Tulpan
In seinem ersten Spielfilm lässt Sergey Dvortsevoy die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation verschwimmen und entzieht sich sämtlichen Klischees des World Cinema.
Tulpan zieht den Zuschauer gleich mit der ersten Szene unmittelbar in die Handlung hinein: Der ehemalige Matrose und zukünftige Hirte Asa (Ashkat Kuchinchirekov) stellt sich gemeinsam mit seinem Schwager (Ondasyn Besikbasov) und seinem besten Freund Boni (Tulepbergen Baisakalov) bei den potenziellen Schwiegereltern vor. Tulpan, das Mädchen um das es bei diesem ungewöhnlichen Bewerbungsgespräch geht, verbirgt sich währenddessen stumm hinter einem Vorhang. Kurz darauf lässt sie durch ihre Eltern ausrichten, dass sie Asa wegen seiner Segelohren nicht heiraten möchte.
Nach mehreren Dokumentationen hat der kasachische Regisseur Sergey Dvortsevoy mit Tulpan seinen ersten Spielfilm gedreht. Sobald er den Zuschauer mit einer herkömmlichen Exposition von Handlung und Figuren konfrontiert hat, steht die Narration erst einmal für längere Zeit still. Stattdessen beobachtet der Film Asa und seinen Schwager ausführlich dabei, wie sie während eines Sandsturms versuchen, eine Schafherde zusammenzutreiben. Von einem Augenblick zum Nächsten verlagert sich die Aufmerksamkeit von einer konventionellen Handlung nach Drehbuch auf eine dokumentarische Betrachtung.
Auch im weiteren Verlauf von Tulpan wechseln sich immer wieder fragmentarische Handlungsmomente – neben Asas sturem Werben um Tulpan geht es etwa auch um Probleme mit dem Nachwuchs der Herde und Spannungen zwischen Asa und seinem Schwager – mit rein beobachtenden Szenen über den Alltag in der kasachischen Steppe ab. Die meiste Zeit gelingt es dem Film die dokumentarischen und fiktiven Elemente in ein gut funktionierendes Spannungsverhältnis zu setzen. Nur an wenigen Stellen leidet Tulpan darunter, dass er sich in den teilweise sehr langen dokumentarischen Sequenzen zu weit von der Handlung wegbewegt und danach nur etwas holprig wieder zurückfindet. Gleichzeitig finden sich gerade in jenen Passagen die intensivsten Momente des Films. Besonders zwei längere Szenen, in denen Asa und sein Schwager mit aller Kraft versuchen, ein frisch geborenes Schaf am Leben zu halten, wirken durch ihre unmittelbare Darstellung so spannend, bleiben dabei aber fest mit der Handlung verankert.
Häufig finden Filme aus nicht-westlichen Ländern nur den Weg in unsere Kinos, wenn sie sich unter der Kategorie eines sentimentalen World Cinemas vermarkten lassen. Neben einer universalen, meist rührseligen Geschichte leben die Filme in erster Linie von ihrer Exotik – egal ob es sich nun um den Schauplatz, skurrile Figuren oder eine ausgestellte Folklore handelt. Vergleicht man Tulpan etwa mit einem Film wie Die Höhle des gelben Hundes – der spielt zwar in der Mongolei, erzählt aber ebenfalls in einer Mischung aus Dokumentation und Fiktion vom Alltag einer Familie in der Steppe – wird klar, wie sehr er sich dieser Kategorie entzieht.
Schon was die Inszenierung der Landschaft betrifft, trennen die beiden Filme Welten. Statt an durchkomponierten Bildern einer erhabenen Naturkulisse ist die wackelige Handkamera in Tulpan an den Figuren interessiert. Auch folkloristische Elemente wirken hier nie ausgestellt, sondern ergeben sich aus der Situation. Wenn etwa Asas Nichte immer wieder ein traditionelles Lied anstimmt, ist das keine an die Kamera gerichtete Demonstration einer fremden Kultur, sondern inhaltlich motiviert: Es ist ein Akt der Rebellion gegen den Vater, der am Tisch keinen Gesang duldet.
Gegen das Romantisieren eines ursprünglichen Lebens in der Steppe setzt Tulpan eine sehr nüchterne Darstellung, die sich nicht nur auf die dokumentarische Machart zurückführen lässt, sondern auch auf die Geschichte. Stellvertretend dafür steht jenes Mädchen, das dem Film seinen Titel leiht, sich aber weder dem Zuschauer noch Asa selbst zeigt. Bereits der ausschlaggebende Grund für die geplante Heirat ist ein rein ökonomischer: Ohne Frau bekommt Asa keine eigene Schafherde und Tulpan ist das einzige heiratsfähige Mädchen in der Gegend. Wenn sich Asa mit der Zeit dann doch in das Mädchen verliebt, dann nur, weil die sich stets verbergende Tulpan eine dankbare Projektionsfläche für Asas Wunschträume bietet.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 13.10.2009
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Film-Angaben
Titel: Tulpan
Deutschland, Kasachstan, Polen, Russland, Schweiz 2008
Laufzeit: 90 Minuten
Regie: Sergei Dvortsevoy
Drehbuch: Sergei Dvortsevoy, Gennadi Ostrovsky
Produktion: Karl Baumgartner, Thanassis Karathanos, Raimond Goebel, Valerie Fischer
Bildgestaltung: Jolanta Dylewska
Darsteller: Tolepbergen Baisakalov, Ondas Besikbasov, Samal Esljamova, Askhat Kuchencherekov, Bereke Turganbayev
Kinostart: 03.12.2009
DVD-Angaben
Titel: Tulpan
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DD 2.0/Stereo), Kasachisch (Dolby Digital/2.0 Stereo)
Untertitel: Deutsch, Französisch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 98 Minuten
Extras: Pandora Trailershow
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 07.05.2010
Copyright Tulpan
Fotos: © Zeitgeist
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