Turbo Kid

Wenn Nostalgie aufhört, nur Pastiche zu sein, und in purer Liebe aufgeht: Ein Superheldenfilm lässt den Zuschauer zu treibenden Synthie-Sounds in kindlicher Anarchie schwelgen.

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So ziemlich alles in Turbo Kid, dem Langfilmdebüt des Regie-Trios François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell, ist auf irgendeine Art und Weise niedlich. Die Ausstattung, die Storyline, die Gewalt, die Figuren sowieso. Robo-Girl Apple (Laurence Lebœuf) ist mit ihrer naiven Überdrehtheit und Unbedarftheit, der sie in ihrem türkisen Overall samt Sternchen-Haarband freien Lauf lässt, einfach nur entwaffnend bezaubernd. Dem Oberschurken-Handlanger Skeletron (Edwin Wright) würde man trotz aller Bösartigkeit gerne mal durchs zottelige Strubbelhaar fahren, und selbst die monströse Menschenentsaftungs-Maschine, deren klappernde und quietschende Zahnräder dazu gedacht sind, Körper derart zu zermalmen, dass trinkbares Wasser daraus destilliert werden kann, ist auf morbide Weise putzig. Wäre nicht das trostlose grau-in-graue Außensetting (gedreht wurde im Industriebrachland um Montreal), der Film wäre, möchte man meinen, vielleicht sogar unerträglich geworden.

Ein Nachmittag auf dem Spielplatz

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Doch das ist er nicht. Sehr früh überkommt einem beim Sehen von Turbo Kid ein Gefühl, das man im Genrekino nicht unbedingt häufig hat. Der Film ist bei allem, was er tut, und mögen gerade auch unbarmherzig Innereien aus Leibern gerissen werden, vollkommen unverdorben. Der kreative Geist des Infantilen beherrscht das gesamte Geschehen, an vielen Stellen erscheint Turbo Kid wie ein Teenie-Abkömmling der Mad Max-Reihe (1979–2015) oder eine erträglichere Variante des ultrabrutalen Hobo with a Shotgun (2011). Nicht zuletzt durch die die Grundstimmung auffällig konterkarierende Wahl der Location wirkt der Film ein wenig so, als hätte man einfach die Kinder aus der Nachbarschaft mit ihren BMX-Rädern bis zum Abendessen zum Spielen rausgeschickt. Und als malten sich diese im Sandkasten in knalligen Karnevalskostümen eine überbordende Fantasiewelt aus, nimmt die Story ihren Lauf.

Bezeichnenderweise lernen sich der namenlose Held (Munro Chambers) und seine baldige Weggefährtin auf dem Spielplatz kennen. Zwischen rostigen Schaukeln und menschlichen Überresten erfolgt die erste, äußerst kuriose Annäherung, bevor aus Baseballschläger, Gartenzwerg und Gaffer Tape leidlich funktionale Nahkampfwaffen gebastelt werden. Eine nicht näher erläuterte Katastrophe hat den Globus im Jahr 1997 in eine postapokalyptische Wüste verwandelt. Als ein junger Plünderer die wahrhaftigen sterblichen Überreste seines Lieblingscomichelden entdeckt, schlüpft er kurzerhand in dessen Outfit, um die dystopische Welt von Bösewicht Zeus zu befreien, der sich zum Herrscher über die knappen Trinkwasserreserven der Erde ernannt hat. Jede Einstellung atmet dabei den Spirit der späten 1980er und frühen 1990er Jahre, der von Anleihen an die Videospielfigur des Mega Man über View-Master-Spielzeuge bis hin zu pinken Plastikflamingos reicht.

Gezwungenermaßen gut?

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Dass Turbo Kid dabei von vorne bis hinten gut funktioniert, ist eigentlich nicht verwunderlich. Denn natürlich legt ein Projekt wie dieses, das von Genregeeks für eben solche gemacht wurde, ein gewisses Know-how an den Tag. Als detailverliebte und temporeiche Minimalvariation von Altbewährtem versteht es Turbo Kid mit seinen beschränkten Mitteln hervorragend, ein spezifisches Publikum mit gekonnten Wechseln zwischen Retro-Chic, Romantik und Randale auf Trab zu halten. Oder all das gleich in einem einzigen Moment zu vereinen, wenn sich der Protagonist aufmacht, das Mädchen, das ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen will, aus einer obskuren Kampfarena zu befreien. Gemessen an Budget und Produktionsaufwand steht der Film freilich im Schatten anderer vergleichbarer Superheldenfilme der letzten Zeit wie Kick-Ass (2010) oder Super (2010). Story- und figurentechnisch bauen die Regisseure ein ganz ähnliches schematisches Grundgerüst – der Zufall macht den Schwächling zum Helden und stellt ihm einen kuriosen weiblichen Sidekick zur Seite.

Und dennoch ist Turbo Kid ungleich bemerkenswerter. Je stärker seit den letzten Jahren dank nostalgischem Genrekino Retrowahn und Referenzwut die Kinosäle fluten, desto mehr muss man um die wahre Hingabe für den zitierten Gegenstand bangen. Wie liebevolle Aneignung einer bloßen Kalkuliertheit weichen muss, zeigte letztens der recht abgeschmackte Pixels (2015). Und auch gelungene Comichelden-Filme wie eben Kick-Ass schnaufen schwer unter der Last einer gewissen Konstruiertheit, eines ökonomischen Standards und eines bestimmten Production Values.

Superheldenfilm als Wunschtraum

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In Turbo Kid hat jedoch die konsistente Vision stets den Vorrang vor genreüblichen Zwangsauflagen. Er schickt sich nicht an, jede brauchbare Idee zu verwerten oder sämtliche potenziell rentablen Motive zu horten, sondern zieht einfach seinen Stiefel durch. Auch mit markigen Oneliner-Brüllern, die dem geneigten Zuschauer schallendes Gelächter entlocken sollen, wird sich hier beispielsweise stark zurückgehalten. Wo Superheldenfilme durchaus oft mit Lust an der Sache an ihr Thema herantreten, wo auch ein Bewusstsein für das Zitierte hergestellt wird, da geht Turbo Kid noch einen Schritt weiter. Die Regisseure legen eine tiefe Verbundenheit mit ihrem Thema an den Tag, die über lange Zeit hinweg gereift ist. Man kennt sie, die kindlichen Träume, die einen unablässig faszinieren, an denen man über Jahre festhält, weil sie sich aus irgendeinem Grund nachhaltig ins Gedächtnis gebrannt haben. Und weil man gar eine Art Beziehung zu diesen Fantasien aufbaut, sind sie etwas unheimlich Inniges. Turbo Kid ist wie die Umsetzung einer solchen Fantasie.

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