von den Besuchern ab und sieht durch ein Fenster Bater beim Musizieren zu – durch den Fensterrahmen eingefasst wie ein Bild aus der Vergangenheit. Mehrerer solcher Rahmungen halten im Verlauf des Films die Momente des Zerfalls der vierköpfigen Familie fest und visualisieren Baters notgedrungene Verlassenheit genauso wie seine unüberwindbare Präsenz. Gleichzeitig kennzeichnen sie auch einen verhaltenen zärtlich-traurigen Blick des einen Ehepartners auf den anderen, der die Tragik ihrer Beziehung – eine tiefe und unauslöschbare Liebe – offen legt. So entwickelt sich die avisierte Lösung des Dilemmas fast zur Katastrophe und Tuya löst ihre Verlobung wieder auf.

Tuyas Hochzeit

Ähnlich wie in seinen ersten beiden Spielfilmen, Yue Shi (1999) und Jingzhe (2003) hat Regisseur Wang Quan’an in Tuyas Hochzeit die Figur einer willensstarken, kämpferischen Frau entworfen, die nicht bereit ist, sich ihrem Schicksal völlig widerspruchslos zu beugen. Unnachgiebig hält Tuya am letzten Zipfel Selbstbestimmung fest und nimmt nur von anderen, wenn sie zurückgeben kann. Lediglich ihr chaotischer Nachbar Senge (Senge) vermag es, Tuya aus der Fassung zu bringen: Die vielen unverblümten, halb beleidigenden, halb umwerbenden Schlagabtausche zwischen den beiden gehören zu den eindrücklichsten Momenten des Films, und auch zu den komischsten.

Wang Quan’an steckt Tuyas Situation zwischen entbehrungsreichem Leben, körperlicher Erschöpfung und unerschütterlicher Positionseinnahme in wunderschönen und wirkungsvoll inszenierten Aufnahmen ab, die trotz aller Kunstfertigkeit zurückhaltend und geradlinig anmuten. Direkt und fern von jeglichem Pathos wirkt auch das Spiel seiner Hauptdarstellerin Yu Nan, der einzigen professionellen Schauspielerin im Film, der es als Tuya gelingt, stark und zerbrechlich zugleich zu erscheinen. Die vielen Laiendarsteller wissen ihre Rollen zwischen den Präsentationen harter Lebensbedingungen und großer Lebensfreude ebenfalls gekonnt auszubalancieren: Es entsteht ein beschwerliches wie beschwingliches Bild der Situation traditionell lebender Familien in der Inneren Mongolei, die ihre Kultur gegen den Einzug des modernen Lebens behaupten wollen oder auch nicht. Obwohl Tuyas Hochzeit mit Tränen beginnt und mit Tränen endet, zeigt der Film dennoch, dass manche Kämpfe sich auszahlen.

 

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Kommentare


Martin Zopick

Tuyas Hochzeit

Die erste Einstellung ist die gleiche wie die letzte. Beim ersten Mal wird man neugierig, weil man noch nichts versteht, beim zweiten Mal bewegt einen Tuyas Gesicht, und man begreift, was in ihr vorgeht.
Der Film entführt uns in eine den Europäern völlig fremde Welt, auch wenn die deutsche Synchronisation sehr umgangsprachlich und modern klingt. Tuya lebt mit ihrem beim Brunnenbau verunglückten Mann, Bater; und zwei Kindern mit Kamel und vielen Schafen in der Steppe. Nur zum Nachbarn Sen’ge, der leicht “verrückt“ und unzuverlässig ist, hat sie Kontakt. Doch der läuft ständig seiner Ehefrau hinterher, die ihn immer wieder verlässt. Als Tuya Probleme mit der Wirbelsäule bekommt und nicht mehr arbeiten kann, beschließt sie in Absprache mit ihrem Noch-Ehemann, sich zu verheiraten. Einzige Bedingung ist, dass Bater bei Tuya bleiben kann.
Mehrere Freier tauchen auf und fast hätte es auch mit einem alten Klassenkameraden geklappt. Doch als Sen’ge tatsächlich den Brunnen gegraben hat und Tuya mitten in den Hochzeitsvorbereitungen mit einem anderen mit einem erneuten Heiratsantrag überrascht, werden wir mit Tuyas tränenüberströmten Gesicht allein gelassen – können uns unsere eigenen Gedanken machen.
Der Erkenntniszustand des Zuschauers steht optisch genau da, wo er am Anfang schon war – nur jetzt auf einer etwas höheren Stufe: weiser, gereifter, erfahrener.






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