Turumba – Kritik

In dem kleinen philippinischen Pilgerort Pakil basteln Kinder rote Spielzeugpferde für das Münchner Oktoberfest. Querkopf Kidlat Tahimik zeigt, wie frei und spielerisch Globalisierungskritik ausfallen kann.

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Irgendwann sitzt in Turumba (1981) eine Gruppe junger Mädchen zusammen und spielt auf der Gitarre den Song „One Way Ticket (to the Blues)“. Die Handlung ist zwar 1972 angesiedelt, ganz sicher kann man sich aber nicht sein, ob es sich bei dem Lied nun um ein Cover von Neil Sedakas  Original handelt oder vielleicht doch um die erst 1979 erschienene, in Deutschland produzierte Neuinterpretation der Disco-Band Eruption. Historisch korrekt wäre das freilich nicht, aber Kidlat Tahimik nimmt es in seiner zweiten Regiearbeit ohnehin nicht so genau mit der Authentizität. Nicht nur Dokumentation und Fiktion begegnen sich auf Augenhöhe, auch der Fantasie sind in dieser skizzenhaften Parabel über Globalisierung und Identität keine Grenzen gesetzt. Einmal berichtet etwa der junge Erzähler Kadu (Home Abiad) aus dem Off, wie die Discowelle in sein Heimatdorf geschwappt ist – und das, obwohl man ’72 gerade mal in der Geburtsstadt New York etwas von der neuen Musikrichtung mit der pumpenden Bassdrum gehört hat.

Der Familienbetrieb wird zur Fabrik

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Kadus Heimatdorf, das ist der christliche Pilgerort Pakil, in dem sich sich das gesamte Leben um die jährliche Turumba-Prozession dreht; einem großen Fest zu Ehren der Mater Dolorosa, das mit aufwändigen Blumengestecken, Tanz und Gesang gefeiert wird. Kadus Familie bastelt dafür aus alten Zeitungen leuchtend rote Spielzeugpferde. Dabei lässt man sich Zeit, sitzt gemütlich zusammen und hört sich Omas Geschichten von früher an. Überhaupt betont Tahimik immer wieder die Bedeutung des gesellschaftlichen Miteinanders. An Figuren im traditionellen Sinn zeigt er sich ohnehin kaum interessiert, eher an einem sozialen Gefüge, das sich allerdings nie ganz greifen lässt. In Pakil wird alles zusammen gemacht: Die Kinder planschen im Fluss und schreien sich heiser, während die Erwachsenen musizieren oder mit Kronkorken Dame spielen. Meist stehen solche Beobachtungen nicht im Dienst einer Geschichte, sondern nur für sich selbst. Turumba wirkt im besten Sinne verspielt, improvisiert und unberechenbar. Während sich Tahimik mit kindlicher Freude für das Alltägliche begeistern kann, bleibt auch das Magische stets im Bereich des Möglichen. Zum Beispiel, wenn sich die Kleinen auf ihre Spielzeugpferde werfen und sich ein wildes Wettrennen durch den Dschungel liefern.

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Von einer Geschichte wird der Film trotzdem zusammengehalten: Eines Tages steht eine deutsche „Einkaufsleiterin“ (Tahimiks Ehefrau Katrin Luise) vor Kadus Stand und will 500 von den Tieren für das Münchner Oktoberfest produzieren lassen; später dann noch eine größere Anzahl an Dackeln für die Sommerolympiade. Die Aussicht auf ein Leben mit weniger finanziellen Sorgen ist für den Vater des Jungen zu verlockend: Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich der Familienbetrieb zur Fabrik. Das zuvor noch in liebevoller Einzelarbeit gestaltete Handwerk wird nun in Massenproduktion  hergestellt.

Deutsche Nationalhymne im philippinischen Dschungel

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Die Gegensätze scheinen in Turumba klar zu sein: Die Tradition muss gegen den Fortschritt verteidigt werden. Schon mit seinem Namen versucht Tahimik, die koloniale Vergangenheit abzuschütteln. Geboren wurde er als Eric de Guia, hat sich aber schließlich mit einem Pseudonym, das auf Tagalog „stummer Blitz“ bedeutet, eine neue Identität geschaffen. Und obwohl es ihm durchaus ernst damit ist, das vermeintlich Rückständige zu bewahren, ist sein Film so gar nicht demagogisch oder vereinfachend, also ganz anders, als man das bei derart offenen politischen Absichten vermuten könnte. Das geht schon mit der „Einkaufsleiterin“ los, die eben nicht zur kapitalistischen Ausbeuterin dämonisiert wird, sondern nur auftritt, um ein verlockendes Angebot zu machen. Vielmehr ist es die Dorfbevölkerung, die lernen muss, gegen die Bequemlichkeit der modernen Technologie Widerstand zu leisten. Wie Kadus Oma, die ihren Enkel anfährt, er solle den neuen Ventilator abstellen. Luft zuwedeln könne sie sich immer noch selbst.

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Es bedarf schon einer gewissen für Tahimik durchaus charakteristischen Ironie, dass ausgerechnet ein Film, der nahelegt, man solle seiner Herkunft und Tradition treu bleiben, durchsetzt ist von unterschiedlichen Aneignungsprozessen. Woher etwas ursprünglich kommt, ist – wie schon im Falle von „One Way Ticket (to the Blues)“ – egal. Ob sich die musikbegeisterte Dorfgemeinde  nun immer wieder durch ausländisches Liedgut – das von den Beatles bis zur deutschen Nationalhymne reicht – jammt oder aus einem alten Mercedes eine Machete fertigt, mit herkömmlichen Vorstellungen von Nationalismus hat das auf jeden Fall nichts zu tun. Nie geht es darum, sich den westlichen Einflüssen zu verschließen. Man sollte nur ein bisschen wählerisch sein. In einem Land wie den Philippinen ist das Fremde ohnehin fester Bestandteil der eigenen Kultur. Die christliche Tradition, die es in Turumba zu bewahren gilt, ist letztlich auch nur ein Relikt der spanischen Kolonialzeit.

Abseits der Filmindustrie

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Im Vergleich zu Tahimiks ziemlich verrücktem Debüt Perfumed Nightmare (Mababangong bangungot, 1977), das auch schon von westlichen Sehnsuchtsorten und einem tiefen Skeptizismus gegenüber moderner Technologie erzählte, ist Turumba fast schon ein geradlinig erzählter Film. Das heißt nicht, dass er deswegen konventionell wäre, man muss die Revolutionen nur im Kleinen suchen. Dazu sollte man wissen, dass Tahimik einer der wenigen philippinischen Regisseure ist, die in den 1970er und 80er Jahren abseits der Filmindustrie gedreht haben. Den aktuellen jungen Regisseuren wie John Torres, Lav Diaz, Raya Martin oder Khavn ist er mit seinem Hang zur offenen Form und kindlichen Experimentierfreude sehr viel näher als seinen Zeitgenossen, die letztlich doch fast immer dem dominierenden populären Erzählkino entstammten. Dass der vor Lebensfreude sprühende Querkopf überhaupt zum Film kam, ist übrigens nicht zuletzt der Verdienst von Werner Herzog. Der setzte Tahimik als Statist in Kasper Hauser – Jeder für sich und Gott gegen alle (1974) ein und ermutigte ihn, sein Leben dem Kino zu verschreiben. Vielleicht ist es als eine Art Dankeschön zu verstehen, dass Tahimik in Turumba 500 rote Spielzeugpferde nach München schicken lässt.

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